Sanierung und Umnutzung des Fernsemmer-Huses in Scheffau im Allgäu

Einleitendes

Am 18.02.2017 veranstaltete die informelle Denkmalschutz-Initiative-Westallgäu eine Exkursion nach Scheffau im bayrischen Landkreis Lindau, um dort vom Hausbesitzer dem Archäologen der klassischen Antike, Steinmetzmeister und Unternehmer Dr. Michael Pfanner eine Führung durch das von ihm als Bauherren von 2012 bis 2016 sanierte Fernsemmer-Hus zu erhalten.

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Abb. 1: Mitglieder der informellen Denkmalschutz-Initative-Westallgäu stehen mit Michael Pfanner (rechts im Bild) vor dem Eingang zum Dorfladen, der im Fernsemmer-Hus im Rahmen der Umnutzung integriert wurde, zweiter von rechts der Archäologe, Restaurator und Modelbauer Dr. Hermann Scharpf (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Kurze Geschichte des Fernsemmer-Hus

Bisher konnte die Baugeschichte des Fernsemmer-Huses anhand den Archivquellen nur bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Klar ist, dass das Gebäude im 19. und 20. Jahrhundert nachweislich als Gasthaus mit angeschlossenem landwirtschaftlichem Betrieb genutzt wurde. Es handelte sich hierbei um das Gasthaus zum Löwen. Aufgrund der Nutzungskontinuität von Gebäuden, die bis zum Ende des Lehenswesens im Jahr 1849 gegeben war, und die sich aus dem Lehensrecht und den an die zumeist gleichbleibenden, an die Lehenhäuser gebundenen Gerechtigkeiten ableitet, wozu auch das Schankrecht, Beherbergungsrecht etc. zählen, lässt sich mit großer Sicherheit annehmen, dass das Fernsemmer-Hus bereits im 18. Jahrhundert Gasthaus war.

 

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Abb. 2: Philipp Scheitenberger im Frühjahr 2017 bei der Entnahme von Dendroproben an einer Blockwand im Fernsemmer-Hus (Foto: Hermann Scharpf 2016).

Was die Datierung des überlieferten Baubestandes des Fernsemmer-Huses anbetrifft, so legen die Ergebnisse einer dendrochronologischen Datierung an den Hölzern der Blockbaukonstruktion des Gebäudes, die von Philipp Scheitenberger im Frühjahr 2017 durchgeführt wurde, nahe, dass das Haus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Eine mit einem Baudatum versehene Spolie, die vom Vorbesitzer beim Abriss eines landwirtschaftlich genutzten Gebäudeteils des Hauses zum Vorschein kam, legt eine Erbauung des Fernsemmerhuses in Verlauf des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahe.

Anhand vertiefender dendrochronologischer Untersuchungen sollen Ende 2018 genauere Daten zum Baualter des Hauses ermittelt werden.

Der erste Eindruck von außen

Steht man heute vor dem sanierten Fernsemmer-Hus erblickt man ein massiges, gedrungenes und trotzdem sehr klar in den Proportionen erscheinendes ehemaliges Gasthaus an zentralem Platz nahe der Kirche im Dorf Scheffau. Das Gebäude gliedert sich dabei harmonisch in den gut erhaltenen und unter Ensembleschutz stehenden Ortskern von Scheffau ein.

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Abb. 3: Das Fernsemmer-Hus in Scheffau (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Auf das an alten Stellen graue und an erneuerten Stellen hellbraune Schindelkleid des Gebäudes, das auch auf den von der Straße aus sichtbaren Klebdächern der Nord- und Westfassade anliegt, warf an diesem Tag die spätwinterliche Februarsonne ihr schrägeinfallendes Licht, und gab dem Haus bereits von außen eine Ausstrahlung von Wärme, Behaglichkeit und sonnenmalerischer Harmonie. Mit seinem silbrigen Blechdach und seinem hölzernen Schuppenkleid schmiegt sich das „Fernsemmer-Hus“ beinahe wie eine auf dem warmen Fels liegende Bergeidechse in den Ort Scheffau. Zumindest aus dem Blickwinkel dieses schönen sonnigen Tages scheint dieser Vergleich durchaus berechtigt.

Noch bevor der Hausherr kam zogen die Schindelfassade und die Hohlkehlen der Klebdächer die Aufmerksamkeit unserer Exkursionsgruppe auf sich.

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Abb. 4: Foto Klebdächer und Hohlkehlen, Walzblei etc. (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Der Hausherr kommt – Beschau und Erläuterungen von außen

Als Herr Pfanner beim Fernsemmer-Hus eintraf, begrüßte er uns sehr herzlich, und begann sogleich mit seiner Führung. Während des folgenden Ganges um das Haus erläuterte er uns einige Details zur Fassadensanierung.

So legte Herr Pfanner bei der in Stand Setzung der geschindelten Fassad Wert darauf nur die Flächen des Schindelschirms zu ersetzen, die hinsichtlich ihres Zustandes nicht mehr erhalten werden konnten. Dies betraf auch einen Bereich des Schindelschirms im Obergeschoss des Gebäudes. Hier wurde ein Teil der Schindeln aufgrund des Einbaus eines in die darunterliegende Blockwand eingelassenen Stahlträgers zur statischen Sicherung der Giebelwand entfernt und hiernach durch Anbringung neuer Schindeln renoviert. Diese Art der Sanierung ist der Grund für die zwischen grau und braun changierende Farbe der Fassade des Fernsemmer-Huses, die dem Betrachter ein solch lebendiges und malerisches Bild bietet.

Im Bereich der Stoßkanten des Schindelschirms an Fassade und Klebdächern wurden zur Abhaltung von Schlagregen an den Gehrungsfugen aus Walzblei gefertigte Blechverwahrungen aufgenagelt. Walzblei wird häufig am Bau für steinerne Fensterbänke etc. als Wetterschutzabdeckung verwendet. Hier scheint wohl technisches Wissen aus dem Steinmetzberuf durch den erfahrenen Steinmetzmeister Pfanner Eingang in die Umsetzung der Fassadensanierung gefunden zu haben.

Auch am Haus Walser in Kißlegg konnte am Baubestand beobachtet werden, dass sich an historischen Gebäuden häufig in der technischen Umsetzung von Baudetails handwerklich-materielle Praktiken aus dem Handwerkszweig des Hausbesitzers wiederfinden lassen. So wurden am Haus Walser beispielsweise von den hier ansässigen Spenglern viele Bauteile, Baudetails und Reparaturteile aus Blech angefertigt.

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Abb. 5: Detail der Fassade des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Die gebogenen Bretter der Hohlkehlen unterhalb der Klebdächer des Fernsemmer-Huses waren vor der Sanierung weitestgehend verfault, so dass diese Hohlkehlen bis auf einen kleinen Teilbereich aus neuen Brettern gefügt und als Verwahrung angebracht werden mussten. Anschließend wurde darauf wieder das anhand eines Befundes rekonstruierte Dekorband aufgemalt.

Im Rahmen der Fassadensanierung wurden auch die Fenster des Obergeschosses durch handwerklich hergestellte Neuanfertigungen nach historischem Vorbild ersetzt.

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Abb. 6: Eingang des Dorfladens des „Fernsemmer-Hus“ (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Hinblick auf die einstige Nutzung eines Teils des Fernsemmer-Hus als Bäckerei, wurde im ehemaligen Verkaufsraum der Bäckerei ein Dorfladen eingerichtet, in dem man heute nicht nur Dinge für den alltäglichen Bedarf einkaufen kann, sondern auch die Dorfgemeinschaft Scheffaus einen Ort des alltäglichen, geselligen Beisammenseins wiedergefunden hat.

Insgesamt war es Michael Pfanner sehr wichtig im Fernsemmer-Hus aufgrund seiner öffentlichen Bedeutung für die Ortschaft nach der Sanierung auch eine Nutzung durch die Bewohner des Dorfes zu ermöglichen. So werden im Haus heute regelmäßig Veranstaltungen wie etwa Faschingsbälle und ähnliches abgehalten.

Gleichzeitig nutzt Herr Pfanner das Haus jedoch auch privat. Somit Verschränken sich im Haus private und öffentliche Nutzung, was für die Dorfgemeinschaft in Scheffau einen Mehrwert darstellt. Herr Pfanner war diese Öffnung des Hauses für die Bewohner von Scheffau bei seinen Überlegungen zur Umnutzung des Gebäudes ein sehr wichtiger Gesichtspunkt.

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Abb. 7: Der Brunnen des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Da auf dem alten Haus ein Brunnenrecht lag wurde von Michael Pfanner im westlichen Hofbereich des Fernsemmer-Hus ein Brunnen aufgestellt für den er als figürliches Element eine Büste anfertigte. Inspiriert wurde er dabei von den Scheffemer, den Stammahnen der Ortschaft Scheffau.

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Abb. 8: Nördliche Traufseite mit Eingang des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Auf der nördlichen Traufseite des Fernsemmer-Hus befindet sich der zur Straße hin gelegene Haupteingang des Gebäudes, der im Rahmen der Sanierung mit einem geschindelten Dächlein versehen wurde. Die Gehrungen des Dächleins wurden wie bei den Klebdächern mit Walzblei abgedeckt. Auf der geschindelten Fassade der Nordseite des Hauses wurde ein beschriftetes Schild angebracht, das Passanten oder Besucher des Gebäudes kurz über die einstige Nutzung des Bauwerks informiert.

Im Erdgeschoss

Über die Türe der nördlichen Traufseite betritt man nun den Quer zur Firstlinie verlaufenden Flur des Gebäudes, was deutlich macht, dass es sich hierbei um ein Querflurhaus handelt, wie sie beispielsweise auch in der Umgebung von Kißlegg anzutreffen sind.

Südlich an den Querflur schließt sich die Küche an,  wo sich an der Ostwand der aus Stein gehauene und in die Bruchsteinmauer eingelassene Waschstein befindet. Das Spülwasser wird hierbei über einen Mauerdurchbruch direkt nach draußen geleitet. Südlich neben dieses alte Spülbecken wurde im Rahmen der Sanierung ein neues Edelstahlbecken gesetzt, somit das neue Nutzungselement am Ort der alten Nutzung platziert und hierdurch die Wahrung des historischen Bau- und Ausstattungsbestandes des Gebäudes erreicht. Der Einbau des neuen großen Waschbeckens war nötig, da im Rahmen der Abhaltung von größeren Veranstaltungen im Haus in der Küche ausgeprägterer Betrieb herrscht, und somit auch die Anbringung eines hierfür adäquat nutzbaren Spülbeckens notwendig war.

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Abb. 9: Die Küche im Erdgeschoss des Fernsemmer-Huses mit neuem Waschbecken und altem Waschstein (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Der historische Zustand der ehemaligen Wirtsstube des Fernsemmer-Huses ist trotz einiger restauratorischer Maßnahmen nicht verändert worden. Die Authentizität der historischen Oberflächen der Möblierung und der Vertäfelung etc. wurden hierbei weitestgehend erhalten. Inzwischen wird der Raum seiner ehemaligen Nutzung entsprechend bei Festen und Veranstaltungen als Gast- und Schankraum genutzt.

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Abb. 10: Die Nordwestecke der Wirtsstube im Erdgeschoss des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Obergeschoss

Im ersten Obergeschoss des Hauses befindet sich ein Festsaal, der im Rahmen der Sanierung ebenfalls restauriert wurde und heute entsprechend seiner einstigen Zweckbestimmung weitergenutzt wird. Hier wurde die abgehängte Scheinkassettendecke erneuert.

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Abb. 11: Blick in den Festsaal im Obergeschoss des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Rahmen von Befunduntersuchungen an den Wänden des Festsaals freigelegte Schablonenmalereien, die voraussichtlich aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen, wurden im Verlauf der Sanierung des Gebäudes wieder rekonstruiert. Sie bieten für die Gäste des Fernsemmer-Huses eine reizvolle Umgebung um hier zu feiern und sind ein schöner Hintergrund für die vielfältigen Kunstgegenstände die Michale Pfanner im Festsaal und weiteren Gebäudeteilen als die Sinne anregende Zutaten platziert hat.

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Abb. 12: Im Festsaal des Fernsemmer-Huses ausgestellte Skulptur, im Hintergrund die im Text erwähnte Schablonenmalerei (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Zur Beheizung des Festsaales wurde an einer Innenwand ein Holzofen angebracht. Da aufgrund von Brandschutzbestimmungen am Bau Vorkehrungen zur Feuersicherheit getroffen werden mussten, brachte Michael Pfanner im Bereich der Holzvertäfelung hinter dem Ofen Sandsteinplatten an, die so angefertigt wurden, dass sie sich harmonisch in den Baubestand einfügen, also formell-gestalterisch an das Täfer angepasst wurden.

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Abb. 13: Michael Pfanner steht vor dem Holzofen im Festsaal und erläutert Details zur Sanierung des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

So wurde beispielsweise der horizontale Verlauf einer Holzleiste des Täfers im Sandstein weitergeführt. Diese partielle, gestalterische Anpassung der Sandsteinplatte an das Täfer wurde auch durch die Vergoldung einer Fase an der Sandsteinplatte deutlich gemacht, was hierdurch die Vergoldung am Täfer fortführt. Die aus denkmalpflegerischer Hinsicht notwendige Abhebung neuer baulicher Hinzufügung vom historischen Baubestand wird hier durch die materielle Grenze zwischen dem Holz des Täfers und dem Sandstein der Feuerverkleidung gelöst. Trotzdem werden an der steinernen Feuerverkleidung formell-gestalterische Elemente der Holzvertäfelung in Stein zitiert und somit der bauliche Gesamteindruck des Täfers visuell erhalten.

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Abb. 14: Detail der Steinverkleidung im Täfer im Festsaal des fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein ehemaliger Tanzsaal im zweiten Obergeschoss des Fernsemmerhuses wurde ebenfalls behutsam restauriert. Heute werden in diesem Raum unter anderem Konferenzen abgehalten. Wie in den übrigen Teilen des Gebäudes zeigt sich auch hier in der Ausstattung durch Kunstgegenstände Michael Pfanners ausgeprägter Kunstsinn. Im Tanzsaal befindet sich auch eine Bühne. Sie wurde im Rahmen der Sanierung anhand von befunden im Raum rekonstruiert, und ehemals beispielsweise zur Darbietung von Theaterstücken etc. genutzt. Heute findet der Neubau der Bühne wieder Verwendung im Rahmen von Veranstaltungen und Feierlichkeiten.

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Abb. 15: Der ehemalige Tanzsaal des Fernsemmer-Huses im zweiten Obergeschoss wird heute als Konferenz-Raum genutzt, hier wurde eine abgegangene Bühne rekonstruiert (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Aufgrund von Gebäudesetzungen entstandene Risse am Verputz der Wände des Tanzsaals, wurden restauriert, jedoch hierbei der durch die Gebäudesetzung entstandene Versatz an der Wandmalerei sichtbar gelassen. Hierdurch wird dieser Teil der baulichen Entwicklungsgeschichte des Gebäudes erhalten.

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Abb. 16: Detail an der Wandmalerei im ehemaligen Tanzsaal des zweiten Obergeschosses, an Versatz in der Wandmalerei lässt sich eine einstige Setzung des Gebäudes nachvollziehen (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Dachgeschoss

Das Dachgerüst des Fernsemmer-Huses wurde in seinem historischen Bestand erhalten und durch Hinzufügung von stützenden Holzkonstruktioen statisch ertüchtigt. Dies war unter anderem auch deswegen notwendig geworden, da auf der überlieferten alten Blechdeckung des Daches ein neues Blechdach angebracht wurde, und somit hierdurch mehr Auflast auf das Dachgerüst eingebracht wurde, was eine statische Ertüchtigung des Dachstuhles erforderlich machte.

Hiermit konnte jedoch die historische Blechdeckung des Fernsemmer-Huses mit ihren technisch-materiellen Eigenschaften und ihrer historischen-Authentizität erhalten werden.

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Abb. 17: Statisch ertüchtigtes Dachgerüst des Fernsemmer-Huses im Bereich des Hängewerks oberhalb des Tanzsaales (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Keller

Im Keller des Fernsemmer-Huses richtete Michael Pfanner eine Sauna mit Sanitärbereich ein, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden kann. Im kalten Allgäuer Winter findet sich hier ein warmes Plätzchen, an dem es sich gut aushalten lässt und man sich von den körperlichen Strapazen der kalten Jahreszeit erholen kann.

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Abb. 18: Ein Teilbereich der Sauna in einem Gewölbekeller des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Beurteilung der Sanierung und Umnutzung

Die Umnutzung und Sanierung des Fernsemmer-Huses ist ein Vorzeigebeispiel für die bauliche Inwertstellung und Nutzbarmachung leerstehender Denkmäler in Ortskernen im Allgemeinen und für das Westallgäu im Speziellen.

Das von Michael Pfanner und den beteiligten Handwerkern bei der Sanierung dieses alten Gasthauses an den Tag gelegte Einfühlungsvermögen in den historischen Baubestand und das große Interesse des Erhalts der historischen Bausubstanz des Fernsemmer-Huses ging hierbei einher mit sehr sensibel umgesetzten baulichen Hinzufügungen und Ertüchtigungen, die der adäquaten Wiedernutzbarmachung und statischen Sicherung des Gebäudes geschuldet waren.

Neben dieser denkmalpflegerischen Komponente lässts sich die Umnutzung und Sanierung des Fernsemmer-Huses jedoch auch auf der sozialen, die Dorfgemeinschaft Scheffaus betreffenden Ebene als sehr gelungenes Projekt ansehen, da das Haus einerseits in der privaten Nutzung von Michale Pfanner steht, jedoch andererseits auch für die Bewohner des Dorfes seiner ursprünglichen Funktion als Gasthaus und Einkaufsladen entsprechend wieder erschlossen und geöffnet wurde.

Durch die Ausstattung des Fernsemmer-Huses mit vielseitigen und reizvollen Kunstwerken bietet Michael Pfanner zudem den Bewohnern des Dorfs im Haus eine musisch-künstlerisch inspirierende Umgebung, was der Seele des ein oder anderen Gastes im Haus sicher auch sein Gutes tut, da hier das Auge des Betrachters für das Schöne in der Kunst geöffnet wird, das sich hierbei harmonisch mit dem historischen Baubestand des Gebäudes verbindet. So findet man als Besucher im Fernsemmer-Hus nicht nur sein zu Hause in einem vorbildlich sanierten denkmalgeschützten Gasthaus, sondern auch in einem Musentempel und dem Haus eines großen Allgäuer Archäologen und Handwerkers.

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Abb. 19: Das Fernsemmer-Hus in Scheffau (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Aus gutem Grund wurde die Sanierung des Fernsemmer-Huses vom Bezirk Schwaben, dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem Bayerischen Denkmalamt durch die Verleihung von Preisen als besondere Leistung gewürdigt.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 01.11.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Ein barocker/klassizistischer Kachelofen in der Stube des Haus Walser

Eines der bedeutendsten Ausstattungselemente des Haus Walser ist ein barocker / klassizistischer Kachelofen, der sich in der Stube im Erdgeschoss des Gebäudes befindet (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 2: Blick nach Westen auf die Ostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 3: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens, links im Bild der gusseiserne Ersatzofen (Philipp Scheitenberger 2018).

Der Kachelofen besitzt einen zweiteiligen Aufbau. Der Unterbau des Ofens weist von der Sandsteinplatte bis zum Kraggesims eine Höhe von 71,0 cm auf, die Höhe des Oberbaus beträgt vom Sockelgesims bis zum Kraggesims eine Höhe von 74,0 cm, die Höhe vom Fußboden bis zur Oberkante der Sandsteinplatte beträgt 52,0 cm. Somit ergibt sich bezüglich der Höhe des Unterbaus zum Oberbau ein Proportionsverhältnis von circa 1:1. Die Breite des Unterbaus beträgt, gemessen am Kraggesims, 91,0 cm, wohingegen die Breite des Oberbaus, ebenfalls am Kraggesims gemessen, 84,5 cm beträgt. Der gesamte Ofen wurde auf eine Sandsteinplatte gesetzt, die an ihrer Außenkante ringsum einen Scharrierhieb aufweist. Diese Sandsteinplatte liegt auf zwei in Pilaster Form gestemmten Holzbeinen auf, die als unterste Schicht eine rote und als oberste Schicht eine graue Farbfassung aufweisen. Die Ofen-Füße lagern wiederum auf einem mit türkisfarbig glasierten Fliesen ausgelegten eichenen Holzrahmen auf, der eine Art Sockel bildet auf den der Kachelofen gestellt ist. Das nördliche Ende der Sandsteinplatte ist in die nördliche Wand der Wohnstube eingelassen (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

Bei den am Ofen des Haus Walser verbauten Kacheln handelt es sich technisch um Blattkacheln, das heißt Kacheln deren Schauseite mittels einer Model plattenförmig geformt wurde, und auf deren Rückseite anschließend zur Erhöhung des Halts der Kacheln im Ofenlehm Tonzargen bzw. -leisten aufgebracht wurden, die teilweise Löcher aufweisen in denen zur Erhöhung der Stabilität des Ofens Drahtverspannungen angebracht wurden (Abb. 4 und Abb. 5).[1] Die Glasur der Kacheln ist türkis und hat eine opake Erscheinung. Manche Kacheln weisen jedoch einen dunkelgrünen Glasurfarbton auf (Abb. 3). Die mit einem Rosengitterdekor versehenen Blattkacheln des Kachelofens besitzen ein hochrechteckiges Format von 25,5 cm x 21,5 cm (Abb. 3 und Abb. 4).

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Abb. 4: Im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war (Philipp Scheitenberger 2016).
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Abb. 5: Rückseite der im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war, hier finden sich noch Reste des mit organischem Material versetzten Ofenlehms und Ziegelfüllstücke (Philipp Scheitenberger 2016).

Auf die Sandsteinplatte wurde der Unterbau des Kachelofens gesetzt, der bis an die nördliche Stubenwand anschließt. Die Vorderseite des Unterbaus des Ofens wird links und rechts umrahmt von zwei Blattkacheln, die Ecklisenen ausbilden, die einen Scheibendekor aufweisen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8). In der Mitte dieser Kacheln ist jeweils eine kreisförmige Kachel mit einem Akanthusblattrosettendekor eingelassen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8).

