Ein barocker/klassizistischer Kachelofen in der Stube des Haus Walser

Eines der bedeutendsten Ausstattungselemente des Haus Walser ist ein barocker / klassizistischer Kachelofen, der sich in der Stube im Erdgeschoss des Gebäudes befindet (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 2: Blick nach Westen auf die Ostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 3: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens, links im Bild der gusseiserne Ersatzofen (Philipp Scheitenberger 2018).

Der Kachelofen besitzt einen zweiteiligen Aufbau. Der Unterbau des Ofens weist von der Sandsteinplatte bis zum Kraggesims eine Höhe von 71,0 cm auf, die Höhe des Oberbaus beträgt vom Sockelgesims bis zum Kraggesims eine Höhe von 74,0 cm, die Höhe vom Fußboden bis zur Oberkante der Sandsteinplatte beträgt 52,0 cm. Somit ergibt sich bezüglich der Höhe des Unterbaus zum Oberbau ein Proportionsverhältnis von circa 1:1. Die Breite des Unterbaus beträgt, gemessen am Kraggesims, 91,0 cm, wohingegen die Breite des Oberbaus, ebenfalls am Kraggesims gemessen, 84,5 cm beträgt. Der gesamte Ofen wurde auf eine Sandsteinplatte gesetzt, die an ihrer Außenkante ringsum einen Scharrierhieb aufweist. Diese Sandsteinplatte liegt auf zwei in Pilaster Form gestemmten Holzbeinen auf, die als unterste Schicht eine rote und als oberste Schicht eine graue Farbfassung aufweisen. Die Ofen-Füße lagern wiederum auf einem mit türkisfarbig glasierten Fliesen ausgelegten eichenen Holzrahmen auf, der eine Art Sockel bildet auf den der Kachelofen gestellt ist. Das nördliche Ende der Sandsteinplatte ist in die nördliche Wand der Wohnstube eingelassen (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

Bei den am Ofen des Haus Walser verbauten Kacheln handelt es sich technisch um Blattkacheln, das heißt Kacheln deren Schauseite mittels einer Model plattenförmig geformt wurde, und auf deren Rückseite anschließend zur Erhöhung des Halts der Kacheln im Ofenlehm Tonzargen bzw. -leisten aufgebracht wurden, die teilweise Löcher aufweisen in denen zur Erhöhung der Stabilität des Ofens Drahtverspannungen angebracht wurden (Abb. 4 und Abb. 5).[1] Die Glasur der Kacheln ist türkis und hat eine opake Erscheinung. Manche Kacheln weisen jedoch einen dunkelgrünen Glasurfarbton auf (Abb. 3). Die mit einem Rosengitterdekor versehenen Blattkacheln des Kachelofens besitzen ein hochrechteckiges Format von 25,5 cm x 21,5 cm (Abb. 3 und Abb. 4).

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Abb. 4: Im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war (Philipp Scheitenberger 2016).
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Abb. 5: Rückseite der im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war, hier finden sich noch Reste des mit organischem Material versetzten Ofenlehms und Ziegelfüllstücke (Philipp Scheitenberger 2016).

Auf die Sandsteinplatte wurde der Unterbau des Kachelofens gesetzt, der bis an die nördliche Stubenwand anschließt. Die Vorderseite des Unterbaus des Ofens wird links und rechts umrahmt von zwei Blattkacheln, die Ecklisenen ausbilden, die einen Scheibendekor aufweisen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8). In der Mitte dieser Kacheln ist jeweils eine kreisförmige Kachel mit einem Akanthusblattrosettendekor eingelassen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8).

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Abb. 6: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 7: Blick nach Norden auf die Front des unteren Teils des Kachelofens, in den eine gusseiserne Platte mit dem Relif eines Bauern eingelassen ist (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 8: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des unteren Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine zweiteilige Eckkachel mit einem Scheibendekor (Philipp Scheitenberger 2018).

