Kurze Geschichte des Haus Walser

HW ca 1880
Blick nach Norden auf die Südfassade des Haus Walser in der Zeit um 1900 (Foto: Sammlung Haus Walser; Repro: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Jahr 1587 wurde in einem Zinsregister erstmals eine Färberei genannt, die zum waldburg-trauchburgischen Teil der Herrschaft Kißlegg gehörte. Sie wurde vermutlich kurz nach dem ersten überlieferten Ortsbrand von Kißlegg 1548 erbaut.

Im Dreißigjährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 andauerte, und auch in den 1630er Jahren großes Leid, Seuchen, Tod und Kriegszerstörungen in der Herrschaft Kißlegg mit sich brachte, verödete die Kißlegger Färberei wohl und verfiel zusehends.

Erst 13 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1661 wurde die Färberei wieder als Lehen an den Färbermeister Andreas Walser aus Hergensweiler verliehen, der die Kißleggerin Elisabeth Kible heiratete, das Färbereigebäude reparierte und den Färbereibetrieb wiederaufbaute. Ein Hinweis darauf, dass er hiermit wirtschaftlichen Erfolg hatte lässt sich in seinem Eintritt in die Weberzunft der freien Reichsstadt Wangen 1685 sehen, was ihm vermutlich die Möglichkeit eröffnete in Wangen seine gefärbten Textil-Produkte zu verkaufen, und ihn unter die Qualitätskontrolle sowie handwerklich-rechtliche Aufsicht der Weberzunft stellte.

Mit dem Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges 1701 änderte sich die Lage in Kißlegg. Der Ortsbrand von Kißlegg 1704, bei dem neben dem Schellenbergischen Schloss, der Pfarrkirche St. Gallus-Ulrich und dem Franziskanerinnen Kloster Maria Bethlehem nur das Haus des Färbermeisters Andreas Walser die Brandkatastrophe unbeschadet überstanden, bedeutete eine enorme Zäsur für das Leben und Wirtschaften der Menschen in Kißlegg. Der Ort musste nun wiederaufgebaut werden, die Menschen bis dahin notdürftig untergebracht werden, die Feldfrucht eingefahren und gelagert werden, die Handwerker mussten ihre Produktionsstätten neu einrichten und es musste viel Fronarbeit geleistet und Geld investiert werden um die zerstörten Häuser neu zu erbauen. Der Färbermeister Andreas Walser hingegen, dessen Haus vom Brand verschont wurde, hatte es im Gegensatz hierzu sicherlich deutlich leichter. Hatten er und seine Familie doch noch ihr Dach über dem Kopf und konnten trotz der verpflichtenden Ableistung von Fronarbeiten beim Wiederaufbau ihren Färbereibetrieb weiterführen.

Erst 1715 entschied sich Antonius Walser der Sohn von Andreas zum Abriss der alten und Neubau einer neuen Färberei. Hierbei wurden jedoch, um Baumaterial und somit Arbeitskraft, Zeit und Geld zu sparen, auch Spolien des alten Färbereigebäudes mitverbaut. Der Neubau der Färberei 1715 kennzeichnet den Beginn einer Phase des Prosperierens des Färberbetriebs, was einherging mit dem allgemeinen Anbruch wirtschaftlich besserer Zeiten nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges. Dies lässt sich im Fall der Färberei Walser vor allem anhand des Heiratsverhaltens der Söhne und Töchter des Antonius Walser und der Anna Maria Zundl ableiten. So heirateten die Söhne Johannes und Franz Walser in Färbereibetriebe in Aulendorf und Wangen ein, und vergrößerten somit das Walserischer Färbereifamilienunternehmen um weitere zwei Betriebe. Die Töchter Maria Anna und Teresia Walser heirateten je einen vermögenden Wirt aus Herfatz sowie einen Wundarzt aus Wangen, und bekamen hierfür vergleichsweise umfangreiche Heiratsgüter von ihren Eltern mit in die Ehen.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts war es Bernhard Walser und seine Ehefrau Maria Theresia Mangold, die das Haus Walser prägten. Auf Ihr wirken geht die erhaltene spätbarocke bis klassizistische Ausbauphase des Gebäudes zurück. Bernhard Walser übte zudem im Haus die Fassmalerkunst aus und war sicherlich beteiligt an der Anfertigung der im Haus Walser überlieferten spätbarocken und klassizistischen Wandmalereien sowie weiterer Kunstgegenstände.