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Abb. 6: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 7: Blick nach Norden auf die Front des unteren Teils des Kachelofens, in den eine gusseiserne Platte mit dem Relif eines Bauern eingelassen ist (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 8: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des unteren Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine zweiteilige Eckkachel mit einem Scheibendekor (Philipp Scheitenberger 2018).

Im Mittelfeld der Vorderseite des Unterbaus ist eine eiserne Ofenplatte eingelassen auf der die Darstellung eines Bauern abgebildet ist, der im Begriff ist seine Sense anzuschleifen (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Ofenplatte stammte ursprünglich mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Eisenofen, die in der Regel aus mehreren solchen gusseisernen Ofenplatten aufgebaut sind.[2] Flankiert wird die Ofenplatte von zwei Eckkacheln die dreiviertel plastische figurale Darstellungen von Putten zeigen, die als Karyatiden fungieren (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Putten-Eckkacheln lassen sich als Allegorien des Frühlings deuten.[3] Denn an ihrem Haar prangen Blütenbouquets, und an den in Volutenform ausgearbeiteten Beinen, auf denen der Rumpf der Putten aufsitzt, sind weitere an Tüchern festgeknotete Blumenbouquets drapiert (Abb. 3 und Abb.7). Diese Formen von figürlich gestalteten Eckkacheln finden sich normalerweise in nach außen hin gerichteter Form an den Ecken von manieristisch gestalteten also frühbarocken Kachelöfen.[4] Aufgrund des falschen Einbaus der Putten-Eckkacheln als Rahmung der Ofenplatte am Kachelofen der Stube des Haus Walser, wird deutlich, dass die Vorderfront des Unterbaus des Ofens nicht ihrer ursprünglicher Gestaltung entspricht (Abb. 3 und Abb. 7). Es ist anzunehmen, dass diese heutige Gestaltung der Vorderfront des Unterbaus des Kachelofens im Zuge einer späteren Veränderung stattfand, und sich dort ursprünglich ein Feld mit Blattkacheln befand, die einen Tapetendekor in Form eines Rosengitters aufwiesen, wie es bei den Mittelfeldern aller anderen Seiten des Unter- und Oberbaus des Kachelofens der Fall ist. Im Haus Walser wurden mehrere Blattkacheln aufgefunden, die vermutlich im Rahmen von Umformungen am Kachelofen ausgebaut und anschließend trotzdem aufbewahrt wurden (Abb. 4 und Abb. 5). Der obere und untere Abschluss des Unterbaus wird von zwei unterschiedlich profilierten Gesims-Bändern gebildet. Das obere Gesims kragt dabei über das untere hinaus (Abb. 3 und Abb. 7). Ähnlichkeit hat der Aufbau des Kachelofen des Haus Walser mit dem Aufbau eines in die Zeit um 1700 datierenden Kachelofens.[5]

Einen ähnlichen Aufbau wie der Unterbau weist auch der Oberbau des Kachelofens auf, wobei die seitliche Rahmung der südlich, westlich und östlich vorhandenen Blattkachelfelder mit Rosengitterdekor, mittels zweier Blattkacheln geschieht, die wie beim Unterbau Ecklisenen ausbilden, jedoch ein Kartuschen-Motiv aufweisen, deren Spiegel jeweils eine reliefartig ausgeformte Akanthusdarstellung ziert (Abb. 9 und Abb. 10). Diese Akanthus-Kacheln finden sich auch an den nördlichen beiden Ecken des Oberbaus des Kachelofens. In das östliche Mittelfeld des Oberbaus wurde nachträglich eine Ofennische mit Ofenröhre eingebaut (Abb. 6). Der untere und obere Abschluss des Oberbaus wird durch zwei Gesims-Bänder gebildet, von denen das Kraggesims im Vergleich zu dem des Unterbaus deutlich größer dimensioniert ist und weiter auskragt (Abb. 9).

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Abb. 9: Blick nach Norden auf die Front des oberen Teils des Kachelofens, der aus einem Rosengitterkachelfeld besteht das von zwei Eckkacheln mit Akanthusblattdekor eingerahmt wird (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 10: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des oberen Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine Eckkachel mit Akanthusblattdekor (Philipp Scheitenberger 2018).

An den Kachelofen schließen, westlich und östlich an die Nordwand der Stube angebaut, jeweils ein Kachelofensitz an (Abb. 3). Die Lehne des westlichen Kachelofensitzes besteht aus einer Reihe Blattkacheln, die Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3). Anschließend an die östliche Seite des Kachelofens, befindet sich ein Kachelofensitz, dessen Sockelbereich und Lehne jeweils mit einer Reihe Blattkacheln besetzt ist, die den Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3).

Insgesamt weist der Kachelofen bezogen auf seine Gestaltung ein sehr harmonisch abgestimmtes Entwurfskonzept auf, was beispielsweise anhand der Proportionen, der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Bänder und der durchdachten Kombination verschiedener Kachelgrößen und -schnitte deutlich wird. Daraus ergibt sich eine fassadenartig-architektonisch wirkende und stilistisch im Barock/ Klassizismus verhaftete Ofenarchitektur. Kulturhistorisch interessant sind die beiden Ofensitze, die als Sitzmöglichkeit in der Stube neben dem warmen Kachelofen dienten.

Ofenkacheln-Modeln wurden meist vom Hafner, der häufig gleichzeitig auch Bildhauer war,[6] in Anlehnung an Vorlagen aus Dekor-Musterbüchern angefertigt,[7] meist über einen längeren Zeitraum zur Herstellung von Ofenkacheln benutzt und auch über größere Distanzen gehandelt.[8] Was die Ofenarchitektur anbelangt lassen sich hingegen auch viele andere Ofenbeispiele finden, die einen quaderförmigen Oberbau aufweisen. Aus diesem Grund führt eine kunstgeschichtliche Datierung des Ofens über die Kubatur und Proportionen des Kachelofens nicht unbedingt zu einem richtigen Ergebnis. Zwar verweist die Gestaltung des Kachelofens des Haus Walser hinsichtlich der Größe sowie dem hochrechteckigen Format der Kacheln und der Art der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Kacheln in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, also in die Phase des Hochbarock, und regional nach Tirol,[9] gleichzeitig lässt sich der an der klassischen Antike orientierende Dekor der Kacheln des Ofens eher dem Klassizismus zuordnen, deswegen gestaltet es sich schwierig eine gültige Aussage zur Entstehungszeit und zur regionalen Zuordnung des Ofens treffen, da hierfür eine repräsentative Anzahl von Öfen mit den gleichen Merkmalen als Grundlage für eine gültige Aussage angeführt werden müsste.

Hilfreich für die Datierung und regionale Verortung der Herkunft des Ofens kann jedoch das Hinzuziehen archäologischer Befunde sein. Diese sind im Idealfall aufgrund von Begleitfunden stratigraphisch datiert worden. Eben dieser Umstand trifft auf die Blattkacheln mit Rosengitterdekor zu. Ähnliche Blattkacheln wurden von Beate Schmid in den Jahren 2003 und 2004 im Humpisquartier in Ravensburg ausgegraben.[10] Diese Kacheln mit Rosengitterdekor entsprechen in ihrer Größe von circa 21 cm x 23,5 cm, ihrem hochrechteckigen Format und der Gestaltung ihres Rosengitterdekors weitestgehend den Kacheln des Ofens des Haus Walser.[10] Unterschiede zeigen sich nur darin, dass die einzelnen Segmente des Rosengitterdekors der Ravensburger Kacheln anstatt der Rosenblüten und Rosenblattmotive der Kacheln des Haus Walser, vertikal Verlaufende parallele Rillen aufweisen. Zudem weisen die meisten Kacheln des Kachelofens aus dem Haus Walser ringförmige Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Elementen des Rosengitterdekors auf, was bei den Kacheln aus Ravensburg nicht der Fall ist. Bei einigen Kacheln des Ofens des Haus Walser fehlen diese ringförmigen Verbindungsglieder ebenfalls. Von Harald Rosmanitz werden diese Blattkacheln mit Rosengitterdekor als Tapetenkacheln bezeichnet, die nach seiner fachlichen Einschätzung im 16. Jahrhundert als Kachelart auftauchten und noch bis weit ins 18. Jahrhundert an Öfen verbaut wurden.[11]

Eine weitere Parallele zwischen dem Kachelofen des Haus Walser und den archäologischen Kachelfunden aus dem Humpisquartier in Ravensburg ergibt sich hinsichtlich der mit Putten-Darstellungen versehenen Eckkacheln. Bei den im Humpisquartier in Ravensburg freigelegten Fragmenten dieser Eckkacheln mit Putten-Motiv handelt es sich um exakt die identische Darstellung wie bei denen die am Kachelofen des Haus Walser verbaut wurden. Zudem weisen die Putten-Eckkacheln aus Ravensburg ebenfalls eine dunkeltürkise Glasurfarbe auf. Harald Rosmanitz datierte diese Kacheln in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.[12] Bei der Ausgrabung im Humpisquartier in Ravensburg traten die Blattkacheln mit Rosengitterdekor mit den Fragmenten der genannten Putten-Kacheln im selben Grabungsschnitt zusammen auf.[13] Ebendiese Blattkacheln mit Tapetendekor wurden auch bei einer Grabung in der Hafnerwerkstatt, Marktstraße 36 in Ravensburg freigelegt, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bewirtschaftet wurde.[14] Anhand der genannten Aspekte zur Datierung des Kachelofens des Haus Walser scheint eine Datierung in das 18. Jahrhundert durchaus plausibel. Auch kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Kacheln des Ofens aus dem Umfeld der genannten ehemaligen Hafnerei stammen, die im Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg angesiedelt war.[15]

Endnoten

[1] Ähnliche Kacheln wurden auch in einem Gebäude in Ravensburg gefunden. Vgl.: Mück, Susanne, Schmidt, Erhard: Ofenkachelmodel aus dem Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 18. Stuttgart 1989, S. 133.

In Raum 2.05 des Haus Walser wurden Ofenkacheln gefunden, die ehemals am Kachelofen der Stube in Raum 1.03 verbaut waren, und an denen man deren technische Ausführung nachvollziehen kann.

[2] Vergleiche hierzu die Abbildunge eines Ofens mit Irdenaufsatz, der in das Jahr 1767 datiert und aus dem Pfarrhof in Paiting in Reichersdorf stammt. Der Unterbau des Kombinationsofens besteht aus vier quadratischen gusseisernen Ofenplatten. Vgl. Lehnemann, Wingolf (Hrsg.): Eisenöfen. Entwicklung, Form, Technik. München 1984, S. 94, Abb. 83.

[3] Kacheln mit ebensolchen Putten-Darstellungen wurden von Harald Rosmanitz als Allegorien des Frühlings gedeutet. Vgl. Schmid, Beate: Bauarchäologie im Ravensburger Humpisquartier, Stuttgart 2009, S. 89.

[4] Vgl.: Blümel, Fritz: Deutsche Öfen. Der Kunstofen von 1480 bis 1910. Kachel- und Eisenöfen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. München 1965, S. 249f.

[5] Vergleiche hierzu die Abbildung eines Kachelofens, der in die Zeit um 1700 datiert wird mit Putteneckkacheln, die am Unter- und Oberbau jeweils an den vorderen Ecken angebracht wurden, und mit ihrem Körper nach außen ausgerichtet sind. Vgl. Gebhard, Torsten (Hrsg.): Kachelöfen. Mittelpunkt häuslichen Lebens. Entwicklung Form Technik. München 1980, S. 107, Abb. 135.

[6] Vgl.: Franz, Rosemarie: Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. Graz 1981, S. 36f.

[7] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132 f.

[8] Vgl.: Ebd., S. 137.

[9] Vgl.: Blümel 1965, S. 90f; S. 251.

[8] Schmid 2009, S. 89.

[10] Vgl.: Rosmanitz, Harald: Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Bedal, Albrecht; Fehle, Isabella (Hrsg.): HausGeschichten. Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Sigmaringen 1994, S. 161-163.

[11] Vgl.: Schmid 2009, S. 89.; Tafel 22, Nr. 312.

[12] Vgl.: Ebd. Tafel 29, Nr. 310.

[13] Vgl.: Ebd. S. 89.

[14] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132-137.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 13.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Vollständiges Faerbe- und Blaichbuch mit handgeschriebenem Färberezept gefunden

In einer Kammer im Obergeschoss des Haus Walser wurde das Fachbuch „Vollständiges Färbe- und Bleichbuch; Band VI“ gefunden, das 1795 in Ulm publiziert wurde und für die Intention der Färberfamilie Walser steht, sich in ihrem Handwerk im Hinblick auf den Fortschritt der Färbetechniken zeitgemäß fortzubilden.

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Abb. 1: Titelblatt des im Haus Walser aufgefundenen Färbebuchs (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein in diesem Buch eingelegtes Buchzeichen, ist mit einer Notiz zur Herstellung von „roth farb eßig“ versehen, und markiert im Buch einen Abschnitt, der für die Ausübung der Färberei, und die hierfür angewandten Techniken wohl bedeutend war.

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Abb. 2: Marmorierter Einband des gefundenen Färbebuches (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Das auf dem Notizzettel angeführte Farbrezept dient zur Herstellung einer roten Farbbeize für die Zeugfärberei. Auf dem Buchzeichen finden sich zudem rote Farbflecken, bei denen es sich vermutlich um Reste dieser roten Farbbeize handeln könnte, die beim Anmischen des Rezepts auf den Zettel getropft sind.

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Abb. 3: Im Buch aufgefundener Notizzettel mit einem Rezept zur Herstellung eines roten Farb-Essig für die Zeugfärberei (Fotos: Philipp Scheitenberger 2016).

 

Transkription des Farbrezeptes

Roth Farb Eßig

Auf ein Maß Wasser

1 lot alaun ½ Loth Rothen [Chromalaun]

½ lot weißen [Kalialaun]

4 lot arsenik Rothen [Arsen(II)-Sulfid]

4 lot bleizuchten [Bleioxid]

4 lot Salmiak [Ammoniumchlorid]

2 lot Soda [Natriumcarbonat]

1 lot Scheidwasser [Salpetersäure] mit

Salmiack abgezogen

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 29.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Das iranische Innenhof-Haus

Einleitung

Wie eine Reihe erhaltener historischer Innenhof-Häuser belegt, besteht in der Architektur des vorderen Orients die „Tradition“ bzw. Kontinuität der baulichen Symbiose von Haus und Innenhof.[1] Gerade im Iran trifft man auf eine große Formenvielfalt von Innenhof-Häusern welche bezogen auf ihre Binnenstruktur und andere Details der Konstruktion zur wohnlichen Nutzung an die klimatischen und kultur-religiösen Gegebenheiten der jeweiligen Gegend angepasst sind.

Neben dem überregional grundsätzlich ähnlichen Aufbau der Innenhof-Häuser existieren somit auch eine Reihe lokaler Varianten.

Hauptelemente

Bei den Innenhof-Häusern lassen sich folgende Hauptelemente ausmachen.

Das traditionelle iranische Innenhof-Haus wird typischerweise über einen, über dem Sichtniveau der angrenzenden Straße gelegenen, Eingangsbereich von außen nach innen erschlossen. Betritt man auf diese Weise das Gebäude gelangt man in einen Eingangsbereich des Hauses der vestibule bzw. hashti bezeichnet wird. Dieser Erschließungsbereich dient als Schnittstelle zwischen den zwei Hauptzonen des Hauses und hieran gliedern sich Empfangsräume. Die Binnenstruktur des Hauses ist in zwei voneinander getrennte Raumzonen den biroonie– und anderooni-Bereich aufgeteilt.[2]

Alan Cordova 2014_Courtyard of the Ehsan Guest House_Kashan_Iran
Abb. 1: Iranisches Innenhof-Haus in der Ortschaft Kashan in Iran, zu erkennen ist der eingefriedete Innehof mit Wasserbassin (Foto: Alan Cordova; freies nichtgewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/acordova/13355945364/in/photolist-mmdHf5-6qaPXV-8mtumT-8jUnBM-8mwAGj-mnAuSZ-ac6yEv-9thgjL-2XBGMw-augZMf-9YkAzX-YcK5gY-atZSQJ-atZV7Q-8jXu2E-8mwRaA-7QdckD-9tektK-6eAbGX-2UoTAB-8m6EnE-dWZQhL-7KUduy-GoBMh4-GopPX9-sfXbS-atXoLV-8mtTdr-au177b-6xTp4V-26R4Kk7-atXp88-uB7mV-au159y-dNkSk3-au16qQ-au15Xm-au16Lq-97G9oe-8mtzBR-atZTAm-mmdC9p-atXahD-8mtPiH-atXqqB-atXqMH-77wJCz-9thoaG-atXoGn-atXau4).

Der Zugang zu den verschiedenen Räumen im Bereich der Binnenstruktur des Hauses wird über den courtyard, den Innenhof erschlossen. Zum Innenhof hin öffnen sich in den verschiedenen Stockwerken Ivane also Veranden. Trotz der flexiblen Raumnutzung im Bauwerk haben manche Räume eine zum Beispiel jahreszeitlich bedingt festgeschriebene Nutzungsform. Der talar, Winterraum wird hauptsächlich in der kälteren Jahreszeit genutzt. Der zir zemin, Kellerraum, wird während der heißen Zeit des Tages aufgesucht. Als otagh orsi wird ein großfenstriger Raum bezeichnet. Der pastoo ist ein Eckraum.[3]

Diese als bauliche Hauptelemente genannten Charakteristika des iranischen Innenhof-Hauses treten, je nach Wohlstand der Bauherren, in unterschiedlicher Ausprägung und Gestaltung auf.

Gleich ist den Häusern jedoch eine ähnliche Form der baulich-technischen Ausführung.

Konstruktion

Baumaterialien und -technik

Im 19. Jahrhundert als Gebäude in Iran noch ausschließlich mit solidem Korpus aus getrockneten Ziegeln errichtet wurden (Abb. 3), konstatierte, der am persischen Hof beschäftigte österreichische Arzt und Ethnograph, Jacob Eduard Polak in seinen Notizen eine Verflachung der Baukultur und den Einsatz von minderwertigem Baumaterial bei der Errichtung von iranischen Wohnhäusern (Abb. 2).

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Abb. 2: Der am persischen Hof angestellte österreichische Arzt und Ethnograph Jakob Eduard Polak schrieb unter anderem ethnographische Beobachtungen zur iranischen Kultur und Gesellschaft nieder (Foto: Fotograf und Jahr unbekannt; Fotorechte: gemeinfrei; Quelle: wikipedia.org).

Dabei kamen laut Polak im Gegensatz zu den älteren historischen Bauten bei Gebäuden des 19. Jahrhunderts nicht die qualitativ hochwertigen tieferen Tonschichten zur Ziegelproduktion zum Einsatz, sondern kies- und salzhaltige obere Tondeckschichten. Dies führte zur Zeit von Polaks Aufzeichnungen, wie er in Teheran beobachtete, augenscheinlich zur reduzierten Beständigkeit der Lehmziegel. Besonders in der Regenzeit lösten sich solche Lehmziegel förmlich auf und ganze Wände und Gebäudeteile stürzten ein.[4]

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Abb. 3: Ruine eines abgegangenen Innenhof-Hauses in Teheran, Iran mit aus Ziegeln erbauten Resten der Außenmauern, die Nischen enthalten (sharghzadeh 2017; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/slumtourist/26613591508/in/photolist-GxKBy1-boNDFR-4U3Yk5-oM6VAd-atZULy-atZSgd-boNmST-8mtUUM-6AypBM-4c2ipr-6bpcey-nZ37ot-boNPbg-Zoekdg-8mwv6j-U8CKJB-uxhgU-6AybVR-8m6CTA-26R4HAW-uty1r-ujejT-8mwPb9-3UrAtc-oETc6i-8mwc1L-boPaH4-6bLbrM-25zCoVo-HaCvgd-ak2QUo-26yYq5a-27S8xuQ-LcKfPy-ujHCH-8CyzME-Zkk9Sd-ZkkaoJ-27f6cG5-8mwps3-JFEu6R-RB3wBm-atVHNc-ub6mL-PAtYHD-8mtPx6-8jUsgB-8mtxK8-6bSaus-bX8V4D).

Die Wände der Häuser waren auf Flachfundamenten gegründet, die gerade einmal zwei bis vier Fuß in den Boden reichten. Polak bezeichnete diese Form der Fundamentierung als wenig ausreichend, da frei durch die Straßen fließendes Regenwasser die Fundamente leicht ausspülte, was zur statischen Destabilisierung und im schlimmsten Fall zum Einsturz des Gebäudes führte.[5]

Das Dachwerk der Wohnhäuser wurde nach Polak meist gebildet durch kurze Pappelhölzer, auf die verdichteter Lehm zum Bau eines Flachdaches als oberer Abschluss aufgebracht wurde. Dieses Pappelholz, welches sich aufgrund seiner Weichheit nicht als Bauholz eignet, verrottete schnell, oder wurde von Holzschädlingen befallen, was den Dächern eine sehr beschränkte Lebensdauer beschied. Wenn das seltenere, aber für Bauzwecke besser geeignete, da beständigere Platanenholz verfügbar war, wurde dieses zum Überspannen der Wände als Grundgerüst der Dachkonstruktion benutzt.[6]

Schmuckelemente

Typische Schmuckelemente der Innenhof-Häuser sind zum einen kunstvoll aneinandergefügte Ziegelverbände der Wände wie auch die mit Arabesken und anderen Ornamenten verzierten Nischen in den Wänden repräsentativer Innenräume. Solche Nischen dienten als Aufbewahrungsort von Haushaltsgegenständen, oder anderem Besitz der Bewohner (Abb. 3).[7] Zudem finden sich oft auch aufwändige Malereien in den Innenräumen wieder.