Im Mittelfeld der Vorderseite des Unterbaus ist eine eiserne Ofenplatte eingelassen auf der die Darstellung eines Bauern abgebildet ist, der im Begriff ist seine Sense anzuschleifen (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Ofenplatte stammte ursprünglich mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Eisenofen, die in der Regel aus mehreren solchen gusseisernen Ofenplatten aufgebaut sind.[2] Flankiert wird die Ofenplatte von zwei Eckkacheln die dreiviertel plastische figurale Darstellungen von Putten zeigen, die als Karyatiden fungieren (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Putten-Eckkacheln lassen sich als Allegorien des Frühlings deuten.[3] Denn an ihrem Haar prangen Blütenbouquets, und an den in Volutenform ausgearbeiteten Beinen, auf denen der Rumpf der Putten aufsitzt, sind weitere an Tüchern festgeknotete Blumenbouquets drapiert (Abb. 3 und Abb.7). Diese Formen von figürlich gestalteten Eckkacheln finden sich normalerweise in nach außen hin gerichteter Form an den Ecken von manieristisch gestalteten also frühbarocken Kachelöfen.[4] Aufgrund des falschen Einbaus der Putten-Eckkacheln als Rahmung der Ofenplatte am Kachelofen der Stube des Haus Walser, wird deutlich, dass die Vorderfront des Unterbaus des Ofens nicht ihrer ursprünglicher Gestaltung entspricht (Abb. 3 und Abb. 7). Es ist anzunehmen, dass diese heutige Gestaltung der Vorderfront des Unterbaus des Kachelofens im Zuge einer späteren Veränderung stattfand, und sich dort ursprünglich ein Feld mit Blattkacheln befand, die einen Tapetendekor in Form eines Rosengitters aufwiesen, wie es bei den Mittelfeldern aller anderen Seiten des Unter- und Oberbaus des Kachelofens der Fall ist. Im Haus Walser wurden mehrere Blattkacheln aufgefunden, die vermutlich im Rahmen von Umformungen am Kachelofen ausgebaut und anschließend trotzdem aufbewahrt wurden (Abb. 4 und Abb. 5). Der obere und untere Abschluss des Unterbaus wird von zwei unterschiedlich profilierten Gesims-Bändern gebildet. Das obere Gesims kragt dabei über das untere hinaus (Abb. 3 und Abb. 7). Ähnlichkeit hat der Aufbau des Kachelofen des Haus Walser mit dem Aufbau eines in die Zeit um 1700 datierenden Kachelofens.[5]

Einen ähnlichen Aufbau wie der Unterbau weist auch der Oberbau des Kachelofens auf, wobei die seitliche Rahmung der südlich, westlich und östlich vorhandenen Blattkachelfelder mit Rosengitterdekor, mittels zweier Blattkacheln geschieht, die wie beim Unterbau Ecklisenen ausbilden, jedoch ein Kartuschen-Motiv aufweisen, deren Spiegel jeweils eine reliefartig ausgeformte Akanthusdarstellung ziert (Abb. 9 und Abb. 10). Diese Akanthus-Kacheln finden sich auch an den nördlichen beiden Ecken des Oberbaus des Kachelofens. In das östliche Mittelfeld des Oberbaus wurde nachträglich eine Ofennische mit Ofenröhre eingebaut (Abb. 6). Der untere und obere Abschluss des Oberbaus wird durch zwei Gesims-Bänder gebildet, von denen das Kraggesims im Vergleich zu dem des Unterbaus deutlich größer dimensioniert ist und weiter auskragt (Abb. 9).

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Abb. 9: Blick nach Norden auf die Front des oberen Teils des Kachelofens, der aus einem Rosengitterkachelfeld besteht das von zwei Eckkacheln mit Akanthusblattdekor eingerahmt wird (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 10: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des oberen Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine Eckkachel mit Akanthusblattdekor (Philipp Scheitenberger 2018).

An den Kachelofen schließen, westlich und östlich an die Nordwand der Stube angebaut, jeweils ein Kachelofensitz an (Abb. 3). Die Lehne des westlichen Kachelofensitzes besteht aus einer Reihe Blattkacheln, die Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3). Anschließend an die östliche Seite des Kachelofens, befindet sich ein Kachelofensitz, dessen Sockelbereich und Lehne jeweils mit einer Reihe Blattkacheln besetzt ist, die den Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3).