Die Französische Revolution und die Zeit der Napoleonischen Kriege von 1792 bis 1815 läuteten einen gesellschaftlichen und politischen Wandel ein, der auch das Leben der Menschen in Kißlegg beeinflusste. Zentrale Grundgedanken, Organisationsweisen, und Prinzipien bürgerlich-freiheitlicher Demokratie wurden geboren, Kißlegg wurde 1806 dem Königreich Württemberg zugeschlagen, das Heilige Römische Reich ging unter, Söhne Kißlegger Familien wurden zum Dienst in den Truppen des Königreichs Württemberg beispielsweise als Soldaten nach Russland geschickt, starben in den dortigen Schlachten oder kehrten wieder Heim und berichteten von Ihren Erlebnissen, Entbehrungen, Leid und Tod.

In dieser bedeutenden Phase der Geschichte Mitteleuropas brach 1795 Xaver Walser, der Sohn von Bernhard Walser und dessen zweiter Ehefrau Teresia Göser, auf zu seiner Wanderschaft als Färbergeselle, die ihn von Württemberg aus, über Bayern, Österreich, Ungarn, die Slowakei, Böhmen, Mähren und schließlich wieder Bayern durch einen größeren Teil des südöstlichen Europas führte, und 1801 wieder zurück nach Hause zu seiner Familie in Kißlegg. Nachdem seine Mutter Teresia Göser 1806 starb heiratete Xaver Walser im selben Jahr noch Katharina Liebherr, übernahm den Färbereibetrieb und baute diesen aufgrund günstiger wirtschaftlicher Bedingungen 1815 aus. Seine beiden Söhne Alois und Hubert Walser verließen das elterliche Haus und waren fortan als Kunstmaler und Fassmaler in Langenargen und Kißlegg tätig.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts bekam die Walserische Färberei aufgrund der Industrialisierung des Textilgewerbes in Allgäu-Oberschwaben jedoch zusehends Konkurrenz durch die industrielle Textilveredlung. Hierdurch wurde der Niedergang des Färbereibetriebes eingeleitet. Xaver Walser II. der Sohn von Xaver Walser I. und Katharina Liebherr musste als letzter Färbermeister im Haus bereits nach und nach die Textilveredlung einstellen und vermehrt als Dienstleister der regionalen Textilindustrie auftreten, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Er und seine Ehefrau Maria Anna Sigg verschuldeten sich durch Kreditnahme bei ihren Kißlegger Mitbürgern und verkauften landwirtschaftliche Flächen, um 1869/70 hiermit den Ausbau der Tenne des Haus Walser für ihre Tochter Veronika Walser und deren Ehemann den Nagelschmied Wilhelm Angele Wohn- und Wirtschaftsräume zu finanzieren.

Der Sohn Felix Walser hingegen kehrte nach seiner Ausbildung als Spengler und der erworbenen Meisterschaft zurück nach Kißlegg und eröffnete im Haus Walser Ende der 1870er Jahre ein Haushaltswarengeschäft und eine Bauspenglerei. Dies bezeichnete auch das Ende der Färberei Walser in Kißlegg. Unter Felix Walser erfolgte eine stetige Erweiterung des Gebäudes durch An- und Ausbauten.

Anton Walser, der Sohn von Felix Walser und Franziska Amman heiratete 1926 die aus Wangen stammende Aloisia Walser und übernahm den Spenglereibetrieb. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Alois, Anton und Klara Walser hervor. Ab 1925 bewohnten die Schwestern von Anton Walser bis 1966 ein in diesem Jahr an das bestehende Gebäude angebautes Wohnhaus.

Nach dem Tod des Vaters Anton 1951 wurde der Spenglereibetrieb aufgegeben. Auch nach dem Tod der Mutter Aloisia Gelle 1961 blieben die Geschwister Walser im Haus wohnen.

Nach dem Tod von Alois Walser 2011 wohnte Klara Walser noch bis zum Herbst 2015 alleine im alten Teil des Gebäudes.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht im Namen der „Fördergruppe Haus Walser“ im Heimatverein D´Schellenberger e.V. am 02.10.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

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