Polak schreibt in seinen Notizen erheiternd über die Gemächer des Schahs von Persien, bei deren Bau mehr auf die Innengestaltung geachtet wurde, als auf eine solide dauerhafte Konstruktion. Eines der wichtigsten Schmuckelemente des Hauses stellt das urusi[8] im talar[9] dar (Abb. 4). Dieses Fenster ist aufwändig mit Schnitzereien und farbigen Glaseinsätzen gestaltet .[10]

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Abb. 4: Aufwändig gestaltetes Urusi-Fenster des Winterraums eines Hauses in der iranischen Stadt Gilan (Hamed Masoumi 2008; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/hamedmasoumi/4356116800/in/photolist-TU3Vcu-atZSZ3-SUidVr-7CJ5R7-a1Phpo-uWruY-92fpGp-92p9JD-7zhzYj-bo3A3r-bo3Au2-a1LpGV-92p8vB-7mVAJt-7CWeL5-5ebLTN-92fpJV-92iwb3-uB7mV-92iw8W-QtuuN-92fpWB-6hwE2e-92fpEx-6hAWE1-VKPRXc-uMepjy-Pjopm3-PaKQTq-PtTG2j-3ppMgB).

Binnenstruktur und Privatsphäre

Die Binnenstruktur sowie das damit zusammenhängende Funktionsprogramm des traditionellen Innenhof-Hauses der islamischen Zeit entstand aus den sozio-religiösen Anforderungen des räumlichen Zusammenlebens muslimischer Familien in Gebäuden und als Antwort auf klimatische Umweltbedingungen.

Wobei die Verwendung einiger baulicher Elemente des Innenhof-Hauses auch in die vorislamische Zeit zurückreicht.

(Visuelle) Privatsphäre in der islamischen Kultur

Soziale und emotionale Handlungen sollen im islamischen Kulturkreis im Kern der Familie stattfinden um das Familienleben zu festigen und sozialen Stress zu verring-ern.[11] Zudem sollen alle, als potentiell heiratsfähige Männer bzw. Fremde angesehene Besucher, nicht die Schönheit der weiblichen Familienmitglieder erblicken können. Dementsprechend werden die Innenhof-Häuser in einen für Männer bestimmten birooni-Bereich[12] und einen für Frauen und Familienmitglieder, denen es erlaubt war die Frauen zu sehen, bestimmten anderooni-Bereich[13] unterteilt.[14]

Eine klare Aufteilung des Hauses in birooni- und anderooni-Bereiche war jedoch meist nur in wohlhabenden Haushalten idealtypisch entwickelt.

Eingansgbereich

Der Eingangsbereich war am Gebäude meist so über der äußeren Sichtlinie gelegen, so dass Passanten beim Vorübergehen nicht in die Innenräume des Hauses blicken konnten. Zusätzlich wurde der Eingangsflur meist in geknickter Form gebaut, was wiederum den Blick von außen auf die Innenräume verhinderte.

Oft findet man an den Eingangsraum anschließend, als Schnittstelle zum anderooni-Bereich einen Empfangsraum welcher Gäste aus den Frauengemächern fernhält und den Männern dazu dient Besucher zu empfangen. Aufgrund dessen wird der Zugang zu den Frauengemächern meist über eine Doppeltürkonstruktion erschlossen. Zudem wurde der Eingangsbereich in vielen Fällen in einen Teil des Hauses verlegt welcher so weit als möglich vom Innenhof entfernt lag.[15]

Doppel-Innenhof-Häuser

Je nach Wohlstand des Bauherrn wurden auch Doppel-Innenhof-häuser gebaut. Damit schuf man im Hinblick auf die Geschlechtertrennung im Innenhof zwei räumliche Nutzungszonen für Männer und Frauen.

Innenhof-Funktionen bzw. -nutzung

Eine Charakteristika des Innenhofs, welches bei den meisten Innenhof-Häusern gleich ist, ist dessen Funktion als Erschließungszone zwischen verschiedenen Gebäudeteilen des Innenhof-Hauses (Abb. 1). Über den Innenhof gelangt man traditionell in die verschiedenen Wohn- bzw. allgemeiner gesagt Nutzungsbereiche des Hauses.

Regionale Unterschiede finden sich dabei jedoch häufig auch. Es kann grundsätzlich zwischen den folgenden Funktionen des Innenhofs unterschieden werden: Abgrenzung des Anwesens, Platz für privates Familienleben, Schnittstelle zwischen Räumen und Elementen des Hauses, Unterstützung der Hausbelüftung, Platz für Gärten oder Ort zur Abkühlung oder Winterquartier für Nutztiere. Zudem bot der Innenhof auch einen geschützten Raum vor extremen Wetterlagen, wie etwa Sandstürmen.[16]

Raumnutzungsaspekte

Tag-Nacht Nutzungszyklus

Den Tag-Nacht Nutzungszyklus findet man vor allem in den heißen Trockengebieten Irans. Während des Tages findet in den Innenhof-Häusern eine Vertikal- und, oder Horizontalwanderung statt. Werden in Häusern mit Untergeschoss an heißen Nachmittagen, in einer Vertikal-Wanderung, der kühle zir zemin[17] aufgesucht, zieht man am späten Nachmittag in den Innenhof den Winterraum oder auf die ivane[18] des Hauses. Die letzte vertikal-Wanderung findet meist nachts vom Innenhof auf das Dach statt. Bei Häusern, mit nach Süden hin gelegenen Räumen, findet zum Abend hin eine horizontal-Wanderung von den nördlich zu den südlich gelegenen Räumen statt.

Sommer-Winter Nutzungszyklus

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert sich auch die Raumnutzung in den Innenhof-Häusern. Werden im Sommer Räume mit größeren Fenstern aufgesucht, nutzt man im Winter Räume mit kleineren Raumöffnungen. Der Zeitpunkt des Raumwechsels war meist der Monat Mai, also der Frühling. Dabei befinden sich die Winterräume meist auf der Nordwest- bzw. Nordostseite des Hauses. Die Sommerräume befinden sich dementsprechend auf der Südwest- bzw. Südostseite.

Gastbesuche

Der Umgang mit dem Gast im islamischen Haus ist widersprüchlich. Zum einen soll dem Gast, auf Aussagen des Koran bezogen, jegliche Gastfreundschaft zukommen – ihm soll das beste Zimmer angeboten werden, zum anderen soll der „fremde männliche Besucher“ die Frauen der Familie nicht zu Gesicht bekommen. Aus dieser Zwiespalt des Umgangs mit dem Gast entwickelt sich ein spezielle Innenraum-Gestaltung der Innenhof-Häuser, auf welche im Punkt Erschließung und Privatsphäre bereits eingegangen wurde. Männliche Gäste werden meist im Empfangsraum birooni-Bereich empfangen weibliche Besucher in einigen Fällen auch. Bei großen Häusern gibt es zum Teil auch im anderooni-Bereich spezielle Empfangsräume für weibliche Gäste.

Städtebauliche Integration in Siedlungsstruktur und Umwelt

Das iranische Innenhof-Haus wurde hauptsächlich in räumlicher nordost- zu südwest-Orientierung gebaut. Oft wird das Haus axial auf Mekka ausgerichtet.  Dabei wird das Gebäude nicht als freistehendes Bauwerk errichtet, sondern in den meisten Fällen in eine solide und geschlossene Mauerumfriedung eingestellt, welche den Blick von Passanten und Eindringlingen vom Familienleben fernhält (Abb. 5). Das Haus öffnet sich somit auch nicht nach außen zu den Nachbargebäuden, sondern nach innen zum Innenhof hin. Das spiegeln auch die Raumöffnungen und Veranden bzw. Balkone wieder welche meist zum Innenhof hin liegen. Umgeben ist das Haus von schmalen Gassen oder anderen Gebäuden (Abb. 5).

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Abb. 5: Blick von der Festung auf die Innenhof-Häuser der Altstadt der Stadt Meybod in Iran (Teseum 2016; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/teseum/31557711342/in/photolist-cknmaG-8msnUz-ckncGQ-cknqTC-49bSqa-8msx26-cknmy5-8msnxF-ckneC1-8msDZ2-8msywZ-ckneM5-cknnDY-cknhtS-cknha1-8m3sTt-8kujBr-8m1SHu-ckncU5-cknjUU-cknic5-8kujRv-8kuiVc-ckniYd-49bTkZ-8mvvwN-8jND29-cknbXb-ecZVUU-utFza-cknejY-ckni1G-cknrpA-cknesN-cknoCf-cknn3W-cknj77-cknrgA-cknqJ3-ckngQU-8kxujm-cknk5U-cknkdG-cknkxG-8m1Cev-Q5Dw8q-cknqb5-8m4MPq-ecUcPp-8msoTa).

Regionale Unterschiede

Nordiranische Innenhof-Häuser

Der Innenhof ist in dieser Region ein Platz der sowohl Schnittstelle als auch Grenze zu den verschiedenen Nutzungsbereichen des Gebäudes darstellt. Die Funktionseinheiten werden dabei mit Zäunen voneinander abgegrenzt. An den Innenhof gliedern sich je nach Fall Scheunen, Läden, andere Häuser oder landwirtschaftliche Gebäude. Dicke, Klima regulierende Mauern sind in dieser Region aufgrund des gemäßigten Klimas weniger notwendig.

Südiranische Innenhof-Häuser

In den feucht-warmen Regionen Südirans übernimmt der Innenhof eine wichtige Funktion zur Klimaregulierung und Belüftung des Gebäudes. Mittels dem Leiten von kühler Luft durch das Haus in den Innenhof und wieder aus dem Haus heraus wird neben der Klimatisierung des Hauses durch massive Wände eine weitere Möglichkeit genutzt im Sommer ein erträgliches Wohnklima zu schaffen.

Weitere Formen der Klimatisierung

In den klimatisch extremen Bedingungen Ostirans wird vor allem in und um die Stadt Yazd eine besondere Form der Klimatisierung verwendet. Der badgir[19] fängt, als eine Art Kamin konstruiertes Gebäudeelement welches auf dem Dach des Hauses angebracht ist (Abb. 6), den vorherrschenden Wind ein und leitet ihn in das Hausinnere. Damit wird im Haus ein erträgliches Klima geschaffen und zudem noch die unteren Stockwerke belüftet.

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Abb. 6: Die als badgir bezeichneten Windfänger der Innenhof-Häuser Ostirans in der Stadt Yazd (Ninara 2008; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/ninara/3003033800/in/photolist-5znkjQ-Qs1ox-8yDvTB-5znjSw-QrDYy-oEmE8i-ndu9Pw-nbpeZG-ndrLXa-nbprKe-8nozKh-8nnXBd-8nkx8D-8nkt44-8nmZ8B-8nn2mM-8nkFQ2-8nmG4H-8nmY9v-8nkukg-8nmSGK-H7ph7m-8njymT-8nmDRp-H7eYg9-ndrhLF-QrEf9-ndrqW8-ndrW4z-ndrMfV-ndrw2P-nbpzrG-8yGzmW-ndtMuh-ndrVw4-8yGE2d-8yDkMv-5JdhcJ-nbpabJ-8yDhYB-ub5MZ-ndrGFz-nds1vF-nbp9FW-eizxmR-efiM6K-ndtQQq-nbpqhK-nbp7F7-nbpkXN).

In der Hochebene von Fars ist das Klima gemäßigt, daher ist die Raumanordnung weniger eingeschränkt und es treten unterschiedliche Formen der Raumanordnung bzw. -nutzung aufgrund der geringeren Notwendigkeit raumklimatischer Überleg-ungen auf.

Das Innenhof-Haus im Iran des 20. Jahrhunderts

Das traditionelle iranische Innenhof-Haus welches sich in seiner Bauweise aus natürlichen, geographischen und kulturellen Gegebenheiten entwickelte, wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts abgelöst von neuen Hausformen, welche sich aufgrund technologischer Innovationen, gesellschaftlichem und kulturellem Wandel und veränderten Lebensformen sukzessive im Iran verbreiteten. Diese neuen Hausformen wurden erstmals um 1961 im größeren Umfang im Iran gebaut.[20]

Veränderte materielle Wohnumwelt und Raumnutzung

Dabei handelt es sich um Wohnblöcke mit Apartment-Wohnungen (Abb. 7). Neu ist dabei vor allem die veränderte Funktion und Nutzung des Innenhofs dieser neuen Hausformen. Der Innenhof wird zu einem gemeinsam von allen Wohnparteien des Hauses genutzten Platz, welcher sich an der Vorderseite des Hauses befindet. Er dient nun oftmals nur noch als Parkplatz oder Verbindungsweg zwischen Parkplatz und Straße. Seine frühere Funktion im Innenhof-Haus als Schnittstelle und Erschließungszone zwischen den verschiedenen Nutzungseinheiten des Hauses übernehmen nun im Gebäude selbst liegende Hausgänge. Die Funktion eines im freien gelegenen privaten Platzes für die Mitglieder des Haushalts, welche zuvor der Innenhof innehatte, übernimmt nun der Balkon. Das nach Innen gerichtete Innenhof-Haus wird von einem nach außen hin geöffneten Wohnbau abgelöst. Die Wandöffnungen, also Fenster dieser neuen Wohnbauten sind nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet.

Loizeau 2012_Teheran_Iran
Abb. 7: Appartement-Blocks in der iranischen Hauptstadt Teheran (Loizeau 2012; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/the_z_word/15607970846/in/photolist-pMdVXC-6SpH3v-gLewxQ-6xqhfh-2dTNPN-Kyc1sd-MitAd-nQXyED-au19UY-TyikMd-nbeQoW-nNUFUs-bxRcMz-6xm6vF-czQvjo-4hcsuh-548eZj-8kTgDw-BNwkAq-8kR7hh-8kQZnb-8kNXxt-pFs39B-bxRdnM-8kT2P1-bjWgQ7-26R4Kk7-8kQ91B-8kTaZf-bxRdRe-8kP36a-bxRbX8-4h8sha-8kRz21-8kP72H-bjWfMC-8kPNxk-8kP8wg-8kRuU1-8kSYJU-8kQ2Pa-8kS8s3-bxRdDg-mmc4p6-bxR8WF-8kPtYK-8kN51n-8kSnEE-26yYt2n-8kN8VZ).

Trotz der Öffnung der Wohnbauten nach außen bleibt die visuelle Privatsphäre der Bewohner wichtig. Sie wird nun dadurch hergestellt, dass dicke Vorhänge den Blick durch die Fenster ins Innere der Appartements verhindern. Die Räume der Appartements sind nicht wie vormals im Innenhof-Haus Multifunktionsräume, sondern haben eine festgelegte, auf den einen Raum bezogene, Nutzung. Neu ist auch eine Aufweichung der strikten Trennung der Binnenstruktur der Apartment-Wohnungen in birooni- und anderooni-Bereiche. Gästeräume bleiben jedoch zum Empfangen von Freunden und Verwandten, als vom Familienwohnbereich getrennte Bereiche durchaus erhalten.[21] Die Klimatisierung erfolgt bei den neuen Wohnblöcken nicht mehr durch den badgir, oder ein kühlendes Wasserbecken im Innenhof, sondern mittels Klimaanlagen. In den neuen Hausformen finden sich auch keine Kellerräume, oder begehbare Dächer mehr welche man im Sommer in einem Tag-Nacht-Nutzungszyklus aufsuchen könnte.[22]

Veränderung der Wohnform und des Lebensstils

Neben materiellen Veränderungen in der Wohnkultur stellte sich gleichzeitig dazu auch eine Veränderung im Sozialen ein. Das traditionell patriarchale Großfamilienmodel wurde abgelöst von der unabhängigen Kernfamilie deren Haushaltsgröße sich zunehmend verringerte. Aufgrund des Baus von Appartement-Blöcken durch den Wohnungsbau, welche nicht die traditionellen Wohnformen Irans aufgriffen, vollzog sich eine Anpassung der Wohnform der Bewohner an die neuen Wohnbedingungen. Wodurch die traditionellen Wohnformen bzw. Lebensstile der Bewohner von Appartement-Wohnungen sukzessive verschwanden und im Verschwinden begriffen sind.[23]

Fazit

Der Verlust von historischen Innenhof-Häusern und traditionellen Wohnformen bzw. Lebensstilen stellt eine gravierende gesellschaftliche Veränderung im Iran dar. Historisch gewachsene Stadteile mit Altbaubestand werden aufgrund stadtplanerischer Entscheidungen abgerissen, und weichen neuen Appartement- Wohnblöcken. Mit dem Verlust dieser historischen Gebäude geht ein Quellenverlust einher, welcher die Arbeits- und Ergebnisfähigkeit der historischen Bau-, Haus- und Städteforschung hemmt und damit neben materiellem – also den Bauwerken -, auch immaterielles Kulturgut – historische Wohntraditionen und Lebensstile – des iranischen Siedlungsraums im Verschwinden begriffen ist. Zudem erschwert das Verschwinden von traditionellen Wohnformen und Lebensstilen kulturanthropologische Schlussfolgerungen vom Gebäude auf die Gebäudenutzung und umgekehrt.

Endnoten

[1] Vgl. Memarian, Gholamhossein; Frank Brown: „The Shared Charakteristics of Iranian and Arab Courtyard Houses“, in: Brian Edwards, Magda Sibley, Mohamad Hakmi and Peter Land (Eds.): Courtyard Housing: Past, Present and Future, Abingdon 2006, S. 27-40, hier S. 28.

[2] Vgl. Ebd., S. 35.

[3] Vgl. Ebd., S. 27.

[4] Vgl.: Polak, Jacob Eduard: Persien, das Land und seine Bewohner. Hildesheim / New York 1976 [Nachdruck der Ausg. Leipzig 1965], S. 53.

[5] Vgl., Ebd., S.54.

[6] Vgl.: Ebd.

[7] Vgl. Ebd., S. 58.

[8] urusi: persische Bezeichnung für ein großes Prunkfenster.

[9] talar: persische Bezeichnung für den Winterraum.

[10] Vgl. Polak 1976, S. 58f.

[11] Vgl. Gholamhossein 2006, S. 34.

[12] birooni: persische Bezeichnung für den Innenraumbereich des Gebäudes, der vorzüglich für Männer bestimmt ist.

[13] anderooni: persische Bezeichnung für den Innenraumbereich des Gebäudes, der für die Frauen bestimmt ist.

[14] Vgl. Gholamhossein 2006, S. 35.

[15] Vgl. Ebd., S. 38f.

[16] Vgl. Ebd., 28f.

[17] zir zemin: persische Bezeichnung für Kellerraum.

[18] ivan: persische Bezeichnung für eine Form von Veranda.

[19] badgir:persische Bezeichnung für einen gemauerten Kamin/Schornstein, der auf dem Dach des Gebäudes montiert, vorbeiströmenden Wind ins Innere des Hauses leitet.

[20] Vgl. Mirmoghtadaee, Mahta: Process of Housing Transformation in Iran, in: Journal of Construction in Developing Countries, Vol. 14, No. 1, 2009, S 69 – 80, hier S. 74.

[21] Vgl. Ebd., S. 75.

[22] Vgl. Ebd., S. 79.

[23] Vgl.: Ebd.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 24.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn im Abbildungstext nicht anders angegeben.

 

Bau und Nutzung der Kißlegger Tafernwirtschaft zum „Schwarzen Adler“ in der Zeit um 1700

Das Gasthaus zum „Schwarzen Adler“ prägt mit seiner Fachwerkfassade bis heute das Ortsbild von Kißlegg (Abb. 1). Neben dem „Gasthaus zum roten Ochsen“, dem „Gasthaus zum goldenen Löwen“ und dem „Gasthaus zum Hirschen“ war der „Schwarze Adler“ in der Zeit um 1700 wohl die bedeutendste Kißlegger Tafernwirtschaft, was sich im folgenden Beitrag vor allem anhand seiner Nutzungs- und Baugeschichte aufzeigen lässt.

Abb_1_Heutiger Zustand des Gasthaus Goldener Adler
Abb. 1: Blick nach Süden auf die nördliche Giebelseite und westliche Traufseite des ehemaligen Gasthauses „Goldener Adler“ zuvor genannt „Schwarzer Adler“ in Kißlegg (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

In der Zeit um 1704 existierten im herrschaftlichen Marktflecken Kißlegg insgesamt 4 Wirtshäuser.1 Auf dem Grundriss von Kißlegg, der nach dem verheerenden Ortsbrand vom 23.04.1704 als Basis für die Umsetzung des Großbauprojekts von dem aus der Fürstabtei Kempten stammenden Feldmesser Matthias Thanner erstellt wurde, lässt sich die Lage dieser Wirtshäuser nachvollziehen (Abb. 2). Der Standort aller Wirtshäuser war der von Westen nach Osten verlaufende Straßenmarkt Kißleggs. Hier kreuzten sich die Wege, die beispielsweise in die freien Reichsstädte Wangen, Isny und Leutkirch oder in den Marktort Bad Wurzach führten. Der Grundbesitz in dem Marktflecken Kißlegg war um 1700 aufgeteilt zwischen den Grafen zu Friedberg-Trauchburg und den Freiherren zu Schellenberg, was der Ortsplan von Kißlegg aus dem Jahr 1704 verdeutlicht (Abb. 2).1 Beide Herrschaftsteile besaßen jeweils eigene Wirtshäuser im Ort, wie es in der Kartierung der Wirtshäuser in Kißlegg um 1704 deutlich gemacht wurde (Abb. 2). Der „Schwarze Adler“ gehörte als Tafernwirtschaft zum Schellenbergischen Teil der Kißlegger Herrschaft.

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Abb. 2: Wirtshäuser im herrschaftlichen Marktflecken Kißlegg in der Zeit um 1704 (Philipp Scheitenberger auf Grundlage Ortsplan von Kißlegg 1704; Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee in Schloss Wolfegg, WOKi 663).