Insgesamt weist der Kachelofen bezogen auf seine Gestaltung ein sehr harmonisch abgestimmtes Entwurfskonzept auf, was beispielsweise anhand der Proportionen, der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Bänder und der durchdachten Kombination verschiedener Kachelgrößen und -schnitte deutlich wird. Daraus ergibt sich eine fassadenartig-architektonisch wirkende und stilistisch im Barock/ Klassizismus verhaftete Ofenarchitektur. Kulturhistorisch interessant sind die beiden Ofensitze, die als Sitzmöglichkeit in der Stube neben dem warmen Kachelofen dienten.

Ofenkacheln-Modeln wurden meist vom Hafner, der häufig gleichzeitig auch Bildhauer war,[6] in Anlehnung an Vorlagen aus Dekor-Musterbüchern angefertigt,[7] meist über einen längeren Zeitraum zur Herstellung von Ofenkacheln benutzt und auch über größere Distanzen gehandelt.[8] Was die Ofenarchitektur anbelangt lassen sich hingegen auch viele andere Ofenbeispiele finden, die einen quaderförmigen Oberbau aufweisen. Aus diesem Grund führt eine kunstgeschichtliche Datierung des Ofens über die Kubatur und Proportionen des Kachelofens nicht unbedingt zu einem richtigen Ergebnis. Zwar verweist die Gestaltung des Kachelofens des Haus Walser hinsichtlich der Größe sowie dem hochrechteckigen Format der Kacheln und der Art der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Kacheln in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, also in die Phase des Hochbarock, und regional nach Tirol,[9] gleichzeitig lässt sich der an der klassischen Antike orientierende Dekor der Kacheln des Ofens eher dem Klassizismus zuordnen, deswegen gestaltet es sich schwierig eine gültige Aussage zur Entstehungszeit und zur regionalen Zuordnung des Ofens treffen, da hierfür eine repräsentative Anzahl von Öfen mit den gleichen Merkmalen als Grundlage für eine gültige Aussage angeführt werden müsste.

Hilfreich für die Datierung und regionale Verortung der Herkunft des Ofens kann jedoch das Hinzuziehen archäologischer Befunde sein. Diese sind im Idealfall aufgrund von Begleitfunden stratigraphisch datiert worden. Eben dieser Umstand trifft auf die Blattkacheln mit Rosengitterdekor zu. Ähnliche Blattkacheln wurden von Beate Schmid in den Jahren 2003 und 2004 im Humpisquartier in Ravensburg ausgegraben.[10] Diese Kacheln mit Rosengitterdekor entsprechen in ihrer Größe von circa 21 cm x 23,5 cm, ihrem hochrechteckigen Format und der Gestaltung ihres Rosengitterdekors weitestgehend den Kacheln des Ofens des Haus Walser.[10] Unterschiede zeigen sich nur darin, dass die einzelnen Segmente des Rosengitterdekors der Ravensburger Kacheln anstatt der Rosenblüten und Rosenblattmotive der Kacheln des Haus Walser, vertikal Verlaufende parallele Rillen aufweisen. Zudem weisen die meisten Kacheln des Kachelofens aus dem Haus Walser ringförmige Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Elementen des Rosengitterdekors auf, was bei den Kacheln aus Ravensburg nicht der Fall ist. Bei einigen Kacheln des Ofens des Haus Walser fehlen diese ringförmigen Verbindungsglieder ebenfalls. Von Harald Rosmanitz werden diese Blattkacheln mit Rosengitterdekor als Tapetenkacheln bezeichnet, die nach seiner fachlichen Einschätzung im 16. Jahrhundert als Kachelart auftauchten und noch bis weit ins 18. Jahrhundert an Öfen verbaut wurden.[11]