Für einen Marktort wie Kißlegg waren die Wirtshäuser eine zentrale Versorgungseinrichtung. Hier konnten sich Handelsreisende und Marktbesucher beispielsweise während der vier Kißlegger Jahrmärkte verpflegen und Unterkunft finden.2 Eine gemeinsame Verordnung beider Kißlegger Herrschaften legte dabei genau fest an welchem Jahrmarkt welches Kißlegger Gasthaus die Verpflegung der Jahrmarktsbesucher übernehmen durfte. Das Gasthaus „Schwarzer Adler“ war während des Anfang Oktober stattfindenden Michaeli-Jahrmarktes berechtigt die Marktgänger zu bewirten.2 Der Schellenbergische Wirt, Brauer und Amtmann Antoni Fraßt war zu Beginn des 18. Jahrhunderts prägende Gestalt der Geschichte des „Gasthauses zum  Schwarzen Adler“. Im Jahr 1700 erbte er den Gasthof samt Inventar und Vermögen von seiner Mutter Margreth Fuchsschwanz, was aus einem Vermögensübergabeinventar hervorgeht.3 4 1701 bekam Antoni Fraßt im Rahmen einer Verordnung der beiden Kißlegger Herrschaften die alleinige Braugerechtigkeit für den Ort zugesprochen.5 Dies ergab sich aus dem Umstand, dass Antoni Fraßt zu dieser Zeit der einzige gelernte Brauer in Kißlegg war, und er somit befähigt war die herrschaftliche „[…] primatin concesion […]“5 zum Brauen zu erlangen.5 Die Wirte der übrigen Kißlegger Gasthäuser wurden in diesem Zuge verpflichtet bei Antoni Fraßt das Bier zu kaufen, dass sie in ihren Wirtsstuben ausschenken wollten.5  Neben der Braugerechtigkeit war es den Kißlegger Wirten ebenfalls erlaubt für den Eigengebrauch im Wirtshaus Vieh zu schlachten, und an Jahrmärkten, Sonn- und Festtagen Brot zu backen.5 Bereits ein Jahr nachdem Antoni Fraßt die alleinige Braugerechtigkeit in Kißlegg zugesprochen wurde, beauftragte er 1702 den Bregenzer Baumeister Leonhard Albrecht mit der Entwurfsplanung eines Gasthausneubaus. Die überlieferten Planunterlagen eines repräsentativen Fachwerkgebäudes mit gemauertem Sockelgeschoss (Abb. 3) zeigen im Grundriss anschaulich das Raumprogramm, das zur Bewirtschaftung eines frühneuzeitlichen Gasthauses als Eigenversorgungsbetrieb, in dem Bier-, Fleisch und Brotproduktion, Bewirtung, Beherbergung, Stallungen und Wirtswohnung unter einem Dach untergebracht werden sollten, benötigt wurden (Abb. 4). In Anbetracht der bereits erwähnten Quellenlage zum „Schwarzen Adler“, wird deutlich, dass hierbei der Gasthausneubau im Hinblick auf die Nutzungsanforderungen des Bauherren Antoni Fraßt im Bezug auf seinen Berufstand als Wirt und Brauer von Leonhard Albrecht präzise geplant worden war.

Abb_3_Entwurfsplan Neubau Schwarzer Adler 1702_Fassadenriss
Abb. 3: Farblich ausgelegter Fassadenriss aus den Entwurfsplänen zum Neubau des Wirtshaus zum „Schwarzen Adler“ in Kißlegg aus dem Jahr 1702. Angefertigt von dem Bregenzer Baumeister Leonhard Albrecht für den Kißlegger Wirt Anthoni Fraßt. Der Giebel des Neubaus (rechts im Bild) sollte in Richtung Norden der Kirchgassen zugewendet sein, die Traufseite jedoch nach Osten der Schlossgassen hingewendet sein (Quelle: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. Baumeister Leonhard Albrecht: Entwurfsplan zum Neubau des Wirtshauses zum Schwarzen Adler in Kißlegg 1702. Foto Philipp Scheitenberger 2016).
Abb_4_Entwurfsplan Neubau Gasthaus Schwarzer Adler 1702_Grundriss
Abb. 4: Farblich ausgelegter Grundriss aus den Entwurfsplänen zum Neubau des Wirtshaus zum „Schwarzen Adler“ in Kißlegg aus dem Jahr 1702. Angefertigt von dem Bregenzer Baumeister Leonhard Albrecht für den Kißlegger Wirt Anthoni Fraßt. Unten im Bild Grundriss Kellergeschoss, Bildmitte Grundriss Erdgeschoss und Oben im Bild Grundriss Obergeschoss
Register des 1. Stocks (Kellergeschoss):
1 fenster
2 thüren
3 back ofen
4 Schürr gruoben
5 breüw Kessell (Kessel)
6 brant wein Kesel
7 Küll standen
8 Maltz Thennen
9 Mertzen bür Keller
10 Holtz legge (Lege)
11 Durch undt ein gang
12 gemeiner bürr Keller
13 weinn Keller
14 Bürr Külle (Kühle)
15 Stiegen (Treppe)
Register des andern Stokh (Erdgeschoss)
1 die fenster oder liechter
2 die thürren
3 die wohn stuben
4 die stuben offen
5 der feüer herdt
6 die Kuchell
7 der wasser Stein
8 die Speis Cammer
9 das Cammin auser (aus) dem bräuhaus
10 die Darre (Malzdarre)
11 die Weiche
12 die Kelber Mezg
13 Der Durch gangg
14 Das Würths Stüble
15 undt (Würths) Cammer
16 Stieggen (Treppe)
17 Salz Cammerle
18 gängle in den Hof
19 secret (Plumpsklo)
20 gast ross Stall
21 thenen
22 küe Stall
23 des würths ross Stall
24 die Schwein stell
Register des 3 ten Stock (Obergeschoss)
1 die fenster oder liechter
2 die Thürern
3 der offen (Ofen)
4 die untere auf steigend Cammer
5 große gast Stuben
6 Cammer daran
7 gast Cammer
8 gast Cammer
9 gast stüble
10 unter Cammer
11 durch gehender gang
12 ofen Küchele
13 fisch heüd legge
14 ober Thennen
15 ross heüw (Heu) lege
16 secrete (Plumpsklo)
17 magt Cämerle
18 stiegen
19 Stüble
20 und Cammer
 (Quelle: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. Baumeister Leonhard Albrecht: Entwurfsplan zum Neubau des Wirtshauses zum Schwarzen Adler in Kißlegg 1702. Foto Philipp Scheitenberger 2016).

In einer Häuserliste des Schellenbergischen Teils der Herrschaft Kißlegg aus dem Jahr 1700 wird das alte „Gasthaus zum Schwarzen Adler“ als „[…] bawfällig Hauß […]“6 beschrieben.6 Es verwundert somit kaum, das Antoni Fraßt mit dem Antritt seines Erbes als Wirt und der Verleihung der alleinigen Braugerechtigkeit in Kißlegg einen ansehnlichen Gasthausneubau schaffen wollte, der ihm vor allem auch den rechten Platz zum brauen bieten konnte. Das Belehnungsprotokoll zur Verleihung der Tafernwirtschaft „Schwarzer Adler“ an Antoni Fraßt aus dem Jahr 1701 verdeutlicht das bereits seit 1686, als Antoni Fraßts Vater Antoni mit dem „Schwarzen Adler“ belehnt wurde, bestehende Interesse der Herrschaft Schellenberg einen Neubau des Gasthauses umzusetzen.7 Jedoch wurde im Protokoll erwähnt, dass Antoni Fraßt Senior „[…] merkhlich Sich geschaaiht […]“7 hatte zu bauen.7 Im Rahmen der Neubelehnung des „Schwarzen Adler“ an Sohn Antoni sollte nun endlich ein neues Wirtshaus errichtet werden.7 Hierzu wurden von Seiten der schellenbergischen Herrschaft mit ihm die Bedingungen ausgehandelt.7 Der repräsentative Charakter des geplanten Gebäudes spiegelt sich bereits in dem im Rahmen der Belehnung festgelegten Eigenanteil Anthoni Fraßts an den Baukosten. So sollte er zusätzlich zu dem als finanzielle Bau-Unterstützung der Herrschaft Schellenberg gewährten „[…] starkhen Paw schilling […]“7 einen Geldbetrag von 450 Gulden selbst bezahlen.7 Ob damals mit der praktischen Ausführung des Bauentwurfs von Leonhard Albrecht tatsächlich begonnen werden sollte, stand zunächst im Hinblick auf den sich anbahnenden Spanischen Erbfolgekrieg im Verlauf der Belehnung 1701 zur Frage. So heißt es im Protokoll, dass wenn „[…] aber 2do: Ein krieg werden sollte jedes wegen mit dem gepew nit forth gefahren sollte werden […]“7. Jedoch belegt die als Rötelzeichnung ausgeführte überlieferte Werkplanung zum Neubau des Gasthaus „Schwarzer Adler“, die als praktische Auseinandersetzung der für das Projekt engagierten Handwerker mit dem Bauentwurf von Leonhard Albrecht zu bewerten ist, zumindest archivalisch, dass der Entwurf auch umgesetzt wurde (Abb. 5). Im Bauentwurf (Abb. 3) und der Werkplanung (Abb. 5) verdeutlicht sich zudem in der schräg verlaufenden Darstellung der Unterkante des gemauerten Erdgeschosses der Giebelseite die geplante Ausführung des Gebäudes am zur Pfarrkirche St. Gallus und Ulrich ansteigenden „Kißlegger Kirchberg“ (Abb. 2). Somit erscheint es plausibel, dass das Bauprojekt auch durchgeführt wurde. Der im Zuge der Einquartierung von Truppen im Rahmen des spanischen Erbfolgekrieges ausgelöste Ortsbrand von Kißlegg im Jahr 1704 zerstörte das höchstwahrscheinlich neu erbaute Gasthaus bereits kurze Zeit nach seiner Fertigstellung.8 Hiermit verdeutlicht sich auch wie berechtigt das im Belehnungsprotokoll von 1701 indirekt ablesbare Zaudern der schellenbergischen Herrschaft vor der Durchführung eines kostenintensiven Bauprojekts in Anbetracht des sich ankündigenden Spanischen Erbfolgekrieges war. Sicherlich war in der Zeit um 1700 in Kißlegg die Erinnerung an die negativen Einwirkungen der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618 bis 1648 andauerte, noch sehr lebendig. Eine archivisch überlieferte Liste zu den im Jahr 1633 im baumgartischen Teil der Herrschaft Kißlegg durch Kriegseinwirkung abgegangenen Gebäude belegt die immensen Zerstörungen am dortigen ländlichen und innerörtlichen Gebäudebestand.9

Bevor die Tafernwirtschaft „Schwarzer Adler“ am 23. April 1704 vom Brand erfasst wurde, konnte Antoni Fraßt noch rechtzeitig den Großteil seines Besitzes aus dem Haus herausschaffen,8 was ihm im Nachhinein sicher die finanziellen Mittel bot sein Gasthaus auf dem Grundriss des ehemaligen Schellenbergischen Amtshauses, also auf der gegenüberliegenden Straßenseite (Abb. 2), neu zu errichten, was auch anhand einer historischen Liste zu den nach dem Ortsbrand in Kißlegg zu bebauenden Hofstätten belegbar ist.10

Abb_5_Werkplan_Gasthaus_Schwarzer_Adler_1702
Abb. 5: Mit Rötel und Kohle ausgeführter Werkplan zum Neubau des Wirtshauses zum „Schwarzen Adler“ in Kißlegg aus dem Jahr 1702. Angefertigt voraussichtlich von dem für die Bauausführung zuständigen Maurermeister. Der Giebel des Neubaus (rechts im Bild) sollte in Richtung Norden der Kirchgassen zugewendet sein, die Traufseite jedoch nach Osten der Schlossgassen hingewendet sein (Quelle: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WoKi 663. Werkplan zum Neubau des Wirtshauses zum Schwarzen Adler in Kißlegg 1702; Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ausschlaggebend für diesen Wechsel der Hofstelle innerhalb des Ortes waren wohl die trotz des Brandes gut erhaltenen Gewölbekeller des Amtshauses, die nach Antoni Fraßts Aussage „[…] bequemblich zum bier breüen […]“11 gewesen sein müssen. In einer Auflistung der Frohnarbeiten, die durch die Kißlegger Untertanen während des Wiederaufbaus der Ortschaft nach der Brandkatastrophe von 1704 geleistet werden mussten, findet sich die Angabe, dass Antoni Fraßt vom 18. September 1704 bis in den Herbst 1705 zur Ausführung seines Hausbaus von der Frohn freigelassen wurde.12 In diesem Jahr wurde das bis heute in Kißlegg erhaltene „Gasthaus zum Schwarzen Adler“ in offensichtlicher Anlehnung an die zwei Jahre zuvor angefertigten Entwurfspläne des Bregenzer Baumeisters Leonhard Albrecht errichtet (Abb. 1, Abb. 3 und Abb. 5). Dies lässt sich auch anhand überlieferter Baupläne belegen, die eine Planung des Neubaus der Tafernwirtschaft auf dem ungleichmäßigen bestehenden Grundriss des einstigen schellenbergischen Amtshauses (Abb. 6), der ebenso auch auf dem Ortsplan von Kißlegg aus dem Jahr 1704 dargestellt wurde (Abb. 2).

Abb_6_Werkplan_Gasthaus_Schwarzer_Adler_1704
Abb. 6: Mit Rötel und Tusche ausgeführter Bauentwurfsplan für den Neubau des Gasthaus „Schwarzer Adler“ auf dem verschachtelten Grundriss und Baurelikten des durch den Ortsbrand von 1704 zerstörten schellenbergischen Amtshauses in Kißlegg (Quelle: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WoKi 663. Bauplanung zur Wiedererrichtung des Gasthaus zum „Schwarzen Adler“ nach dem Ortsbrand von 1704 auf dem Grundriss des ehemaligen schellenbergischen Amtshauses; Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Vergleicht man die Bauplanung von Leonhard Albrecht aus dem Jahr 1702 (Abb. 3) mit der heutigen Erscheinung des „Gasthaus zum Goldenen Adler“, wie es inzwischen bezeichnet wird, zeigen sich was das Fachwerkgefüge der Giebelfassade betrifft, auch ohne die an dieser Stelle ausgesparte ausführliche Besprechung detaillierter Holzgefügemerkmale, deutliche Parallelen zwischen dem historischen Bauentwurf und dem bis heute überlieferten Baubestand des Wirtshauses.

Das archäologische Funde unser Wissen über die häuslichen Wirtschaftsbedingungen in oberschwäbischen Gasthäusern des 18. Jahrhunderts erweitern können, beweist der bei Erdarbeiten in einem ehemaligen Gasthaus in Rempertshofen zum Vorschein gekommene als großer Ziegelblock mit konkaver schüsselförmiger Einbuchtung ausgeführten Rest eines Spülsteins (Abb. 7), der einst mit großer Sicherheit in der Küche dieses Wirtshauses eingebaut gewesen war. Ein ähnlicher Spülstein wurde auch in dem Entwurf von Leonhard Albrecht für den Neubau des „Schwarzen Adlers“ in der für das Erdgeschoss vorgesehenen Küche eingeplant (Abb. 4). Im Plan wird der Spülstein jedoch als „[…] 7 der wasser stein […]“13 bezeichnet. Die Ableitung des Spülwassers erfolgte mit hoher Wahrscheinlichkeit über ein durch die Mauer hindurchreichendes Rohr direkt auf die Herrenstraße.

Abb_7_Archäologischer Fund eines Spülsteinfragments in einem ehemaligen Gasthaus in Rempertshofen
Abb. 7: Bei Bodenaushubarbeiten in einem ehemaligen Gasthaus in der Ortschaft Rempertshofen zu Tage gefördertes Fragment eines als Ziegel ausgefertigtem Spülsteins, der höchstwahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert stammt (Foto: Philipp Scheitenberger 2017).

Mit den hiermit aufgezeigten historischen Bedingungen der baulichen Genese dieses Gasthauses und der Fülle an Wissen, das sich aus der Quellenüberlieferung zum Gebäude und seiner Bewirtschaftung erschließen lässt, offenbart sich der „Schwarze Adler“ ohne Zweifel als eine Ikone des Gasthausbaus und -bewirtschaftung des 18. Jahrhunderts im Landkreis Ravensburg (Abb. 1), was auch in denkmalpflegerischer Hinsicht im Rahmen einer zukünftigen baulichen Entwicklung des Gebäudes bedacht werden sollte. Hierbei sollte auch der Erforschung und Dokumentation der vermutlich spätmittelalterlichen Baurelikte des ehemaligen Schellenbergischen Amtshauses im Keller- und Erdgeschoss des Hauses Rechnung getragen werden.

Endnoten

1 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WoKi 663. Feldmesser Mathias Thanner: Specification aller deren zu Kißlegg Inn dem grundt gerissenen Hofstätten undt anderer beyligendten Stueken, 28 t Juny A d 1704.

2 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil. Bestand Herrschaft Kißlegg. ZAKi 521. Verordnung betreffend die Kißlegger Jahrmärkte. Um 1700.

3 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. WoKi F273. Inventarium und Abtheilung über Antoni Frasten Schwartzadler Wirthsherr zue Kißlegg. Vermögen, Schulden, und verlohrnen posten. Anno 1700.

4 Vgl.: Weiland, Thomas: Häuserbeschreibung des Gasthaus zum Goldenen Adler – Ehemals Kißlegg Schellenbergische Tafernwirtschaft. Kißlegg 2016.

5 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil. Bestand Herrschaft Kißlegg. ZAKi 185. Gemeinherrschaftl. Kißleggl. Verordnungen. de anno 1701. Das Mezgen, backen, und Pierbräuen betrefend.

6 Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. Prothocollum welchergestallten gesambter underthonen Heüser, Städl und zugehör in augeschein genommen und solche an gepew auch sonsten erfunden worden. Anno 1700.

7 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. WoKi ad 3901. Belehnungsprotokoll des Antoni Fraßt Schwarzadlerwirt zu Kißlegg 1701.

8 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WOKi 663. Verzeichnuß verbranndter Heüser hochfreyherrl Schellenbergl. seits. April 1704.

9 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil-Trauchburg. Bestand Herrschaft Kißlegg. ZaKi 385. Verzeichnuß waß leider Anno 1633 in der Herrschaft Kißlegg für Häußer abgegangen seindt.

10 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WoKi 1914. Notamina. Betreffend die Hofstätt zue Kißlegg, auf welche zubauen, oder nit zuebauen seye. Notata d 8. July 1704.

11 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WOKi 1914. Vorhaltung denen Kißleggl. Innwohneren. Betreffend das pauweßen, und wie eine so anders derentwegen zuveranstalten sein möchte. De dato 27. Apr. 1704.

12 Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. WoKi 1914. Examinatio die Frohn zu Kißlegg, seithero die Brunst betreffend auch was ein ieder in Anlaagen von freyheit genoßen 1705.

13 Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Bestand Herrschaft Kißlegg. Ortsbrand und Wiederaufbau von Kißlegg 1704. Baumeister Leonhard Albrecht: Entwurfsplan zum Neubau des Wirtshauses zum Schwarzen Adler in Kißlegg 1702.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 22.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Publikation der fotografierten Archivalien erfolgte durch Erlaubnis des Gesamtarchivs der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee in Schloss Wolfegg. Die Rechte an den Archivalien-Fotos liegen beim Fürstlichen Haus Waldburg-Wolfegg-Waldsee.

 

Eine klassizistische Wandmalerei in einer Kammer des Haus Walser

Im Rahmen der Durchführung von Tapetenöffnungen wurden an den Wänden eines Raumes im Obergeschoss des Hauses Walser Befunde zu einer auf die Vertäfelung aufgemalten klassizistischen Raumfassung entdeckt (Abb. 1). In der Südwestecke dieser Kammer wurde im Rahmen der Kontrolle eines Feuchteschadens ein größeres Stück der Tapete abgerollt, und ein Teilbereich der klassizistischen Innenraumausmalung freigelegt (Abb. 2).

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Abb. 1: Tapetenöffnung an der Westwand einer Nebenkammer im Obergeschoss des Haus Walser (Foto: Scheitenberger 2015).

Hier konnte der gestalterische Aufbau der Malerei genauer nachvollzogen werden. Die Malerei wurde auf einem hellblauen Hintergrundanstrich aufgebracht und setzt sich zusammen aus einem rings um alle Wände laufende Rapport aus Buchsgirlanden, die an goldenen Ringen aufgehängt sind, an welche oberhalb Flatterbänder geknotet sind (Abb. 2). Zudem waren an den goldenen Ringen noch vertikal verlaufende an Buchszweigen fixierte Gehänge angebracht, die vermutlich auf Abdeckleisten aufgemalt waren, die über den Stoßfugen der Bretter der Wandvertäfelung angebracht waren (Abb. 2). Am tiefsten Punkt der Buchsgirlanden befindet sich jeweils ein hieran aufgehängtes Blumenbouquet bestehend aus zwei rosafarbenen Rosenblüten und einer dazwischen angebrachten Kornblumenblüte (Abb. 2).

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Abb. 2: Im Bereich eines Feuchteschadens wurde die Tapete an der Südwand abgerollt und darunter ein größeres Stück der klassizistischen Wandmalerei aufgedeckt (Foto: Philipp Scheitenberger 2015).

Kunsttechnologisch handelte es sich bei dieser Innenraumausmalung um eine als Kalkfarbenmalerei ausgeführte Wandmalerei (Abb. 2). Vermutlich wurde der Kalkfarbe als Bindemittel zur besseren Haftung auf dem Maluntergrund Holz Casein zugegeben, somit handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Kalk-Casein-Malerei. Als Pigmente wurden hier mit großer Sicherheit mineralische Pigmente verwendet, die kalkecht sind, das heißt in ihrem chemischen Aufbau vom basischen Kalk nicht angegriffen werden und somit nicht ihre Farbe verlieren oder verändern.

Die Malerei erhält ihre plastische Wirkung durch die Verwendung von Grundfarbtönen sowie eines dunkleren Farbtons als Schatten und eines helleren Farbtons als Lichter, was beispielsweise anhand der Ausführung der Buchsgirlanden nachvollzogen werden kann (Abb. 1). Insgesamt handelt es sich bei der Wandmalerei, um eine händisch aufgebrachte und durchaus handwerklich wertige Arbeit.

Eine klassizistische Datierung dieser Innenraumausmalung lässt sich anhand eines überlieferten Fotos begründen, das die Gestaltung eines Konzertsaals im zerstörten Berliner Stadtschloss zeigt, wo sich ebenfalls ringsum die Wände im Rapport verlaufende Girlanden als Raumdekor befanden, sowie Flatterbänder und Blumenbouquets als Gestaltungselemente verwendet wurden. Diese Innenraumgestaltung des Konzertsaals des Berliner Stadtschlosses geht auf einen Entwurf des Jahres 1790 zurück,[1] somit könnte für die klassizistische Innenraumausmalung in dem Raum im Obergeschoss des Hauses Walser ebenfalls eine Entstehungszeit um 1800 angenommen werden.            Diese klassizistische Datierung wird auch belegt durch die aus an Ringen aufgehängten Rosenbouquets zusammengesetzte Oberflächengestaltung eines Schranks, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Werkstatt des Kunsttischlers David Roentgen entstand.[2]

Bei dieser klassizistischen Raumausmalung in einem Raum im Obergeschoss des Hauses Walser handelt es sich um einen seltenen Befund ländlich-klassizistischer Gebäudeausstattung, der im Kontext mit weiteren Objekten und Ausstattungsteilen der Nutzungsphase des Gebäudes in der Zeit um 1800 betrachtet werden muss.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde diese Wandmalerei von Vertretern der Familie Walser ausgeführt, die in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben der Färberei im Haus auch der Fassmalerkunst nachgingen.

Endnoten

[1] Vgl.: Himmelheber, Georg (Hrsg.): Die Kunst des deutschen Möbels. Dritter Band. Klassizismus/Historismus/Jugendstil. München 1973, S. 49ff.

[2] Vgl.: Ebd., Abb. 16.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 22.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Die Spitalkirche Bärenweiler und die Filialkirche St. Agatha in Agathazell; Bauerhalt an Dachdeckungen Allgäuer Sakralbauten

(Seminararbeit im Masterstudiengang Denkmalpflege an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Seminar „Bauerhalt“ von Prof. Dr.-Ing. Stefan Breitling (Professur für Bauforschung und Baugeschichte). Ein Teil der in der Seminararbeit enthaltenen Abbildungen wurde in der online-Version nicht publiziert.)

Selten sind heute noch im Allgäu Kirchendachdeckungen aus Nagelschindeln zu finden. Häufig wurden diese bereits im 19. Jahrhundert was die Deckung der Zwiebelhaube betrifft durch Blech ersetzt, oder was die Dachdeckung des Langhauses anbelangt durch eine Ziegelplattendachdeckung ausgetauscht.

Ein Beispiel für die Kontinuität der Nagelschindeldachdeckung an einem Allgäuer Sakralbau bis in die heutige Zeit ist die Deckung des Langhausdaches und der Zwiebelhaube der ursprünglich mittelalterlichen, jedoch 1613 durch Simon Besler umgebauten katholischen Filialkirche St. Agatha in Agathazell bei Immenstadt (Abb. 1).[1]

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Abb. 1: Blick nach Nordwesten auf die Südfassade der katholischen Filialkirche St. Agatha in Agathazell bei Immenstadt im Allgäu (Philipp Scheitenberger 2018).

Ein konträres Beispiel zu diesem Fall ist hingegen die 1620 von dem aus Eisenbolz bei Immenstadt stammenden Maurermeister Konradt Pfister erbaute Spitalkirche Bärenweiler bei Kißlegg im Allgäu (Abb. 2 und Abb. 3).[2]

Abb 2
Abb.  2: Blick in Richtung Süden auf die Nordseite des Spitals Bärenweiler mit der sich östlich angliedernden Spitalkirche (Philipp Scheitenberger 2014).

Die Baugeschichte zur Dacheindeckung der Spitalkirche Bärenweiler ist ein interessantes Beispiel für die durch die zentral organisierte königlich-württembergische Bauverwaltung im 19. Jahrhundert in den neuwürttembergischen Gebieten umgesetzte, zentralisierte Baugesetzgebung und soll folgend genauer dargestellt und denkmalpflegerisch bewertet werden.

Bauerhalt im Jahr 1836: Reparatur und Anstrich der Holzschindeldeckung

Bevor genauer auf den Bauerhalt an der Holzschindeldeckung der Spitalkirche Bärenweiler im Jahr 1836 eingegangen wird, soll zunächst eine kurze Einführung zur Technik und Verwendung der Holzschindeldachdeckung im Oberamt Wangen erfolgen.

Auf Dächern mit einer steileren Dachneigung und Turmhelmen müssen Holzschindeln auf eine auf den Dachsparren angebrachte eng ausgeführte Lattung aufgenagelt werden.[3] Das Anbringen einer Bretterverschalung auf den Dachsparren ist dafür nicht unbedingt notwendig, kann jedoch auch als Unterkonstruktion verwendet werden.[4]

Am 29. November 1882 kaufte die Spitalpflege, Bärenweiler von einem Zimmermann noch 25000 Holzschindeln für den Preis von 37,50 Mark an.[5] Die große Menge an bestellten Dachschindeln zeigt an, dass neben der Spitalkirche sicher auch noch andere Gebäude des Spitals mit Holzschindeln gedeckt waren, und hin und wieder ausgebessert werden mussten.

Dachdeckungen von Gebäuden aus aufgenagelten Holzlandern, die auch Holzschindeln genannt werden, waren im Oberamt Wangen noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als Dachdeckung gleichermaßen verbreitet.[6] Wobei die Landern als größere Holzschindeln für die Deckung von flachgeneigten Dächern, und die Holzschindeln als im Verhältnis hierzu kleinere Schindeln für die Deckung von steiler geneigten Dächern und Zwiebelhelmen verwendet wurden. Jedoch verschwand die Holzschindeldachdeckung als prägendes Bild der Hauslandschaft des Oberamts Wangen im Laufe des 19. Jahrhunderts, aufgrund von königlich Württembergischen Bauverordnungen der Jahre 1821 und 1839, die aus Brandschutzgründen Holzschindeldachdeckungen verboten, sukzessive und es verbreiteten sich anstatt dessen Ziegeldachdeckungen.[7] Zudem wirkte auch das Aufkommen der Milchviehwirtschaft im Oberamt Wangen, und der damit verbundene Ausbau der Dächer von Bauernhöfen zu Heuspeichern unter Verwendung steilerer Dachneigungen, der Verwendung von Holzschindeldeckungen am Dach entgegen.[8]

Das als Wohnhaus und Färberei genutzte Haus Walser, Kirchmoosstraße 12, 88353 Kißlegg wies bis 1853 eine vollständige Dacheindeckung aus Holzschinden auf.[9] Erst 1860 lässt sich aus den Gebäudeschätzungsprotokollen zu diesem Haus entnehmen, dass der Hauptteil des Daches nun mit Dachziegeln gedeckt, und nur noch ein kleiner Teil des Daches mit Schindeln versehen war.[10] Dass auch die Dächer von Kirchtürmen mit Landern bedeckt waren, lässt sich anhand der Holzschindeldächer der Pfarrkirche, Ratzenried und der Spitalkirche, Bärenweiler aufzeigen. Der teilweise an den Schindeldächern der Kirchen ausgeführte rote Ölfarbanstrich, kann als Bauerhaltungsmaßnahme gewertet werden, wie an später folgender Stelle erläutert werden wird. Jedoch kann der Farbanstrich auch als ästhetische Maßnahme, also als Zeichen der Repräsentation angesehen werden, da man durch den roten Farbanstrich der Schindeln die Erscheinung eines teureren, roten und mit Ziegeln eingedeckten Daches visuell imitieren kann. Darstellung von historischen Ortsansichten, wie beispielsweise der Ortsansicht von Kißlegg aus der Zeit um 1700 bis 1750 stellen die Dächer der Gebäude vorwiegend rot dar. Das wirft die Frage auf, ob die darauf abgebildeten Häuser nun realistisch als Gebäude mit roten Ziegeldächern, als Holzschindeldächer mit rotem Farbanstrich, oder als Gebäude mit rotem Ziegeldach und rotem Schindeldach gemeinsam dargestellt wurden. Aus den historischen Quellen zum Wiederaufbau von Kißlegg nach dem Ortsbrand von 1704 geht hervor, dass es seit dieser Zeit bis zum Verschwinden der Nagelschindledächer im 19. Jahrhundert ein Nebeneinander von Ziegelplattendächern und Nagelschindeldächern gab. Wobei nur die höherwertigeren Gebäude wie Wirtshäuser, Kirchen und Schlösser Ziegelplattendächer besaßen und die einfachen Häuser der Untertanen als Nagelschindeldächer ausgeführt waren.

abb 3
Abb. 3: Ausschnitt eines 1730 entstandenen Ölgemäldes mit Darstellung der Marienkrönung, Putte hält Pergamentrolle mit Darstellung des Spitals Bärenweiler und Wappenabbildungen, Spitalkirche rechts auf der Pergamentrolle, ausgestellt in der Spitalkirche Bärenweiler; der Szwiebelhelm der Spitalkirche ist rot dargestellt (Philipp Scheitenberger 2014).

Es wäre jedoch eine weiterführende Auswertung von Bauarchivalien nötig, um diesen Aspekt umfassender zu beleuchten.

Anlass des Bauerhalts, behördliches Verfahren und beteiligte Akteure

Am 24. August 1836 wurde zwischen dem Spitalpfleger A. Wörz und dem Färber Xaver Walser,[11] aufgrund der zu dieser Zeit stattfindenden Neueindeckung und Ausbesserung der Schindeldeckung auf dem Dach des Kirchturms der Spitalkirche, Bärenweiler, zur Gewährleistung einer längeren Dauerhaftigkeit des reparierten Holzschindeldaches, ein Akkord-Vertrag zum Anstrich desselben mit roter Ölfarbe ausgehandelt, und schriftlich aufgesetzt.[12] Die Abrechnung der, im Akkord vereinbarten, und vom Akkordant Xaver Walser zu erbringenden, Leistungen sollten dabei auf Grundlage einer durch ihn anzufertigenden Messurkunde nach Abschluss der Arbeiten je angestrichenem „Quadratschuh“[13] Dachfläche abgerechnet werden.[14] Die Erstellung dieser Messurkunde sollte zur Hälfte von der Spitalpflege bezahlt werden. Zwar erfolgte aus unserem heutigen Verständnis betrachtet keine öffentliche Ausschreibung dieses Auftrags, jedoch lässt sich der Quelle entnehmen, dass der Spitalpfleger sich hinsichtlich der für die Anstricharbeiten erforderlichen praktischen Kenntnisse im Vorfeld über die für diese Arbeit in Frage kommenden Handwerker informiert hatte.

„Das Dach auf dem Kirchthurm zu Bärenweiler wird gegenwärtig im Taglohn theils ausgebessert theils neugeschindelt, und sowohl die neuen als die alten Schindeln haben der längeren Dauer wegen einen Anstrich von Oelfarbe nöthig. Xaver Walser von hier hat sich erbothen, diese Arbeit zu übernehmen. Da man nun in der Nähe Niemand wüßt der sich mit diesem Geschäft befassen möchte, so ist mit dem geschulten Walser nachstehender Accord abgeschlossen worden.“[15]

Wie eine solche Angebotseinholung sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Oberamt Wangen gestaltet haben könnte, lässt sich anhand des Wortlautes einer Annonce des Wochenblatts des Oberamts Wangen vom 7. Juli 1829 zur geplanten Ausführung eines Ölfarbanstrichs am Kirchendach der Pfarrkirche, Ratzenried erahnen.

„Der Stiftungsrath zu Razenried hat sich entschlossen den mit Schindeln gedekten Kirchthurm daselbst mit Oel =Farbe anstreichen zu lassen. Es wird deshalb eine Taglohn=Anstreichs=Verhandlung am Mittwoch den 22. d. M. Morgens 9 Uhr im Wirthshaus zu Ratzenried vorgenommen werden, wozu sämmitliche Liebhaber zu dieser Arbeit eingeladen werden. Razenried den 1. July 1829. Der Stiftungsrath.“[16]

Somit erfolgte eine Einholung und Verhandlung von Angeboten zur Verrichtung von handwerklichen Tätigkeiten im Beisammensein der Auftraggeber und der Handwerker als Auftragnehmer häufig wohl auch im Wirtshaus.

Nach dem Wortlaut des benannten Akkord-Vertrages zu urteilen, ging die Initiative zur Veranlassung dieser Bauerhaltungsmaßnahmen am Dach der Spitalkirche Bärenweiler maßgeblich vom Spitalpfleger Wörz aus, jedoch musste für den Abschluss des Akkord-Vertrages mit Xaver Walser und die Durchführung der darin aufgeführten Bauerhaltungsaßnahmen zunächst vom Fürstlich zu Waldburg-Wurzach´schen Ober-Rentamt die höchste Genehmigung eingeholt werden.[17] Diese erforderliche höchste, also durch den Fürsten Leopold zu Waldburg-Zeil-Wurzach erteilte,[18] Genehmigung wurde von dem Beamten des Fürstlichen Ober-Rentamts Bolster am 1. September 1836 in einem Formlosen Schreiben dem Spitalpfleger Wörz übersandt.[19]

Art und Charakterisierung der Bauerhaltungsmaßnahmen

Die an der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche durchgeführten Bauerhaltungsmaßnahmen umfassten einerseits als ersten durchgeführten Schritt die Ausbesserung und Neueindeckung der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms durch einen Dachdecker (Abb. 3), andererseits wurde die Holzschindeldeckung und der sich auf dem Zwiebelhelm befindliche Knauf und das Turmdachgesims durch den Färber Xaver Walser mit roter Ölfarbe angestrichen (Abb. 3, Abb. 5 und Abb. 7), vor allem um eine längerer Dauerhaftigkeit der Holzschindeln zu gewährleisten.[20] Insgesamt dreimal sollte dieser Anstrich ausgeführt, und dabei darauf geachtet werden, dass nach jedem Anstrich der darauffolgende erst nach Trocknung des vorhergehenden aufzubringen sei. Zudem sollte Xaver Walser im Zuge seiner Anstreicher-Tätigkeit auch noch die Fassung der Uhrentafeln und Zeiger der Turmuhr erneuern, also diese wieder in ihren Ursprungszustand versetzen.

„Akkordant hat auch bey dieser Gelegenheit die Uhren Tafeln und zeiger am Thurm zu renovieren, d.h. wieder so anzustreichen, wie sie angestrichen u. beziehungsweise mit Oelfarbe vergoldet waren.“[21]

Da diese zuletzt genannte Arbeit, als nicht leicht durchführbar angesehen wurde, sollte diese nicht im Akkord- sondern im Taglohn bezahlt werden, und auch die Kosten der dafür benötigten Materialien wurden nicht wie etwa die Ölfarbe für das Dach mittels des Akkordlohns abgerechnet, sondern von der Spitalpflege separat bezahlt.[22]

Wichtig für die Spitalpflege war bei der Durchführung der Bauerhaltungsmaßnahmen am Turmdach der Kapelle die zeitlich effiziente Nutzung des am Turm angebrachten Gerüstes, das für die Arbeiten der Maurer und Dachdecker aufgerichtet worden war (Abb. 4).[23]

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Abb. 4: Fotografie der eingerüsteten Pfarrkirche, Kißlegg; im Bereich des Glockenstuhles wurde  im Zuge von Sanierungsarbeiten am Dach der Kirche in den Jahren 1876/77 ein Hängegerüst angebracht, im Vordergrund sind Gärtner bei der Anlage des Englischen Landschaftspark des „Neuen Schloss“ Kißlegg zu sehen (Fotograf und Jahr nicht bekannt).

 

Eine aufschlussreiche Quelle, um die im Akkordvertrag festgeschriebenen Anstreicharbeiten am Turmdach der Kapelle genauer zu charakterisieren zu können, stellt die Messurkunde dar, die Xaver Walser zusammen mit dem Geometer Alois Wörz bereits am 12. September 1836 als Basis zur Abrechnung seines Akkordlohns erstellte (Abb. 6).[24] Somit wird zunächst deutlich, dass Xaver Walser die Anstreicharbeiten im Zeitraum vom 1. bis 12. September durchgeführt hatte. Weiterhin geht aus dieser Quelle hervor, dass Xaver Walser neben dem Gesims unterhalb des Glockenstuhls der Kapelle auch einen sieben Schuh breiten,[25] an den Fußpunkt des Zwiebelhelms anschließenden, ringsum den Turm verlaufenden Wandstreifen mit roter Ölfarbe angestrichen hatte.[26]

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Abb. 5: Ausschnitt mit Abbildung der Spitalkirche Bärenweiler auf einem 1730 entstandenen Ölgemäldes mit Darstellung der Marienkrönung und Darstellung des Spitals Bärenweiler; die Dachhaut des Zwiebelhelms ist rot dargestellt (Philipp Scheitenberger 2014).

Insgesamt ergibt sich, auf Grundlage der in der Messurkunde angeführten Berechnungen, eine Fläche von 1426,32 Quadratschuh (Abb. 6),[27] was umgerechnet ca. einer Fläche von 117 Quadratmetern entspricht, die mit roter Ölfarbe angestrichen wurde. Es errechnet sich damit, bei einem Akkordbetrag von 2,5 Kreuzer pro Quadratschuh, ein Akkordlohn von 3565,80 Kreutzer,[28] was bei dem im Königreich Württemberg geltenden Wertverhältnis von 1 Gulden zu 60 Kreuzer als Akkordlohn umgerechnet einen Betrag von 59 Gulden und 25 Kreuzer ergibt, den Xaver Walser erhielt.[29] In den Pfleg-Rechnungen des Fürstlich Waldburg-Wurzach-Kißleggschen Hospitals, Bärenweiler wird für das Rechnungsjahr 1836 bis 1837 für den 1. November 1836 eine Kostenauszahlung über 59 Gulden, 25 Schilling und 6 Kreuzer an Xaver Walser vermerkt.[30] Um den wahren Erlös von Xaver Walser für diese Arbeit berechnen zu können, müssten davon die Materialkosten für die Ölfarbe abgezogen werden. Der Geometer Alois Wörz erhielt für seine Vermessung, der durch Xaver Walser im Akkordlohn angestrichenen Fläche, einen Betrag von 45 Schilling ausbezahlt.[31] Um den Kaufwert für diese Geldbeträge nachvollziehen zu können, bietet sich ein Blick auf die Lebensmittelpreise dieser Zeit an. Im September 1843 betrug im Oberamt Wangen der Preis für 1 Scheffel Roggen, also einem Hohlmaß von 176,98 Litern,[32] 17 Gulden und 42 Kreuzer. Ein Pfund Schmalz kostete 28 Kreuzer und ein Pfund Butter 20 Kreuzer.[33]

Abb 5
Abb. 6: Seite eins der von Xaver Walser im Zuge des Anstrichs der Holzschindeldeckung der Spitalkirche, Bärenweiler erstellten Messurkunde: Abbgebildet sind idealisierte Zeichnungen der Kuppeldachflächen des Zwiebelhelms der Spitalkirche (Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg Zeil-Trauchburg, Schloss Zeil).

Denkmalpflegerische Bewertung der Bauerhaltungsmaßnahmen von 1836

Zunächst wird deutlich, dass diese Bauerhaltungsmaßnahme an kein staatlich-behördliches Verfahren geknüpft war, geschweige denn im Zuge der Planung und Durchführung der Maßnahme denkmalpflegerische Gesichtspunkte berücksichtigt wurden, sondern ausschließlich die Behörden der Fürsten zu Waldburg-Zeil-Wurzach und an höchster Stelle der Fürst auf die Planung und Durchführung der Bauerhaltungsmaßnahmen an der Spitalkirche, Bärenweiler im Jahr 1836 einwirkten.

Eine Ausschreibung der durchzuführenden Bauerhaltungsmaßnahmen nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure beziehungsweise eine Öffentliche Kommunale Ausschreibung, wie in heutiger Zeit üblich, erfolgte nicht, jedoch verschaffte sich der Spitalpfleger im Vorfeld der Vergabe der Baumaßnahmen einen Überblick über für eine Beauftragung in Frage kommenden und an der Durchführung dieser Bauerhaltungsmaßnahme interessierten Bauhandwerker. Ob dies in eher lockerem Rahmen, wie am Beispiel von Ratzenried verdeutlicht, bei einem Treffen im Wirtshaus geschah lässt sich für die Bauerhaltungsmaßnahme am Dach der Spitalkirche, Bärenweiler im Jahr 1836 anhand der Quellen nicht nachvollziehen. Denkbar wäre es hingegen schon, denn Kißlegger Handwerker berichten, dass bis in die 1990er Jahre sich viele Kißlegger Handwerker an Werktagen vormittags in Kißlegg im Gasthaus, Ochsen trafen, um dort eine Brotzeit zu machen und auch Geschäfte miteinander abzuschließen.[34]

Eine gesetzliche Handhabe zur Einwirkung auf Bauvorhaben, die denkmalgeschützte Gebäude gefährden oder zumindest betreffen könnten, ergab sich für die Württembergische Denkmalpflege erst durch den Erlass einer entsprechenden Bauordnung im Jahr 1910, die auch den Schutz von Denkmälern mit berücksichtigte.[35] Die Spitalkirche, Bärenweiler war sicher auch nicht durch die, im ehemaligen Königreich Württemberg erst ab dem Jahr 1858 von „[…] Conservator[s] […]“[36] Konrad Dietrich Haßler durchgeführte Denkmalinventarisation, unter Denkmalschutz gestellt worden, da zunächst die Denkmalinventarisierung von Altertümern und ähnlichen aus der Sicht der Zeit bedeutenderen Denkmalen im Fokus stand.[37] Erst der Landeskonservator Eugen Gradmann weitete den Denkmalbegriff für die Inventarisation ab ca. 1912 auch auf heimatgeschichtliche Zeugnisse wie Dorfkirchen aus,[38] und erst in den 1920er Jahren versuchte die württembergische Denkmalpflege auch auf dem „Land“ in den Oberämtern über die Schaffung von „[…] Pflegschaften […]“[39], also durch freiwillige Helfer gebildete, Bezirksorgane zu etablieren, die im Sinne des Heimatschutzes neben den lokal agierenden Baugenehmigungsbehörden der Kommunen etc. auch in der Provinz auf die Umsetzung von Gesetzesregelungen zum Denkmalschutz achteten, und regelmäßig aus den „Provinzen“ „[…] über alle Vorgänge im Lande, die irgendeine Abteilung der Denkmalpflege betrafen, an das Landesamt […]“[40] für Denkmalpflege in Württemberg Bericht erstatteten.[41]

Somit lässt sich der Bauerhalt an der Schindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche, Bärenweiler als reine Bauerhaltungsmaßnahme ohne denkmalpflegerische Intention und Kontrolle charakterisieren, die nur darauf abzielte, die Funktion der Dachhaut als Witterungsschutz für die Wand und Decken bildenden Bauteile, sowie die Innenraumausstattung des Glockenturms der Spitalkirche und dessen die Dachhaut tragenden Dachgerüstes wieder vor Witterungseinflüssen, also besonders vor Niederschlag, und somit vor Fäulnis und Zerfall schützen zu können.[42] Damit wird zunächst eine ausgesprochen pragmatische Intention deutlich, die dieser Bauerhaltungsmaßnahme zu Grunde lag. Einzig der Anstrich der Holzschindeldeckung mit roter Ölfarbe kann, neben einer damit verbundenen Hoffnung auf eine Erhöhung der Lebensdauer der Holzschindeln von Seiten des Spitalpflegers, auch als ästhetisch-visuelle Maßnahme gesehen werden, welche die Ansehnlichkeit des Daches der Spitalkirche erhöhen, und somit auch mittels der Imitation einer Ziegeleindeckung durch die rote Farbe das in Stand gesetzte Dach, über das ihm eigentlich innewohnende Maß, in Wert stellen sollte.