Eine weitere Parallele zwischen dem Kachelofen des Haus Walser und den archäologischen Kachelfunden aus dem Humpisquartier in Ravensburg ergibt sich hinsichtlich der mit Putten-Darstellungen versehenen Eckkacheln. Bei den im Humpisquartier in Ravensburg freigelegten Fragmenten dieser Eckkacheln mit Putten-Motiv handelt es sich um exakt die identische Darstellung wie bei denen die am Kachelofen des Haus Walser verbaut wurden. Zudem weisen die Putten-Eckkacheln aus Ravensburg ebenfalls eine dunkeltürkise Glasurfarbe auf. Harald Rosmanitz datierte diese Kacheln in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.[12] Bei der Ausgrabung im Humpisquartier in Ravensburg traten die Blattkacheln mit Rosengitterdekor mit den Fragmenten der genannten Putten-Kacheln im selben Grabungsschnitt zusammen auf.[13] Ebendiese Blattkacheln mit Tapetendekor wurden auch bei einer Grabung in der Hafnerwerkstatt, Marktstraße 36 in Ravensburg freigelegt, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bewirtschaftet wurde.[14] Anhand der genannten Aspekte zur Datierung des Kachelofens des Haus Walser scheint eine Datierung in das 18. Jahrhundert durchaus plausibel. Auch kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Kacheln des Ofens aus dem Umfeld der genannten ehemaligen Hafnerei stammen, die im Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg angesiedelt war.[15]

Endnoten

[1] Ähnliche Kacheln wurden auch in einem Gebäude in Ravensburg gefunden. Vgl.: Mück, Susanne, Schmidt, Erhard: Ofenkachelmodel aus dem Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 18. Stuttgart 1989, S. 133.

In Raum 2.05 des Haus Walser wurden Ofenkacheln gefunden, die ehemals am Kachelofen der Stube in Raum 1.03 verbaut waren, und an denen man deren technische Ausführung nachvollziehen kann.

[2] Vergleiche hierzu die Abbildunge eines Ofens mit Irdenaufsatz, der in das Jahr 1767 datiert und aus dem Pfarrhof in Paiting in Reichersdorf stammt. Der Unterbau des Kombinationsofens besteht aus vier quadratischen gusseisernen Ofenplatten. Vgl. Lehnemann, Wingolf (Hrsg.): Eisenöfen. Entwicklung, Form, Technik. München 1984, S. 94, Abb. 83.

[3] Kacheln mit ebensolchen Putten-Darstellungen wurden von Harald Rosmanitz als Allegorien des Frühlings gedeutet. Vgl. Schmid, Beate: Bauarchäologie im Ravensburger Humpisquartier, Stuttgart 2009, S. 89.

[4] Vgl.: Blümel, Fritz: Deutsche Öfen. Der Kunstofen von 1480 bis 1910. Kachel- und Eisenöfen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. München 1965, S. 249f.

[5] Vergleiche hierzu die Abbildung eines Kachelofens, der in die Zeit um 1700 datiert wird mit Putteneckkacheln, die am Unter- und Oberbau jeweils an den vorderen Ecken angebracht wurden, und mit ihrem Körper nach außen ausgerichtet sind. Vgl. Gebhard, Torsten (Hrsg.): Kachelöfen. Mittelpunkt häuslichen Lebens. Entwicklung Form Technik. München 1980, S. 107, Abb. 135.

[6] Vgl.: Franz, Rosemarie: Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. Graz 1981, S. 36f.

[7] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132 f.

[8] Vgl.: Ebd., S. 137.

[9] Vgl.: Blümel 1965, S. 90f; S. 251.

[8] Schmid 2009, S. 89.

[10] Vgl.: Rosmanitz, Harald: Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Bedal, Albrecht; Fehle, Isabella (Hrsg.): HausGeschichten. Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Sigmaringen 1994, S. 161-163.

[11] Vgl.: Schmid 2009, S. 89.; Tafel 22, Nr. 312.

[12] Vgl.: Ebd. Tafel 29, Nr. 310.

[13] Vgl.: Ebd. S. 89.

[14] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132-137.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 13.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Vollständiges Faerbe- und Blaichbuch mit handgeschriebenem Färberezept gefunden

In einer Kammer im Obergeschoss des Haus Walser wurde das Fachbuch „Vollständiges Färbe- und Bleichbuch; Band VI“ gefunden, das 1795 in Ulm publiziert wurde und für die Intention der Färberfamilie Walser steht, sich in ihrem Handwerk im Hinblick auf den Fortschritt der Färbetechniken zeitgemäß fortzubilden.

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Abb. 1: Titelblatt des im Haus Walser aufgefundenen Färbebuchs (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein in diesem Buch eingelegtes Buchzeichen, ist mit einer Notiz zur Herstellung von „roth farb eßig“ versehen, und markiert im Buch einen Abschnitt, der für die Ausübung der Färberei, und die hierfür angewandten Techniken wohl bedeutend war.

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Abb. 2: Marmorierter Einband des gefundenen Färbebuches (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Das auf dem Notizzettel angeführte Farbrezept dient zur Herstellung einer roten Farbbeize für die Zeugfärberei. Auf dem Buchzeichen finden sich zudem rote Farbflecken, bei denen es sich vermutlich um Reste dieser roten Farbbeize handeln könnte, die beim Anmischen des Rezepts auf den Zettel getropft sind.

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Abb. 3: Im Buch aufgefundener Notizzettel mit einem Rezept zur Herstellung eines roten Farb-Essig für die Zeugfärberei (Fotos: Philipp Scheitenberger 2016).

 

Transkription des Farbrezeptes

Roth Farb Eßig

Auf ein Maß Wasser

1 lot alaun ½ Loth Rothen [Chromalaun]

½ lot weißen [Kalialaun]

4 lot arsenik Rothen [Arsen(II)-Sulfid]

4 lot bleizuchten [Bleioxid]

4 lot Salmiak [Ammoniumchlorid]

2 lot Soda [Natriumcarbonat]

1 lot Scheidwasser [Salpetersäure] mit

Salmiack abgezogen

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 29.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Fund einer frühen Ausgabe von Friedrich Schillers Drama „Don Karlos“ im Haus Walser

Ein Buch das im Kontext der klassizistischen Ausbauphase des Hauses Walser betrachtet werden könnte, wurde in einer Abstellkammer im Obergeschoss des Gebäudes gefund-en (Abb. 1 und Abb. 3).

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Abb. 1: Eine Ausgabe des von Friedrich Schiller verfassten Dramas „Don Karlos“, die im Haus Walser gefunden wurde, der Einband und die erste Seite des Buches fehlen (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Es handelt sich dabei um das Drama „Don Karlos; Infant von Spanien“, das von Friedrich Schiller im Zeitraum 1783 bis 1787 verfasst und 1787 in Hamburg uraufgeführt wurde. Das Drama behandelt familiär-soziale Intrigen am Hof von König Philipp II. in der Zeit des Spanisch-Niederländischen Krieges, der von 1568 bis 1648 dauerte.[1]

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Abb. 2: Das gefundene Buch-Exemplar von Schillers Drama „Don Karlos“ befindet sich in einem schlechten Erhaltungszustand (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Dem im Haus Walser aufgefundenen Exemplar dieses Werkes von Schiller fehlen jedoch der Einband und mindestens die erste Seite, somit konnten anhand des Buches keine Angaben zum Publikationsjahr der vorliegenden Ausgabe gewonnen werden, jedoch scheint eine Datierung in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, was die Art der Ausführung des verwendeten Papiers, die Art des Drucksatz und die verwendete Schriftart anbelangt, naheliegend zu sein.

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Abb. 3: Seite des Buch-Exemplars von Schillers Drama „Don Karlos“ auf der der Titel des Werkes abgedruckt ist (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Somit könnte es durchaus sein, dass der Färbergeselle Xaver Walser in der Zeit um 1800 auf seiner Wanderschaft durch Österreich, Ungarn, die Slowakei, Böhmen, Mähren und Bayern in den Kontakt mit der Literatur der Weimarer Klassik kam, und der Eingang dieser Schiller-Literatur in den Bestand des Haus Walser auf ihn zurückzuführen ist.