Es handelt sich bei dieser Bauerhaltungsmaßnahme um eine handwerkliche Reparatur, die auf dem empirisch erworbenen und aus vergangener Zeit tradierten Wissen der ausführenden Handwerker zur Eindeckung und Reparatur von Schindeldeckungen basierte, die wie aufgezeigt eine für diese Region typische Dachdeckungsart darstellte. Dies gilt auch für das Handwerkswissen des Färbers Xaver Walser (Abb. 7), der den Farbanstrich der Schindeldeckung ausführte, denn von seinem Vater Bernhard Walser, wie später auch von seinem Bruder Alois Walser, wurde neben dem Färberhandwerk seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch das Fassmalerhandwerk ausgeübt, somit war das Wissen zur Verwendung der Farbe in der Familie Walser vorhanden.[43]

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Abb. 7: Gemälde des Färbermeisters Xaver Walser im Alter von 61 Jahren; Xaver Walser führte am Dach der Spitalkirche Bärenweiler 1836 einen roten Anstrich aus und fertigte ein Aufmaß des Zwiebelhelm des Glockenturms an(Bestand Haus Walser; Maler: Alois Walser 1837; Foto: Philipp Scheitenberger).

Die Schindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche, Bärenweiler wurde repariert, und somit nicht völlig entfernt und ersetzt, sondern es wurden nur die kaputten Schindeln entfernt, und diese durch neue Schindeln ausgetauscht. Damit entspricht diese Bauerhaltungsmaßnahme bereits dem von Michael Petzet und Andreas Mader im Jahr 1993 angemahnten „[…] Vorrang der Reparatur […]“[44], als einem der wichtigsten Grundsätze und Methoden der Denkmalpflege bei der Durchführung von Bauerhaltungsmaßnahmen an Denkmalen,[45] ohne dass dies durch denkmalfachliche Expertise, die ohnehin nicht gegeben war, hinsichtlich der Wiederherstellung der Funktion des Zwiebeldaches der Spitalkirche von Seiten des Spitalpflegers, der Fürstlichen Domänenkanzlei oder des Fürsten als oberste Genehmigungsinstanz zur Wahrung der Denkmalwerte der Spitalkirche im Zuge des behördlichen Verfahren explizit gefordert worden wäre. Somit galt aus dem Praxisverständnis der Handwerker resultierend bereits Petzet und Maders Grundsatz.

„Daß in der in der Denkmalpflege die Beschränkung auf das unbedingt Notwendige und damit zunächst einmal die dem tatsächlichen Schadensausmaß angepasste Reparatur geboten ist – dass die Mauer gesichert und ausgebessert, der an einigen Stellen abgefallene Verputz ergänzt, die Dachdeckung nachgesteckt, die schlecht schließenden Fenster, die alte Tür ausgebessert werden soll usw. – all das erfordert oft ein gewaltiges Umdenken, nicht nur bei Planern und Handwerkern, sondern erst recht beim Eigentümer.“[46]

Die Reparatur als Maßnahme zur Instandsetzung eines Gebäudes, kann nach Petzet und Mader für ein Bauteil nur dann erfolgen, wenn dessen Funktion durch den zu behebenden Schaden nicht komplett ausgefallen ist.[47] Um dies zu vermeiden werden Instandhaltungsmaßnahmen an Bauteilen von Gebäuden notwendig, um ihrer Abnutzung entgegenzuwirken, und somit ihren Funktionserhalt zu gewährleisten.[48] Der Farbanstrich den Xaver Walser an der Holzschindeldeckung ausführte, sollte, wie vom Spitalpfleger im Akkord-Vertrag notiert wurde, genau dazu dienen, also die Dauerhaftigkeit der Holzschindeldeckung zu erhöhen. Dieser Anstrich wäre jedoch, wenn er hautbildend gewesen wäre, nach Rau und Braune eher nachteilig für die Dauerhaftigkeit der Schindeldeckung gewesen, da er zu einseitigen Oberflächenspannungen auf der Schindel führt.[49]

Dass die Reparatur von schadhaften Bauteilen von Baudenkmalen oberste Prämisse der praktischen Denkmalpflege sein sollte, und dafür ein Umdenken der Planer und Handwerker etc. notwendig ist, wäre als denkmalpflegerischer Appell somit für die Bauerhaltungsmaßnahme am Holzschindeldach der Spitalkirche, Bärenweiler nicht nötig gewesen, um eine denkmalgerechte Instandsetzung von diesem anzumahnen, und schließlich im besten Fall zu erreichen. Allein tradiertes und aus der Erfahrung geprüftes handwerkliches Wissen sowie eine pragmatische und höchstwahrscheinlich Ressourcen schonende Intention des Auftraggebers führten 1836 in Bärenweiler dazu, dass die Spitalkirche, Bärenweiler trotz Eingriffe in deren Bausubstanz im Zuge der Bauerhaltungsmaßnahmen an der Dachhaut ihre Authentizität als durch die Kulturpraktiken und Ressourcen der Region geprägtes bauliches Geschichtszeugnis bewahren konnte.

Die wohl nicht verformungsgetreue, jedoch trotzdem als Quelle verwendbare Messurkunde (Abb. 6), welche die Dachflächen des ehemaligen Zwiebeldaches der Spitalkirche, Bärenweiler dokumentiert, kann man bereits als eine Vorstufe der, wenn auch nicht zu diesem Zweck ausgeführten, heute vor jeder größeren Baumaßnahme an einem Baudenkmal geforderten, Baudokumentation ansehen und somit als eine Art nachträglich durchgeführte Grundlagenermittlung betrachten, die jedoch nur aus Gründen der Abrechnung des Akkord-Lohns von Xaver Walser angefertigt wurde, und nicht als willentlich durchgeführte Dokumentation.[50]

1884 und 1903: Installation und Reparatur der Weißblecheindeckung

Dacheindeckungen aus Metallblechen können nur auf einem mit Brettern verschalten Dachgerüst installiert werden.[51] Dacheindeckungen aus Weißblech bestehen meist aus rechteckigen Blechtafeln, die an ihren Stoßkanten mit Falzverbindungen verbunden werden und mittels darin eingebogenen, in Fachbüchern zum Dachdeckerhandwerk des 19. Jahrhunderts auch Heftblech genannten,[52] Blechhaften mit Nägeln auf die Bretterverschalung des Daches genagelt werden.[53] Diese Technik wird auch in der Handwerkspraxis des heutigen Spenglerberufs in technisch verbesserter Form noch immer verwendet, um Blechtafeln als Dacheindeckung auf mit Brettern verschalten Dachgerüsten zu installieren.[54]

Als Weißblech wird verzinntes Eisenblech bezeichnet, das zunächst als schwarzes Eisenblech mittels Wasserkraft angetriebener Hammerwerke in Hammerschmieden häufig im Umfeld städtischer Absatzmärkte hergestellt wurde.[55] Hammerschmieden fanden sich seit dem Mittelalter, aufgrund ihres hohen Verbrauchs an Holzkohle, oft in waldreichen Gebieten außerhalb der eigentlichen Erzabbau- und Erzverhüttungsgebiete, da für das Bergbauwesen, also beispielsweise für die Anlage von Stollen und Grubenabstützungen, auch eine große Menge an Bauholz benötigt wurde, und somit im Umkreis von Bergbaugebieten Holz zur knappen Schlüsselressource wurde.[56] Zudem war durch die Verwendung von Wasserkraft als Antriebskraft der Hammerwerke für deren Standort ebenfalls eine Region mit Gewässersystemen von ausreichendem Volumenstrom und Flussbettgefälle notwendig.[57]

Eine ausgeprägte, auf den Handel ausgerichtete, Weißblechproduktion fand im 17. Jahrhundert vor allem in den Bergbauregionen des Erzgebirges sowie im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend im früh industrialisierten Großbritannien statt.[58] Bereits ab dem 18. Jahrhundert erfolgte ein reger Exporthandel mit Weißblech durch Großbritannien.[59] Im Jahr 1870 wurden von Großbritannien 100 000 Tonnen Weißblech exportiert.[60] In der im Jahr 1841 publizierten Beschreibung des Oberamts Wangen führt August Friedrich Pauly insgesamt acht wassergetriebene Hammerschmieden im Gebiet des damaligen Oberamts Wangen an.[61] Bei diesen Hammerschmieden handelte es sich höchstwahrscheinlich um Handwerksbetriebe, denn Pauly nennt auch eine „[…] fabrikmäßige Hammerschmiede (bei Wangen) […]“[62] sowie einen „[…] Kupferhammer (bei Neutrauchburg)“[63].[64] Somit wird deutlich, dass um das Jahr 1841 im Oberamt Wangen Metallbleche zeitgleich industriell in Fabriken und handwerklich in wassergetriebenen Hammerschmieden hergestellt wurden.[65]

Dass bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Blechtafeln für die Reparatur oder Neueindeckung von Metallblechdachdeckungen in Oberschwaben noch von den ausführenden Metallhandwerkern selbst hergestellt wurden, belegt beispielhaft eine Notiz, die in einem Kostenvoranschlag des Werkmeisters Gerster betreffs der Sanierung der Kupferblecheindeckung der Hauptkuppel der Basilika, Weingarten entstammt.[66] Hier wurde für die Kupferschmiedearbeiten nicht fertiges Kupferblech sondern unverarbeitetes Kupfer und Kohlen angeführt. Somit wird deutlich, dass der aus Weingarten stammende Kupferschmied Hieber das für seine Arbeiten benötigte Kupferblech selbst ausgeschmiedete haben könnte.[67]

Dachdeckungen von Kirchturmhelmen aus Weißblech sind zu dem Zeitpunkt als die Spitalkirche, Bärenweiler ihre Blechdeckung erhielt beispielsweise im Oberamt Bad Waldsee bereits seit 1765 an der ehemaligen Stiftskirche Bad Waldsee nachweisbar,[69] deren Turmhelm bis ins Jahr 1912 mit Sturzblech gedeckt war.[68] Auch dass Weißblechdachdeckungen mit einem rötlich-braunen Anstrich versehen wurden, ist für diese Kirche für das Jahr 1834 nachzuweisen.[70] Beim Sturzblech handelt es sich um die beste Qualitätsstufe der dicksten Variante des als Kreuzblech bezeichneten schwarzen Eisenbleches.[71]

Anlass des Bauerhalts, behördliches Verfahren und beteiligte Akteure

Im Jahr 1884 zeigte sich nach eingehender Untersuchung durch einen Bautechniker, die vom Pfleger des Hospitals, Bärenweiler veranlasst worden war, dass die schadhafte Schindeldachdeckung des Zwiebelhelms des Turms der Spitalkirche nicht mehr reparabel war, und durch eine neue Dachdeckung aus Weißblech ersetzt werden musste.[72]

Hinsichtlich der geplanten Neuanbringung eines Blechdaches stellte der Spitalpfleger Dentler bei der Hochfürstlichen Domänenkanzlei, Wurzach eine Anfrage auf Hohe Genehmigung durch Fürst Eberhard zu Walburg-Zeil-Wurzach.[73] Dieses Schreiben enthält, neben der verhältnismäßig genauen Darstellung der erforderlichen Renovationsmaßnahmen und benötigten Materialien, auch eine Kostenschätzung, die auf 800 Mark Gesamtkosten angesetzt wird.[74] Zudem wurde in dieser amtlichen Korrespondenz angemerkt, dass eine Art Ausschreibungsverfahren durchgeführt werden sollte, im Zuge dessen eine Reihe von Spenglern hinsichtlich der anstehenden Dacherneuerung „[…] Offerten […]“[75], also Angebote, einreichen sollten.[76]

Ein am 24. August 1884 aufgesetzter Akkord-Vertrag zwischen dem Spitalpfleger und den beiden Spenglermeistern Lorenz Heim und Felix Walser, die beide ein gleich hohes Angebot eingereicht hatten und daraufhin beschlossen die Arbeiten gemeinsam auszuführen,  liegt zwar im Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil vor, wurde jedoch von den Vertragsparteien nicht unterschrieben.[77] Einzig die auf den 6. November 1884 datierte Urkunde aus der Kapsel des Turmknaufs der Spitalkirche, in der die Errichtung des Weißblechdaches dokumentiert wurde, gibt Aufschluss darüber, dass der Akkord-Vertrag zwischen dem Spitalpfleger Fidel Dentler und den Spenglermeistern Lorenz Heim sowie Felix Walser zustande gekommen war.[78]

Art und Charakterisierung der Bauerhaltungsmaßnahmen

„Guter Gottt, laß diesen Thurm lange bestand haben und nie durch ein Unglück zerstört werden.“[79]

Diese Worte vermerkte der Spitalpfleger Fidel Dentler in der am 6. November 1884 abgefassten „Turmurkunde“ der Spitalkirche, die nach Abschluss der Neuanbringung eines Weißblechdaches auf der Kuppel des Kapellenturms in einer Kapsel in dessen Turmknauf deponiert wurde, und lässt zwischen den Zeilen einer Bitte um göttlichen Beistand erkennen, dass der Spitalpfleger um die Dauerhaftigkeit des Daches besorgt war, was auf die Angst vor drohenden Blitzeinschlägen in das neue Blechdach zurückzuführen ist. Im Jahr 1903 wurde auf Veranlassung des ehemaligen Spitalpflegers Dentler -zu diesem Zeitpunkt Spitalkaplan- ein Blitzableiter auf dem Turmdach der Spitalkirche errichtet, um damit „[…] einem längst gefühlten Mangel Rechnung […]“[80] zu tragen.[81]

Was unter dem Begriff Weißblechdeckung, die auf der Kuppel des Turms der Spitalkirche, Bärenweiler im Jahr 1884 angebracht werden sollte, verstanden werden kann, lässt sich anhand der Bauakten des Spitals ableiten.[82] Demnach sollte verbleites Eisenblech für das neu zu errichtende Blechdach verwendet werden, das wie im Akkord-Vertrag aufgeführt wurde in der Zeit um das Jahr 1884 unter dem Namen Glanzblech DLXX im Fachhandel beziehbar war, und das pro Quadratmeter ein Gewicht von 3,5 Kilogramm aufwies.[83] Nach Konsultation, der für diese Arbeit verfügbaren Fachliteratur zum Praktischen Spenglerhandwerk aus der Zeit um 1900, ließ sich ein Blech mit dieser Handelsbezeichnung nicht finden, jedoch besteht die Möglichkeit über den Zahlenwert 570, der aus Bezeichnung des Glanzblechs mit der römischen Zahl DLXX hervorgeht, einen Rückschluss auf eine etwaig durch diesen Handelsnamen zum Ausdruck kommende Materialstärke oder der Größe des verwendeten Blechs tätigen. In dem von Professor Franz Dreher im Jahr 1903 publizierten Handbuch „Katechismus der Klempnerei“ findet sich ein Tabelle zu den in der Zeit um 1900 handelsüblichen Eisenblechen, aus der hervorgeht, dass es sich bei dem Glanzblech DLXX um ein 0,44 mm starkes Blech mit den Plattenmaßen von 630 mm x 1570 mm und mit einem Gewicht von 3,5 Kilogramm pro Quadratmeter gehandelt haben könnte.[84] Die Verfügbarkeit von gehandelten Eisenblechen könnte aufgrund des Anschlusses  Kißleggs an das südwestdeutsche Eisenbahnnetz mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Leutkirch-Kißlegg am 01. September 1872 deutlich gestiegen sein, und, aufgrund der damit logischerweise einhergehenden sinkenden Transportkosten, die Preise der Eisenbleche tendenziell gesunken sein.[85] Der Spengler Felix Walser war im Besitz seit 1875 im Besitz einer Eisenbahnkarte.[86] Zudem fanden sich in seinem Haus mit dazugehöriger Spengler-Werkstatt, Kirchmoosstraße 12, 88353 Kißlegg diverse Warenkataloge aus der Zeit von 1880 bis 1950, die nahelegen, dass Felix Walser aufgrund des Anschlusses von Kißlegg an das süddeutsche Eisenbahnnetz mittels des Eisenbahngüterverkehrs verstärkt Material bezogen haben könnte.[87]

Die im Akkord-Vertrag aufgeführte Vorbehandlung, der am Turmdach zu verbauenden, Eisenbleche mit einem einmaligen inneren Anstrich und dreimaligem äußeren Anstrich mit guter Ölfarbe, findet sich bereits als Empfehlung für die Behandlung von Eisenblechdächern in dem, von dem Dresdner Baumeister Carl Ludwig Matthaeij verfassten, und 1833 publizierten, Handbuch „Der vollkommene Dachdecker“ wieder.[88] In Rückgriff auf die Beschreibungen zur Verarbeitung von Eisenblech als Dachdeckungsmaterial durch Carl Ludwig Matthaeij und dem Hinweis aus den Bauakten, dass die für die Eindeckungsarbeiten benötigten Heftbleche und Stahlgräten gesondert abgerechnet werden sollten,[89] lässt sich rekonstruieren, dass die Weißblechtafeln mittels Falzen verbunden worden sein müssten, und durch Verwendung von darin eingefalzten Blechhaften, wie der Spengler heute sagen würde, die mit Stahlnägeln von außen an der Bretterverschalung des Dachstuhls des Zwiebelhelms der Spitalkirche angebracht worden sein könnten. Carl Ludwig Matthaeij stellt diese Technik auf einer Schautafel seines Dachdecker Handbuchs dar.

Im Kontrast zur Reparatur des ehemaligen Schindeldaches des Turms der Spitalkirche im Jahr 1836, im Zuge welcher Xaver Walser auch die Fassung der Turmuhren und des Knaufs des Turmdaches wiederherstellte, übernahmen die Malerarbeiten im Zuge der Renovierung des Kapellendaches im Jahr 1884 nicht die Spengler, sondern der Maler Müller aus Kißlegg. Er vergoldete den „[…] noch gut erhaltene[n] kupferne[n] Knopf auf dem Halm der Kuppel […], des gleichen das Kreutz, die Zifferblätter u. Zeiger [der Turmuhr […]“[90]. Das Baugerüst wurde von Zimmerermeister Dorn aus Kißlegg errichtet.[91]

Die Kosten der Installation der neuen Weißblecheindeckung auf dem Turmdach der Spitalkirche wurden von Spitalpfleger Dentler auf ca. 800 Mark geschätzt.[92] Im Akkord-Vertrag mit den Spenglern wurde eine Akkord-Vergütung von 6 Mark und 30 Pfennig pro Quadratmeter verlegtem Weißblech vereinbart, was sich wiederum auch anhand der Turmurkunde aus dem Knauf des Zwiebelhelms der Spitalkirche bestätigen lässt, in der diese Akkord-Vergütung aufgeführt wurde.[93] Die schlussendlichen Kosten für das neu angefertigte Weißblechdach sind schwer zu ermitteln, da die Messurkunde zur im Akkord-Vertrag geforderten Vermessung der Blechdaches, als Grundlage für die Ausbezahlung des Akkord-Lohnes der beiden Spengler im Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil nicht erhalten geblieben ist. Im aufgesetzten Akkord-Vertrag wurde der Schätzwert vermerkt, dass eine Fläche von 100 Quadratmetern mit Weißblech zu bedecken sei, wobei in einem von Spitalpfleger Dentler zuvor an die Fürstlich Waldburg-Wurzach-Zeil´sche Domänenkanzlei, in Bad Wurzach gerichteten Schreiben eine erwartete einzudeckende Fläche von 120 Quadratmeter angegeben wurde. Somit könnten die Kosten für die installierte Weißblecheindeckung zwischen 630 Mark und 756 Mark gelegen haben.[94] Eine Bezahlung der Installation des Weißblechdaches sollte laut Akkord-Vertrag erst nach einer Bauabnahme und auf Grundlage der durch Vermessung ermittelten neu eingedeckten Dachfläche erfolgen.[95]

Die hohen Kosten für die Weißblecheindeckung wurden hinsichtlich einer erwarteten längeren Dauerhaftigkeit dieser in Kauf genommen.[96] Jedoch ergab sich bereits im Jahr 1903 der Bedarf die installierte Weißblecheindeckung des Turms der Spitalkirche zu reparieren.[97] Somit erfüllte sich in diesem Fall die Einschätzung von Carl Ludwig Matthaeij, die dieser zur erwartbaren Beständigkeit solcher Weißblechdachdeckungen in seinem Handbuch „Der Vollkommene Dachdecker“ bereits im Jahr 1833 konstatierte.[98]

Das zu dieser Dachdeckungsart anzuwendende Blech muß – soll die Eindeckung ihrem Zweck ganz vollkommen entsprechen – das beste sein, welches, hinsichtlich der außerdem früher oder später, doch stets bald zu erwartenden und unvermeidlich eintretenden Reparaturen, auch das wohlfeilste ist.[99]

19 Jahre nach der Installation des Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche, Bärenweiler durch die Spengler Walser und Heim kommentiert der damalige Spitalmeister Weiland die im Jahr 1903 am Dach der Spitalkirche durchgeführten Erhaltungsmaßnahmen.

Das im Jahr 1884 anstatt der Schindeln auf der Turmkuppel in Bärenweiler angebrachte Weißblech zeigte sich stark rostig, so dass dasselbe mit einem 3 maligen Oelfarbanstrich versehen werden musste. Zu diesem Zweck wurde der Turm eingerüstet, der Turmknopf samt Kreuz neu vergoldet und auch das Mauerwerk des Turms ausgebessert.[100]

Somit zeigte sich trotz der Annahme, dass die Weißblecheindeckung auf dem Turmdach der Spitalkirche dauerhafter und nicht so oft zu warten wäre, dass diese bereits nach 19 Jahren mit einem neuen Anstrich versehen werden musste, zwar weniger wartungsintensiv als eine Holzschindeldeckung war, jedoch trotzdem im Intervall von ca. 20 Jahren Bauerhaltungsmaßnahmen zum Erhalt der Blecheindeckung durchgeführt werden mussten.