Endnoten

[1] Vgl. Reinhardt, Hartmut: Don Karlos. In: Koopmann, Helmut (Hrsg.): Schiller-Handbuch. Stuttgart 2011, S. 399–415.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 22.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Fund von zwei Ölbildern mit Darstellungen des Russlandfeldzugs Napoleons 1812 im Haus Walser

In einer alten Reisetasche wurden auf dem Dachboden des Haus Walser zwei auf Pappe gemalte Ölbilder mit Motiven des gescheiterten Russlandfeldzugs Napoleon Bonapartes im Jahr 1812 gefunden (Abb. 1).[1]

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Abb. 1: In dieser Reisetasche wurden die beiden Ölbilder mit Darstellungen des Napoleonischen Russlandfeldzuges gefunden (Scheitenberger 2016).

Das erste Bild zeigt im Hintergrund Soldaten der abgekämpften französischen Grande Armee, die in ihre dünnen Uniform-Mäntel gehüllt sind (Abb. 2). Dieses Bild stellt den Russlandfeldzug bereits in der fortgeschrittenen Phase des Scheiterns während des Rückzugs der Truppen im Winter dar. Napoleon Bonaparte ist im Bild mittig bei den Soldaten stehend, in Begleitung einer Gruppe von Offizieren dargestellt. Seine linke Hand steckt typischerweise in seinem Mantel. Vor ihm im Schnee liegen verwundete Soldaten, die symbolisch für die hohen Truppenverluste des Russlandfeldzuges auf seiten der Grande Armée und ihrer verbündeten stehen.

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Abb. 2: Ölbild mit Darstellung Napoelons mit seiner Grande Armée beim Rückzug aus Russland 1812 (Scheitenberger 2016).

Auf dem anderen Bild ist ein Musketier der Grande Armée dargestellt, der als vermutlich letzter Soldat eine Stellung auf einem Friedhof hält (Abb. 3). Wahrscheinlich handelt es sich bei den Grabstellen auf dem Friedhof auf dem er sich befindet, um die Gräber seiner bereits gefallenen Kameraden. Im Hintergrund links im Bild brennt eine vermutlich russische Stadt, was als Motiv eventuell auf die Kriegstaktik der verbrannten Erde hindeuten soll, die von der russischen Militärführung teilweise im Kampf gegen Napoleons Truppen angewendet wurde. Es könnte hierbei der von russischer Seite nach der Schlacht von Borodino absichtlich herbeigeführte Brand von Moskau dargestellt worden sein, jedoch ereignete sich dieser nicht im Winter, sondern im Herbst.[2] Rechts und links im Bild sind zu Pferd angreifende russische Kosaken abgebildet, welche die Stellung des Musketiers bedrängen. Voraussichtlich wird die Stellung des Soldaten in Kürze von Ihnen eingenommen werden wird.

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Abb. 3: Ölbild mit Darstellung eines Musketiers der Grande Armée, der eine Stellung gegen zu Pferd anrückende Kosaken hält (Scheitenberger 2016).

Es handelt sich bei dem Sujet der beiden Ölbilder um populäre naive Malerei. In freier erzählerischer Art werden die wichtigsten Ereignisse bzw. Umstände des gescheiterten Russlandfeldzugs Napoleons bildlich neben einander gestellt. Entstanden sind die Bilder vermutlich in den Jahren nach dem Russlandfeldzug als Form der Verarbeitung dieses einschneidenden gesellschaftlichen Ereignisses. Die Napoleonischen Kriege mit ihren negativen Folgen für die Bevölkerung prägten die Menschen des 19. Jahrhunderts tief. Ein malerischer Ausdruck hierfür und für die zeitgeschichtliche Tragweite des gescheiterten Russlandfeldzuges wird in diesen beiden Ölbildern deutlich.

Da der Kunstmaler Alois Walser der Bruder des Färbermeisters Xaver Walser, der 1806 die Färberei Walser übernahm, zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte, also Zeitgenosse des Russlandfeldzugs war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die beiden Ölbilder eventuell von ihm gemalt wurden.

Als zeitgeschichtliches Zeugnisse können uns die beiden Ölbildern von den Gefühlen und Gedanken der Menschen berichten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Allgäu-Oberschwaben lebten.

Endnoten

[1] Vgl.: Furrer, Daniel: Soldatenleben: Napoleons Russlandfeldzug 1812. Zürich 2012.

[2] Vgl.: Ebd., S. 197-210.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 16.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

 

Ein barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger, Kißlegg

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Bäckerei Seeger. Rechts im Bild ehemaliges Bäckereigebäude mit südwestlich und westlich angrenzendem Hausgarten in der Zeit um 1900 (Repro Fotofund Philipp Scheitenberger 2016).

Die ehemalige Bäckerei Seeger ist vielen Kißlegger Bürgern heute noch ein Begriff. Hier kaufte so manch einer von ihnen in seiner Kindheit im dazugehörigen Bäckerladen noch Brötchen ein. Bereits seit dem Ende der 1870er Jahre war hier die Bäckerfamilie Seeger ansässig (Abb. 1), zuvor gehörte das Haus dem Bäckermeister Kohler (Abb. 2). Seit einigen Jahrzehnten wird das Haus nicht mehr als Bäckerei genutzt. Jedoch finden sich auf dem Dachboden des Gebäudes immer noch Zeugnisse seiner ehemaligen Nutzung als Bäckerei.

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Abb. 2: Blick nach Nordwesten auf die Südseite der Bäckerei Seeger zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Links im Bild Bäckermeister Seeger mit Familie, Angestellten und Lehrjungen  (Fotosammlung Georg Maier, Kißlegg 2016).

Bereits beim Kauf des Hauses durch eine Kißlegger Familie in den 2000er Jahren wurde auf dem Dachboden des Gebäudes ein alter Schrank gefunden, den ich 2014 im Rahmen eines Seminars von Prof. Günther Dippold zum Thema „Möblierung und Hausgrundriss“, das am Lehrstuhl der Universität, Bamberg abgehalten wurde,  genauer untersuchte. Außen als ein unauffällig braun gebeizter und ramponierter Schrank erscheinend (Abb. 3), fanden sich in seinem hellblau gestrichenen Inneren Graffiti, die auf eine ehemalige Nutzung des Möbels im Haus verweisen.

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Abb. 3: Barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger (Philipp Scheitenberger 2014).

Es handelt sich bei diesem Möbelstück um einen Barockschrank. Der architekturale Aufbau des Schranks weist abgeschrägte Ecken, einen profilierten Volutengiebel, Gurt- und Sockelgesims auf (Abb. 3). Die Türen sind als Rahmenfüllungstüren konstruiert, und mittels Fitschenbändern am Schrankkorpus angebracht (Abb. 3). Die Schlossbleche zeigen seitlich Voltenrankendekor. 

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Abb. 4: Barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger. Rechte Türe mit Kastenschloss (Philipp Scheitenberger 2014).

An der rechten Schranktüre ist innen ein schmiedeeisernes barockes Kastenschloss angebracht (Abb. 4). Die im Schrank eingebauten Ablagebretter und die eingedrehten Aufhängehaken machen deutlich (Abb. 4), dass der Schrank einst als Kleiderschrank genutzt worden war. Auf der Innenseite der linken Türe finden sich Hinweise darauf wer den Schrank einst genutzt hat.

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Abb. 5: Graffito auf der Innenseite der linken Türe des Schranks, der auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger steht (Philipp Scheitenberger 2014).

Die beiden Graffito (Abb. 5), die auf der Türe zu sehen sind, machen deutlich, dass der Schrank während der Nutzungsphase des Bäckermeisters Kohler und der Bäckerfamilie Seeger gleichermaßen genutzt wurde. Transkription des oberen Bleistiftgraffito: „Baeker Kohlerer“. Transkription des unteren mit blauer Kreide ausgeführten Graffito: “ Jos. Specken Lehrling bei Seeger Baeckermeister, Kißlegg.“ Anhand der Graffiti wird mit großer Sicherheit belegt, dass der Schrank sich ehemals im Besitz der beiden Bäckermeisters Kohler und Seeger befand. Da diese beiden Bäckermeister im Gebäude ansässig waren, liegt es nahe, dass der Schrank somit auch schon zu dieser Zeit zum Inventar des Hauses gehört haben könnte. Das deutet auch ein weiteres Graffito an, dass sich auch der Innenseite der linken Schranktür befindet (Abb. 6).