Denkmalpflegerische Bewertung der Bauerhaltungsmaßnahmen

Wie bereits bei der denkmalpflegerischen Bewertung der Bauerhaltungsmaßnahme an der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche im Jahr 1836 erläutert, ist eine Einflussnahme der staatlichen Württembergischen Denkmalpflege auf die Bauerhaltungsmaßnahme am Dach des Glockenturms der Spitalkirche im Jahr 1884 ebenfalls auszuschließen. Das an diese Bauerhaltungsmaßnahme geknüpfte behördliche Verfahren scheint wiederum ausschließlich an den Verwaltungsapparat der Fürsten zu Waldburg-Zeil-Wurzach gebunden gewesen sein.

Die Einholung von Angeboten für die auszuführenden Spenglerarbeiten weist bereits Parallelen zu einer öffentlichen Ausschreibung der heutigen Zeit auf. Ungewöhnlich ist, dass die beiden Spengler nicht im Vorfeld der Vergabe eine Arbeitsgemeinschaft, also im heutigen Sinne eine Arge, bilden, sondern im Zuge der Vergabeverhandlungen. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht einer der beiden Spengler auf irgendeinem Weg erfahren hatte wie hoch das Angebot des anderen war, und deswegen ein gleich hohes Angebot eingereicht hatte, oder ob die Gewinnspanne bei solchen im Akkord durchgeführten Arbeiten, hinsichtlich des im Angebot aufgeführten Akkord-Lohns, aufgrund von hohem Konkurrenzdruck entsprechend gering war, was dazu geführt haben könnte, dass die Angebotspreise der beiden Flaschner sich entsprechend angeglichen hatten.

Als Gutachter wurde im Vorfeld der Vergabe zur Maßnahmenfeststellung ein Bautechniker eingeschaltet, um eine Expertise zu den Möglichkeiten des Erhaltes der Holzschindeldeckung der Spitalkirche, Bärenweiler abzugeben, welche darin mündete, dass der Bautechniker dem Spitalpfleger empfahl diese durch eine Eindeckung aus Weißblech zu ersetzen. Was damit deutlich wird ist, dass der Bautechniker eine Dachdeckungsart empfiehlt, die Carl Ludwig Mattheaij bereits im Jahr 1833 „[…] nicht zu den zweckmäßigsten, noch weniger zu den wohlfeilsten […]“ zählt. Dies könnte am ehesten darauf zurückzuführen sein, dass Weißblech, wie bereits an vorangegangener Stelle dieser Arbeit angeführt, im Laufe des 19., jedoch vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu einem günstig beziehbaren Baumaterial wurde, was beispielsweise auch an den Exportmengen von Weißblech durch Großbritannien im Jahr 1870 in Höhe von 100 000 Tonnen deutlich wurde.[101]

Der Umstand, dass ein Bautechniker als Gutachter auftritt, lässt sich zurückführen auf die, sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Königreich-Württemberg entwickelnden, schulischen Weiterbildungseinrichtungen für Handwerker.[102] Einerseits bot sich dadurch für Handwerker auf dem Land wie auch in der Stadt die Möglichkeit sich durch den Besuch von handwerklichen und gewerblichen Abend- oder Sonntagsschulen sowie freiwilligen Fortbildungsschulen beispielsweise in geometrischem Zeichnen weiterzubilden,[103] andererseits etablierte sich auch die Realschule und das Polytechnikum, wie etwa die heute unter dem Namen „Hochschule für Technik“ bekannte Fachhochschule, die vormals bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zum mittleren Schulwesen zählte,[104] und neben vielen anderen Bezeichnungen einst den Namen „Königlich Württembergische Baugewerksschule“[105] trug.[106] An der „Hochschule für Technik, Stuttgart“ konnten sich Handwerker auch zu Bautechnikern oder Architekten weiterbilden,[107] die dann höchstwahrscheinlich wiederum als Verwaltungsangestellte in den Behörden der Oberämter, oder, wie das in dieser Arbeit besprochene Beispiel zeigt, zeitweilig im Dienst des Adels stehend, im Vorfeld von Bauerhaltungsmaßnahmen, Baugutachten erstellten. Somit lässt sich eine Beeinflussung in der technischen Praxis des Bauerhalts durch schulisch ausgebildete, also nicht mehr in der Tradition des überlieferten Handwerkswissens stehende, sondern mit den neusten Methoden und Techniken des Bauens vertraute, Bautechniker nachweisen. Das Urteil die bestehende Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche, Bärenweiler durch eine Deckung aus Weißblech zu ersetzen, lässt sich somit klar in Zusammenhang bringen mit der fortschreitenden Industrialisierung und Technisierung in Württemberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem großen Angebot an exportiertem oder inländisch hergestellten industriell erzeugtem Weißblech, und dem daran geknüpften stetig an Bedeutung zunehmenden Schul- und Fortbildungssystem für Bauhandwerker.

Ein weiterer Umstand, der hinsichtlich der Neueindeckung des Zwiebeldaches der Spitalkirche ebenfalls in die Bewertung dieser Bauerhaltungsmaßnahme miteinbezogen werden muss ist, dass bis zum Erlass der Königlich-Württembergischen-Gewerbeordnung vom 12.02.1862 im Königreich Württemberg noch die „[…] zunftweise Beschränkung der Produktion auf bestimmte Güter […] erhalten […]“[108] blieb.[109] Der Spengler Felix Walser, der zusammen mit Lorenz Heim die Weißblecheindeckung installierte, gehört zum ersten Vertreter seiner Familie, der aufgrund, der seit 1862 bestehenden Gewerbeverordnung den Handwerkszweig vom Färberwesen hin zur Spenglerei wechseln konnte.[110] Was er auch sogleich tat und den Beruf des Spenglers erlernte.[111] Im Zusammenhang mit dieser Freisetzung des Handwerks in alle möglichen Berufszweige des Handwerks, die nun allesamt ohne Zunftzwang erlernbar waren, könnte man auch einen Rückgang des empirisch erworbenen, sowie über Generationen tradierten, Handwerkswissen und eine Zunahme des Aufkommens von neuen Materialien und Techniken im Spenglerhandwerk, ausgelöst durch die späte Industrialisierung und Technisierung Württembergs, vermuten.[112] Dass diese neuen teils nicht auf Bewährung erprobten Materialien und Techniken zum einen dazu führten, dass sie bislang gebräuchliche Techniken verdrängten und damit verbundene Bauerhaltungsmaßnahmen und auch daran geknüpfte handwerkliche Praktiken, Baumaterialproduktionsformen und -wege sowie praktische Routinen am Bau im deutschsprachigen Raum regional unterschiedlich veränderten, lässt sich anhand der Neueindeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche mit Weißblech nachvollziehen. Matthaeij als Dresdner Baumeister spricht sich bereits 1833 gegen eine Verwendung von Weißblech als Dacheindeckung aus, wohingegen das Gutachten des Bautechnikers für die Spitalpflege, Bärenweiler noch im Jahr 1884 die Neuinstallation eines Weißblechdaches empfiehlt, welche nicht erfolgen hätte müssen. Die Bewertung des Bautechnikers, dass das Schindeldach der Spitalkirche nicht mehr reparabel sei, weist einerseits daraufhin, dass in den letzten Jahren zuvor nötige Instandhaltungsmaßnahmen am Zwiebeldach der Spitalkirche nicht erfolgten, und könnte auch im Kontext von Ottfried Rau und Ute Braunes Einschätzung zur Lebensdauer von Holzschindeldächern, die von ihnen auf 50 bis 80 Jahren geschätzt wird,[113] eher als paradigmatische Entscheidung eines vom industriellen Fortschritt beseelten und mit neuen Techniken betrauten Bautechnikers zu deuten sein. Jedoch könnte es auch sein, dass aufgrund des gesetzlich verordneten Rückgangs der Schindeldachdeckung, und dem damit einhergehenden Rückgang des Angebots an Holzschindeln,[114] bereits in den 1880er Jahren zu einer Verteuerung der Holzschindeln als Baumaterial geführt hatten, und somit dem Bautechniker die für ihn kostengünstigere und für ihn weniger wartungsanfälliger erscheinende Weißblecheindeckung als Ersatz für das schadhafte Schindeldach empfahl. Aus der Perspektive der zeitgenössischen Denkmalpflege müssen, bevor eine Entscheidung zur Reparatur oder der Erneuerung von Dacheindeckungen getroffen wird, folgende Fragen gestellt werden.

„Die Entscheidung, auszubessern, umzudecken oder neuzudecken, beeinflusst wesentlich die Kosten jeder Sanierungsmaßnahme. Sie wird bestimmt von:

  • dem Zustand des Dachstuhls
  • dem Zustand der Lattung
  • dem Zustand und der Dichtigkeit des Deckungsmaterials“[115]

Dieser Ersatz der Schindeldeckung durch eine Weißblecheindeckung ist aus der heutigen Sicht der Denkmalpflege, im Hinblick auf die hinreichende Funktion eines ordentlich instand gehaltenen Schindeldaches,[116] als eine als Ersatz ausgeführte technische Verbesserung eines historischen Bauteils prinzipiell nicht vorgesehen, da dadurch die Originalität eines Baudenkmals, als ein in historischen Materialien und Handwerkstechniken manifestiertes authentisches Geschichtszeugnis, verändert wird.[117]

Einzig unter dem Aspekt einer schöpferischen Denkmalpflege könnte sich diese Ersatzmaßnahme aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht eingliedern lassen,[118] wenngleich dies, im Fall der Neuinstallation des Weißblechdaches auf dem Zwiebelhelm der Spitalkirche, nicht als willentliche denkmalpflegerische Entscheidung zu deuten ist, sondern als technische Verbesserung eines bestehenden Bauteils durch Ersatz.

Diese Bauerhaltungsmaßnahme an der Dachdeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche, Bärenweiler lässt sich nicht nur als materielle und technische Zäsur an dem Dach dieses Gebäudes deuten, sondern es verdeutlicht sich dadurch auch der Bruch mit der handwerklichen Kontinuität der in Holzschindeltechnik ausgeführten Dachdeckungen in Bärenweiler, in Kißlegg, im Oberamt Wangen und darüber hinaus, die im Zuge der Beeinflussung des Bauens und des Bauerhalts im Königreich Württemberg im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch die Technisierung, die Industrialisierung, sowie der Verbreitung der damit zusammenhängenden Innovationen und Paradigmen mittels des sich zeitgleich entwickelnde Schul- und Fortbildungssystem für Bauhandwerker. Auf Grundlage dieser wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Deutung könnte diese Bauerhaltungsmaßnahme aus Sicht der heutigen Denkmalpflege auch nachträglich denkmalpflegerisch interpretiert und gutgeheißen werden, da sich an dem neueingedeckten Weißblechdach in heutiger Zeit, wenn es noch erhalten wäre, eben jener gesellschaftliche Wandel und technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts als somit neu entstandener Denkmalwert ablesen lassen hätte können. Jedoch wurde diese Weißblecheindeckung, nachdem sie nötiger Weise im Jahr 1903 aufgrund fortschreitender Korrosion mit einem neuen schützenden Farbanstrich versehen werden musste, im Jahr 1949 durch eine Kupferblecheindeckung ersetzt.

Fazit

Die Baugeschichte der Dacheindeckung der Spitalkirche Bärenweiler ist der Normalfall für die Veränderungen der ursprünglich mit Nagelschindeln gedeckten Kirchenbauten im Allgäu. Am Beispiel der Spitalkirche Bärenweiler zeigt sich wie die Industrialisierung und die Veränderung der Baugesetzgebung im Königreich Bayern im 19. Jahrhundert den Bauerhalt und die Sanierungspraktiken an Kirchendächern hin in Richtung der Verwendung von Blechen als neuen Baustoffen beeinflusste. Im Gegensatz hierzu hat sich an der Filialkirche St. Agatha in Agathazell noch die ursprüngliche Nagelschindeldachdeckung bis heute erhalten. Beim Blick auf die Kirche in Agathazell zeigt sich im Hinblick auf das Dach ein Bild, wie es ursprünglich wohl auch die Spitalkirche Bärenweiler abgegeben hat, bevor man Ihre Nagelschindeldachdeckung des Zwiebelhelms in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch eine Blechdeckung ersetzte. Jedoch stellt sich die Frage, ob nicht auch in Agathazell im Verlauf der Geschichte des Gebäudes das Nagelschindeldach einstmals rot angestrichen war.

Endnoten

[1] Vgl.: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalliste der Gemeinde Burgberg im Allgäu. München 2018.

[2] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil-Trauchburg. Bestand Herrschaft Kißlegg: ZAKI 1034. Bauakten zum Bau des Spitals Bärenweiler.

[3]Vgl.: Eißing 2012, S. 90. Sowie: Rau, Ottfried; Braune, Ute (Hg.): Der Altbau- Renovieren, Restaurieren, Modernisieren. Leinfelden-Echterdingen 1985, S. 194.

Zur Einlattung von Dachgerüsten vergleiche: Schlatter 2005, S. 42f.

[4] Vgl.: Eißing 2012, S. 90.

[5] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Pflege-Rechnungen des Hospitals Bärenweiler; Rechnungsjahr 1882/83, Folio 119.

[6] Vgl.: Büchele, Berthold (Hg.): Ratzenried. Eine Allgäuer Heimatgeschichte. Band III. Leutkirch 1990, S. 439-442. Sowie: Arbeitsgemeinschaft Heimatpflege im württ. Allgäu e.V. (Hg.): Gebäudeatlas württembergisches Allgäu 1996/97. Erhebung heimatpflegerisch bedeutender Gebäude des ländlichen Raumes im württembergischen Allgäu. Kurzbeschreibung. Wangen-Haslach 1997, S. 13f.

Dass im Oberamt Wangen lange die Praxis herrschte Dächer mit Holzschindeln zu decken, belegte auch Rudolf Fessler 1996 anhand der Darstellung von Gebäuden auf der „Wangener Landtafel“ des Johann Andreas Rauch von 1617“. Vgl.: Fesseler, Rudolf. Ein Blick auf die „Wangener Landtafel“ des Johann Andreas Rauch von 1617. Höfe, Weiler und Dorfsiedlungen vor dem Dreißigjährigen Krieg. In: Landkreis Ravensburg (Hg.) Im Oberland. Kultur, Geschichte, Natur. Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu. 1996/Heft 1. Biberach 1996, S. 31-39.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Baumaterial und Landschaft und der daraus verfügbaren Ressourcen. Vergleiche dazu: Rau; Braune 1985, S. 192.

[7] Vgl.: Büchele 1990, S. 439-442.

[8] Vgl.: Büchele 1990, S. 439-442.

[9] Vgl.: Weiland, Thomas: Hausbuch zum Haus Walser; Hausbesitzerfolge; Eintrag Anton Walser, Flaschner in Kißlegg (unpubliziert). Kißlegg 2013, S. 2f.

[10] Vgl.: Ebd.

[11] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[12] Ebd.

[13] Ab dem Jahr 1806 bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 galt auf dem Gebiet des Königreichs Württemberg das Längenmaß Schuh bzw. Fuß, was einer Länge von 28,649 cm entsprach. Ein Quadratschuh bzw. Quadratfuß entsprach somit 821 Quadratzentimetern. Vgl.: Seyfried, Werner: Maße, Gewichte, Währung und Ortszeit in Württemberg. Auf: derstuttgarter.de. http://www.derstuttgarter.de/kwste/anhang.htm. (Stand: 28.03.2015).

[14] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[15] Ebd.

[16] Königliches Oberamt Wangen (Hg.): Wochen Blatt. Jahrgang IV. Nro. 54. Dienstag den 7. Jule 1829. Wangen 1829, S. 222.

[17] Vgl.: Ebd.

[18] Es handelt sich dabei um den Fürsten Leopold Maria Carl Eberhard zu Waldburg-Zeil-Wurzach, das damalige Oberhaupt einer der drei im Jahr 1803 von Kaiser Franz II. zum Fürstenstand erhobenen gräflichen Häuser der Linie Georg III. Truchsess von Waldburg, der von 1488 bis 1531 lebte, und 1525 den Bauernkrieg niederschlug. Vgl. Bumiller, Casimir: Adel im Wandel. 200 Jahre Mediatisierung in Oberschwaben. Ostfildern 2006, S. 299f.

Diese Aussage beruht auch auf einer entsprechenden Mitteilung des Fürstlich zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee´schen Archivars Dr. Bernd Mayer, der auch die Kunstsammlung der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee im Schloss, Wolfegg verwaltet.

[19] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[20] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[21] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[22]Vgl.: Ebd.

[23] Vgl.: Ebd.

[24] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Messurkunde zur Abrechnung des Akkordvertrages betreffs des Anstrich der Holzschindeldeckung des Turmdaches der Spitalkirche vom 12.09.1836.

Die Kunstsammlung der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee, Schloss Wolfegg beinhaltet ein interessantes Vermessungslehrbuch, das Aufschluss darüber gibt, dass an den Höfen der Reichsgrafen zu Waldburg – ab 1803 Landesfürsten – die Dienerschaft seit dem 17. Jahrhundert auch praktische Vermessungsarbeiten durchgeführt haben könnte, und dort eventuell sogar für diese Tätigkeit ausgebildet wurde. Vgl.: Beutel, Tobias: Geometrischer Lustgärtner. Darinnen die edele und höchstnützliche schöne Kunst Geometria. Aus dem Euclide gepflanzet. Abgetheilt in 2. Bücher / deren das erste de Planis, das andere de Solidis. Daraus man Feldmessen / den Gebrauch der Tabularum Sinuum / Stereometrien / Visier-Kunst / Höhen / Tieffen / Weiten / Breiten / Fälder / Wälder / Teiche / Wiesen / Gärten / Städte / Länder / und körperliche Dinge auszumessen lernen kann, Leipzig 1660.

Unter den Ausstattungsbeständen des Haus Walser, Kirchmoosstraße 12, 88353 Kißlegg findet sich ein Büchlein zum geometrischen Zeichnen, das aus dem Besitz von Felix Walser, dem Enkel von Xaver Walser, stammt. Vgl: Königlich Württembergischer Studienrath: Aufgaben für das geometrische Zeichnen. Zur Einübung der nothwendigsten Konstruktionen. Text mit 32 Skizzen. Stuttgart 1864.

[25] Ab dem Jahr 1806 bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 galt auf dem Gebiet des Königreichs Württemberg das Längenmaß Schuh bzw. Fuß, was einer Länge von 28,649 cm entsprach. Vgl.: Seyfried, Werner: Maße, Gewichte, Währung und Ortszeit in Württemberg. Auf: derstuttgarter.de. http://www.derstuttgarter.de/kwste/anhang.htm. (Stand: 28.03.2015).

[26] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Messurkunde zur Abrechnung des Akkordvertrages betreffs des Anstrich der Holzschindeldeckung des Turmdaches der Spitalkirche vom 12.09.1836.

[27] Ein Quadratschuh bzw. Quadratfuß entsprach somit 821 Quadratzentimetern. Vgl.: Seyfried 2015.

[28] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Accord-Vertrag mit Xaver Walser bezüglich des Anstrichs der Holzschindeldeckung des Zwiebelhelms der Spitalkirche vom 24.08.1836.

[29] Im Königreich Württemberg entsprach im Jahr 1837 ein Gulden dem Wert von 60 Kreuzern. Vgl.: Rittmann, Herbert: Deutsche Geldgeschichte 1484-1914. Battenberg 1975, S. 1044f. Seyfried 2015.

Die Währung Schilling könnte sich auf eine Münze des Münzsystems des Burgundischen Kreises und der Vereinigten Niederlande beziehen, das bis 1795 bestand hatte. Vgl.: Rittmann 1975, S. 681-693.

[30] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Pflege-Rechnungen des Hospitals Bärenweiler; Rechnungsjahr 1836 bis 1837; a.) Baukosten; Posten 33.34.

[31] Vgl.: Ebd.

[32] Der Scheffel galt im Königreich Württemberg als Hohlmaß bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871. Vgl.: Seyfried 2015.

[33] Vgl.: Grimm 1994, S. 122. Ein Pfund entsprach im Königreich Württemberg bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 einem Gewicht von 467,728 g. Vgl.: Seyfried 2015.

[34] Diese Aussage beruht auf den mündlichen Mitteleilungen des Flaschnermeister Wolfgang Huber und des Maurergesellen Ulrich Scheitenberger, die beide in Kißlegg wohnen und arbeiten.

[35] Vgl.: Staatliche Ämter für Denkmalpflege Baden-Württemberg (Hg.): Staatliche Denkmalpflege in Württemberg. 1858 – 1958. Stuttgart; Tübingen 1960, S. 16f.

[36] Ebd., S. 13.

[37] Vgl.: Ebd., S. 12-16.

[38] Vgl.: Staatliche Ämter für Denkmalpflege Baden-Württemberg 1960, S. 17f.

[39] Ebd., S. 19.

[40] Ebd., S. 19.

[41] Vgl.: Ebd., S. 18ff.

[42] Vergleiche dazu auch: Kastner, Richard K. (Hg.): Gebäudesanierung. Analyse, Planung, Durchführung. München 1983, S. 149ff.

[43] Vgl.: Weiland 2005, S. 1f.

[44] Petzet, Michael; Mader, Andreas (Hg.): Praktische Denkmalpflege. Stuttgart; Berlin; Köln 1993, S. 43f.

[45] Vgl.: Ebd.

[46] Ebd., S. 43.

[47] Vgl.: Ebd. S. 38ff.

Sowie zum Ausfall von Gebäudebauteilen –  insbesondere die angeführte Grafik: Cramer; Breitling 2007, S. 202f.

[48] Vgl.: Petzet; Mader 1993, S. 43.

Sowie: Cramer; Breitling 2007, S. 2002f.

[49] Vgl.: Rau; Braune 1985, S. 194.

[50] Vgl.: Cramer; Breitling 2007, S. 54-65.