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Abb. 6: Graffito auf der Innenseite der linken Türe des Schranks, der auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger steht (Philipp Scheitenberger 2014).

Das Bleistiftgraffito zeigt die Schrägansicht eines länglichen Gebäudes mit Satteldach (Abb. 6), das in verblüffender Art und Weise dem Bäckerhaus-Seeger gleicht (Abb. 1). Nicht nur die in der Skizze dargestellte Kubatur des Gebäudes deutet darauf hin, sondern auch der überdimensioniert gezeichnete Schornstein, der dem Bau beigefügt wurde scheint darauf hinzudeuten, dass es sich dabei um ein Haus handelt dessen große Feuerstelle und dazughöriger Schornstein charakteristisch für seine Nutzung zu sein scheinen (Abb. 6). Somit skizzierte hier wohl im 19. Jahrhundert wahrscheinlich einer der Lehrjungen oder Gesellen das Bäckerhaus in den Kleiderschrank. Doch wie kam dieser barocke Schrank eigentlich auf den Dachboden des Hauses? Sein heutiger Standort verrät  etwas über diese Frage, wenn man die räumliche Struktur des Dachbodens genauer betrachtet (Abb. 7).

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Abb. 7: Blick in den Dachraum der ehemaligen Bäckerei Seeger. Links im Bild Durchgang zu Schrankstandort. Rechts im Bild ehemalige Bedienstetenkammern (Philipp Scheitenberger 2014).

Die höchstwahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den südöstlichen Teil des Dachraumes eingebauten „Bedienstetenkammern“ weisen noch weiteres Inventar auf, das aus der Zeit stammt, in der diese Räume von Angestellten der Bäckerei bewohnt wurden. Eine Glocke, die mittels einer Kette vom Bäckerladen aus bedient werden konnte, weckte die hier hausenden Lehrlinge, Gesellen oder Dienstmädchen der Bäckerei. Der barocke Schrank scheint ehemals Teil der Möblierung dieser Kammern gewesen zu sein. Ein Hinweis darauf bietet einerseits der Standort des Schrankes in nächster Nähe zu den Bedienstetenkammern und andererseits das Graffito in dem sich Joseph Specker, der Lehrling des Bäckermeisters Seeger, verewigte. Er nutzte den Schrank wohl während seiner Lehrzeit zur Aufbewahrung seiner Habseligkeiten. Zuvor war der Schrank eventuell Teil der repräsentativen Ausstattung einer „Stuben Kammer“ oder der Wohnstube des Bäckerhauses gewesen. Nachdem der Schrank eventuell nicht mehr den wohnkulturellen Maßstäben der Besitzer entsprach, wurde er zur Ausstattung der Bedienstetenkammern auf den Dachboden verlagert.

Selten lassen sich in der heutigen Zeit noch solche sozialgeschichtlichen Befunde in Dachräumen historischer Handwerkerhäuser dokumentieren. Inzwischen sind unausgebaute Dachböden kaum mehr vorhanden. Ökonomisch begründete Entscheidungen zur Umnutzung von Dachböden für Wohnzwecke, führen bereits seit Jahrzehnten zu diesem Schwund, und dazu, dass wir uns in der heutigen Zeit kaum mehr vor Augen führen können unter welchen prekären Umständen die einfachen Menschen noch in der Zeit um 1900 lebten. Nur Freilicht- und Bauernhausmuseen bieten in ihren Exponatgebäuden noch den Blick in diese vergangenen Dachbodenwelten, jedoch stellt sich die Frage, in wie Weit man diesen Teil der Sozialgeschichte im Museum wirklichkeitsgetreu nachvollziehen kann, wenn das betreten eines Dachbodens und der dort eventuell vorhandenen Bedienstetenkammer nicht mehr zum alltäglichen Erfahrungshorizont der Menschen gehört, sondern nur noch in den künstlich geschaffenen Sonderräumen eines Museums nachvollziehbar bleibt.

Autor: Philipp Scheitenberger

Bamberg den 19.12.2016

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