[51] Vgl.: Eißing 2012, S. 90.

[52] Vgl.: Matthaeij, Carl Ludwig: Der vollkommene Dachdecker. Oder Unterricht in allen bis jetzt bekannten vorzüglich anwendbaren und mit unsern Dachconstruktionen und Bauverordnungen vereinbaren Dach bedeckungsarten. In: Gesellschaft von Künstlern, Technologen und Professionisten (Hg.): Neuer Schauplatz der Kuenste und Handwerke. Mit Berücksichtigung der neuesten Erfindungen. Ilmenau 1833, S. 140.

[53] Ebd., S. 139f; S. S, 145ff.

[54] Siepenkort, Klaus (Hg.): Metallarbeiten an Dach und Fassade. Richtig planen. Sicher ausführen. 2. Auflage. Köln 2010, S. 86f; S. 178-182.

In der Fachliteratur werden jedoch auch Quellen aufgeführt, die darauf Hinweisen, dass Metallblecheindeckungen direkt auf die Sparren der Dachgerüste angebracht wurden. Vgl: Kaspar, Fred: Bedeckt und Bedacht. Zur Geschichte von Dachdeckung und Fassadengestaltung in Norddeutschland. Essen 2001, S. 106.

[55] Ebd., S. 146. Vgl. auch: Kramer, Klaus: Installateur – ein Handwerk mit Geschichte. Ein Bilderbogen der sanitären Kultur von den Ursprüngen bis in die Neuzeit. In: Hansgrohe Öffentlichkeitsarbeit (Hg.): Hansgrohe Schriftenreihe Band 2. Schramberg 1998, S. 99-102.

[56] Kubli, Renate (Hg.): Mühlen und Hammerwerke. Eine Epoche technisch-kultureller Entwicklung am Beispiel der Stadt Lauf. O. O. 1986. S. 22-63; S. 26f; S. 28f.

[57] Kubli 1986, S. 28f. Scheidig, Siegfried: Der Kupferhammer bei Lauenstein. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte unserer Heimat. In: Arbeitskreis für Heimatpflege (Hg.): Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Kronach. 17/1989. Ludwigstadt-Lauenstein 1989, S. 109f. Kramer 1998, S. 91-98.

[58] Vgl.: Kramer 1998, S. 103ff; S. 107ff.

[59] Vgl.: Ebd., S. 109.

[60] Vgl.: Kramer 1998, S. 109.

[61] Vgl.: Pauly, August Friedrich: Beschreibung des Oberamts Wangen. Stuttgart und Tübingen 1841. Auf: http://de.wikisource.org. http://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Wangen/Kapitel_A_5#A5_3. (Stand: 28.03.2015), S. 74.

[62] Ebd., S. 73

[63] Ebd.

[64] Vgl.: Ebd.

[65] Hinsichtlich der Entwicklung des gewerblich-industriellen Sektors im Königreich Württemberg im Verlauf des 19. Jahrhunderts vergleiche: Schwarzmaier, Hans Martin u.a. (Hg.): Handbuch der Baden-Württembergischen Geschichte. Dritter Band. Vom Ende des Alten Reiches bis zum Ende der Monarchien. Stuttgart 1992, S. 553-582.

[66] Vgl.: Staatsarchiv, Sigmaringen des Landes Baden-Württemberg, Bestand Wü 125-33 T 1-3 Nr. 499: Kosten – Voranschlag Über Mehrere vorzunehmende Verbesserungen an der Kuppel und dem Dache der Schloß – und Pfarrkirche derselbst zu Weingarten, Berechnet im Monat Mai1848, Folio 17ff.

[67] Vgl.: Staatsarchiv, Sigmaringen des Landes Baden-Württemberg, Bestand Wü 125-33 T 1-3 Nr. 499: Kosten – Voranschlag Über Mehrere vorzunehmende Verbesserungen an der Kuppel und dem Dache der Schloß – und Pfarrkirche derselbst zu Weingarten, Berechnet im Monat Mai1848, Folio 17ff.

[68] Kirchenstiftungsrat, Bad Waldsee: Pro Memoria! Transkription der vom Kirchenstiftungsrat verfassten Turmurkunde der ehemaligen Stiftskirche Bad Waldsee vom 05.12.1912. Bad Waldsee 1912, S. 1.

[69] Ebd., S. 1f.

[70] Ebd.

In der Fachliteratur werden Belege aufgeführt, die zeigen dass schon im 18. Jahrhundert Eisenblechdächer mit einem Anstrich von roter Farbe versehen wurden. Vgl. Kaspar 2001, S. 106.

[71] Matthaeij 1833, S. 146.

[72] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

[73] Vgl.: Ebd.

[74] Vgl.: Ebd.

[75] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

[76] Vgl.: Ebd.

[77] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten des Hospitals, Bärenweiler; Akkord-Vertrag betreffs der Anbringung eines neuen Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche vom 24.08.1884.

[78] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten des Hospitals, Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 06.11.1884.

[79] Ebd.

[80] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 14.09.1903.

[81] Vgl.: Ebd.

[82] Zur Entstehung und der Verbreitung der Weißblechproduktion in Europa vergleiche: Kramer 1998, S.99-111; S. 112-120.

[83] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten des Hospitals, Bärenweiler; Akkord-Vertrag betreffs der Anbringung eines neuen Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche vom 24.08.1884.

Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

Die Bezeichnung verbleites Eisenblech dürfte aller Wahrscheinlichkeit als umgangssprachliche Bezeichnung verstanden werden, da Weißblech eigentlich verzinntes Eisenblech ist.

Ab 1871 galt mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches in den Gebieten des Königreichs Württemberg das metrische Messsystem. Vgl. Seyfried 2015.

[84] Vgl.: Dreher, Franz (Hrsg.): Katechismus der Klempnerei. Erster Teil. Leipzig 1902, S. 7ff.

[85] Vgl.: Grimm 1994, S. 136.

Hinsichtlich des Ausbaus der Württembergischen Eisenbahnstrecken sowie allgemein Verkehrswesen und den daraus resultierenden Folgen für Wirtschaft und Handel vergleiche: Schwarzmaier 1992, 539-545.

[86] Vergleiche dazu auch Eisenbahn-Reisekarte aus der Sammlung des Museums, Haus-Walser in Kißlegg im Allgäu. Mayer, W.: Neueste Eisenbahn-Reisekarte von Deutschland, Holland, Belgien und der Schweiz, einem grossen Theil von England, Frankreich, Italien etc.. Augsburg O. J..

[87] Siehe Warenkataloge der Sammlung des Museums, Haus-Walser in Kißlegg im Allgäu.

[88] Vgl.: Matthaeij 1833, S. 147; 149.

In der Fachliteratur wurde dieser Umstand ebenfalls schon aufgezeigt. Vgl.: Kaspar 2001, S. 106. Sowie: Strehler, Heinz: Historische Dachdeckungen in Bayern. In: Bayrisches Landesamt für Denkmalpflege (Hg.):  Denkmalpflege Informationen. Ausgabe D. Nr. 22 / 29. Oktober 1999. Parsdorf 1999, S. 10.

[89] Vgl.: Matthaeij 1833, S. 146ff.

Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Akkord-Vertrag betreffs der Anbringung eines neuen Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche vom 24.08.1884.

[90] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten des Hospitals, Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 06.11.1884.

[91] Vgl.: Ebd.

[92] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

[93] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Akkord-Vertrag betreffs der Anbringung eines neuen Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche vom 24.08.1884.

Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten des Hospitals, Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 06.11.1884.

[94] Seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 galt dort die Währung Mark und Pfennig. Vgl.: Seyfried 2015.

[95] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Akkord-Vertrag betreffs der Anbringung eines neuen Weißblechdaches auf dem Turm der Spitalkirche vom 24.08.1884.

[96] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Schriftverkehr des Spitalpflegers mit der Hochfürstlichen Domänverwaltung Wurzach betreffs der Erneuerung der Dachdeckung des Turms der Spitalkirche vom 29.06.1884.

[97] Vgl.: Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 14.09.1903.

[98] Vgl.: Matthaeij 1833, S. 149.

[99] Matthaeij 1833, S. 149.

[100] Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil, Schloss Zeil: Bestand ZAKi; Bauakten zum Hospital Bärenweiler; Urkunde aus der Dokumentenkapsel des Turmknaufs der Spitalkirche vom 14.09.1903.

[101] Man beachte zu dieser Aussage auch die gleichlautenden Schlossfolgerungen aus der Fachliteratur. Vgl.: Kaspar 2001, S. 106. Sowie: Strehler 1999, S. 10.

[102] Vgl.: Neukamm, Fritz (Hg.): Wirtschaft und Schule in Württemberg von 1700-1836. Heidelberg 1956, S. 104-111. Sowie: Schwarzmaier 1992, S. 576f.

[103] Vgl.: Neukamm 1956, S. 104-108.

[104] Vgl.: Neukamm 1956, S. 109.

[105] Ohne Autor: Geschichte. Viele Namen eine Hochschule. Auf: hft-stuttgart.de.  http://www.hft-stuttgart.de/Hochschule/ProfilderHochschule/Geschichte/index.html/de. (Stand: 29.03.2015).

[106] Vgl.: Neukamm 1956, S. 109. Sowie: Schwarzmaier 1992, S. 578-581.

Und: Ohne Angabe Autor: Geschichte. Von der Winterschule zur Höheren Bauschule. Auf: hft-stuttgart.de. http://www.hft-stuttgart.de/Hochschule/ProfilderHochschule/Geschichte/Gruendung/index.html/de. (Stand: 29.03.2015). Sowie: Ohne Autor: Geschichte. Viele Namen eine Hochschule. Auf: hft-stuttgart.de.  http://www.hft-stuttgart.de/Hochschule/ProfilderHochschule/Geschichte/index.html/de. (Stand: 29.03.2015).

[107] Vgl.: Schwarzmaier 1992, 578f.

Sowie: Ohne Angabe Autor: Programm der Königlich-Württembergischen Baugewerkeschule in Stuttgart, Stuttgart 1867.

Und: Geschichte. Von der Winterschule zur Höheren Bauschule. Auf: hft-stuttgart.de. http://www.hft-stuttgart.de/Hochschule/ProfilderHochschule/Geschichte/Gruendung/index.html/de. (Stand: 29.03.2015).

[108] Schwarzmaier 1992, S. 572.

[109] Ebd.

[110] Weiland 2013, S. 1f.

[111] Ebd.

[112] Fritz Neukamm führt diesen Aspekt der Entfremdung des Handwerks von seinem handwerklichen Können für den Aspekt der künstlerischen Qualität handwerklicher Arbeiten in der Epoche des Klassizismus aus, was er zurückführt auf die durch die verbesserte Schulausbildung bewirkte Ausscheidung Handwerk und Kunst oder beispielsweise Architekt und Zimmermann. Vgl.: Neukamm 1956, S. 110.

Ähnliches traf mit Sicherheit auch auf die eher technisch ausgerichteten Tätigkeiten des Handwerks zu, kann jedoch im Zuge dieser Seminararbeit nicht hinreichend dargelegt werden.

[113] Vgl.: Rau; Braune 1985, S. 194.

Auch Werner Heinrich betont, dass Holzschindeldächer bei fachgerechter Deckung eine lange Lebensdauer haben könnten. Vgl.: Heinrich, Werner: Erhaltung und Wiederherstellung von Dächern. In: Institut für Denkmalpflege, Berlin (Hg.): Baudenkmalpflege. Beiträge zur Methodik und Technologie. Berlin 1990, S. 180.

[114] Rau und Braune führen aus, dass die Verfügbarkeit von als Baumaterial brauchbaren Holzschindeln auch stark mit der Waldbewirtschaftung und den verfügbaren Holzqualitäten zusammenhängt. Vgl.: Rau; Braune 1985, S. 194.

[115] Rau, Braune 1985, S. 192.

[116] Vgl.: Ebd., S. 191f; S. 194.

[117] Vgl.: Petzet; Mader 1993, S. 38f; S. 43f. Sowie: Rau; Braune 1985, S. 191f; S. 194.

[118] Vgl.: Thomas, Horst: Denkmalpflege für Architekten. Vom Grundwissen zur Gesamtleitung. Köln 1998, S. 93f.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 20.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Vortrag am 28.09.2018: „Das Färber-und Fassmalerhaus Walser in Kißlegg; Geschichte und Umnutzung als Museum“

Vortrag am 28.09.2018 ab 19:15 Uhr im Estersaal des Neuen Schlosses in Kißlegg.

Im Rahmen des Vortrags werden die Ergebnisse zu meiner Masterarbeit „Das Färber- und Fassmalerhaus Walser in Kißlegg; Bewohner, Ausstattung und museale Umnutzung“, die ich am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg verfasst habe vorgestellt.

Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1715 erbaut und bis 2015 von der ursprünglich aus Bregenz stammenden Familie Walser bewohnt und bewirtschaftet.

Klara Walser und ihr Bruder Alois gaben 2011 das Gebäude samt ihrem Vermögen in die „Geschwister Walser-Stiftung“, die von der Gemeinde Kißlegg verwaltet wird und ihren Zweck in der Förderung der Denkmalpflege und der Heimatpflege, der Förderung des ehrenden Andenkens an die Stifter und der Einrichtung eines Museums im Gebäude hat.

Seit 2014 erforschte und dokumentierte ich im Auftrag der Gemeinde Kißlegg das ehemalige Färberhaus, und bereitet es auf seine museale Umnutzung vor. Im Verlauf meiner vier Jahre dauernden Untersuchung des Gebäudes wurden aus dem 18. und 19. Jahrhundert viele interessante Objekte, Befunde und Hinterlassenschaften zum Leben, Wirken und Wirtschaften dieser einstmals bedeutenden Färberfamilie entdeckt.

Ihre Ansiedlung in Kißlegg nach dem Dreißigjährigen Krieg 1661 begann für die Färberfamilie Walser mit der Reparatur des damals durch Leerstand zerfallenen Färbereigebäudes. Durch glückliche Fügung überstand das Bauwerk den Kißlegger Ortsbrand von 1704, wurde jedoch 1715 abgerissen und neu erbaut.

Im 18. Jahrhundert prosperierte der Färbereibetrieb. Sprösslinge der Familie Walser übernahmen in dieser Zeit Färbereien in Wangen, Aulendorf und Wurzach und errichteten somit ein größeres und familiär zusammenhängendes Färbereiunternehmen in Oberschwaben.

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Im Haus Walser aufgefundenes Gemälde des Färbermeisters Xaver Walser, der in der Zeit um 1800 mit seiner Familie das Färberhaus bewohnte.

Im 19. Jahrhundert wurde die wirtschaftliche Lage der Färberei Walser durch die Gebietsstreitigkeiten mit dem Königreich Bayern zunächst begünstigt, jedoch sorgte die zur Mitte des 19. Jahrhunderts voranschreitende Industrialisierung der oberschwäbischen Textilbranche schlielich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Niedergang des Färbereibetriebs.

Diese Geschichte des Haus Walser wird im Rahmen des Vortrages anhand des historischen Gebäudes selbst, seiner erhaltenen Ausstattung, seines Inventars sowie des Lebens und Wirtschaftens seiner Bewohner vermittelt werden und schließlich Möglichkeiten der musealen Umnutzung des Bauwerks unter Einbezug seiner reichhaltigen und vielfältigen Geschichte aufgezeigt werden.

Der Vortrag ist kostenlos und dauert circa 90 Minuten. Spenden an die Fördergruppe Haus Walser im Heimatverein D´Schellenberger e.V. zur Unterstützung des Haus Walser-Projekts sind willkommen.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 16.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Die historische Sägemühle Bartenstein in Ließenbach bei Hittisau in Vorarlberg

Im Rahmen einer Wanderung im Umfeld der Vorarlberger Ortschaft Hittisau am 30. Juni 2018 bin ich im Weiler Ließenbach auf die vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammende Sägemühle Bartenstein gestoßen. Neben der Sägemühle existierte hier ehemals auch eine Getreidemühle (Abb. 1).

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Abb. 1: Der heutige Mühelnstandort im bei der Ortschaft Hittisau gelegenen Weiler Ließenbach; links im Bild die historische Sägemühle; rechts im Bild ein Gebäude, das zur neuen Sägerei gehört; in der Bildmitte das Wohnhaus der Familie Bartenstein, das ehemals vermutlich auch der Standort der Getreidemühle war (Philipp Scheitenberger 2018).

Die historische Sägemühle besteht aus einem partiell gemauerten, teilweise unter Verwendung von behauenem Gletschergeröll errichteten Erdgeschoss, einem als verbretterte Holzgerüstkonstruktion erbauten Obergeschoss und einem als Mischform aus abgestrebtem Stuhlgerüst und Rofendach erstellten Dachgerüst, dass eine Deckung aus Nagelschindeln aufweist (Abb. 2, Abb. 3, Abb. 4 und Abb. 5).

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Abb. 2: Südliche Traufseite der historischen Sägemühle Bartenstein im Weiler Ließenbach; im Erdgeschoss befindet sich das Mühlengetriebe und Teile des Sägegatters; im Obergeschoss ist die eigentliche Säge mit venezianischem Gatter untergebracht (Philipp Scheitenberger 2018).

Das Dachgerüst der Sägemühle wurde als eine Mischform aus abgestrebtem Dachgerüst/liegender Stuhl als stützendem Unterbau und Rofenkonstruktion als Auflager der aus Nagelschindeln bestehenden Dachhaut errichtet  (Abb. 3, Abb. 4 und Abb. 5).

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Abb. 3: Blick nach Osten in den Dachraum der Sägemühle; hier sind auch Seilzüge und Hebel zur Bedienung der Mühlentechnik integriert (Philipp Scheitenberger 2018).

Die Dachdeckung der Sägemühle besteht aus Nagelschindeln. Hierzu werden längs zur Traufseite des Gebäudes verlaufende Bretter auf die Rofen genagelt, um hierauf die Nagelschindeln anzubringen (Abb. 4).

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Abb. 4: Die Dachdeckung der Sägemühle besteht aus Nagelschindeln; hierzu werden längs zur Traufseite des Gebäudes verlaufende Bretter auf die Rofen genagelt, um hierauf die Nagelschindeln anzubringen (Philipp Scheitenberger 2018).

Die Dachbalken der des Dachgerüstes sind zwischen Wandrähm und Rofenschwelle eingehälst bzw. binden dort ein (Abb. 5). Die Abbundzeichen auf den Hölzern des Dachgerüstes zeugen vom einheitlichen Abbund des Dachwerks (Abb. 5).

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Abb. 5: Die Dachbalken des Dachwerks binden zwischen dem Wandrähm und der Rofenschwelle ein; die auf den Hölzern des Dachgerüstes vorhandenen Abbundzeichen zeugen vom einheitlichen Abbund des Daches (Philipp Scheitenberger 2018).

Die Holzgerüstkonstruktion des Obergeschosses zeigt sich als durchgehend gezapftes einriegeliges Gefüge, dessen Queraussteifung mittels von der Wandschwelle zum Wandrähm verlaufenden A-förmige angeordneten Streben erfolgt (Abb. 6). Die Aussenseite der Holzgerüstkonstruktion ist mittels eines Bretterschirms verwahrt (Abb. 2 und Abb. 6).

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Abb. 6: Blick auf die Südseite der Nordwand des Obergeschosses der Sägemühle; das Gefüge der Holzkonstruktion besteht aus Schwelle, Rähm, Ständern, Streben und horizontal verlaufenden Riegeln (Philipp Scheitenberger 2018).

Bewegt wird die Mühlentechnik mittels eines oberschlächtig angetriebenen Mühlrades, das an der Nordwand des Mühlengebäudes angebracht ist (Abb. 7).

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Abb. 7: Das oberschlächtig betriebene Mühlrad an der Nordwand des Mühlengebäudes (Philipp Scheitenberger 2018).

Die hierfür nötige kinetische Energie kann mittels einer durch Hebelbetätigung in der Sägerei schwenkbaren, Wasser führenden Rinne auf das Mühlrad gebracht werden (Abb. 7). Diese Rinne wird vom Wasser eines Baches gespeist, der östlich hinter der Mühle an einem Hang talabwärts verläuft (Abb. 8, Abb. 9 und Abb. 10). An diesem Bach liegt hangaufwärts zumindest eine weitere Sägemühle ähnlicher Bauart (Abb. 18), deren Mühlentechnik sich jedoch nicht erhalten hat und die im Gegensatz zur Barten-steinischen Mühle auch nicht besichtigt werden kann.

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Abb. 8: Unterer Teil der auf Stelzen geführten Rinne, die das Waser des Mühlbaches auf das oberschlächtig betriebene Mühlrad der Sägemühle leitet (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 9: Oberer Teil der auf Stelzen geführten Rinne, die das Waser des Mühlbaches auf das oberschlächtig betriebene Mühlrad der Sägemühle leitet, und an der Nordseite des Bartensteinischen Wohnhauses vorbeiführt (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 10: Staukammer des Mühlbaches; hier wird das Wasser in die zum Mühlrad der Sägemühle führende Rinne geleitet (Philipp Scheitenberger 2018).

Die kinetische Energie des Mühlrades wird mittels eines Zahnradgetriebes, Transmission und einem Stangengetriebe auf das venezianische Gatter geführt und hier in die zum Sägen benötigte vertikale Bewegung des Sägeblattes umgewandelt (Abb. 11, Abb. 12 und ABb. 13).

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Abb. 11: Mühlentechnik der Sägemühle bestehend aus Zahnradgetriebe und Transmission, welche die kinetische Energie des Mühlrades auf das venezianische Gatter lenken und in vertikale Bewegung des Sägeblattes umwandeln (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 12: Welle mit Transmissionsrad, Schwungrad und Rad mit Stangenantrieb zur Kraftübertragung auf das Sägegatter (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 13: Stangenantrieb der Mühlentechnik, der die kinetische Energie des Mühlengetriebes auf das Sägegatter überträgt (Philipp Scheitenberger 2018).

Mittels eines auf Schienen laufenden Transportschlittens wird das hierauf fixierte zu sägende Rundholz auf das sich bewegende Sägeblatt des venezianischen Gatters zugeführt. Die Bewegung des Schlittens erfolgt hierbei mittels dem Aufwickeln einer an einer Welle des Mühlengetriebes und dem Transportschlitten fixierten Zugkette (Abb. 14 und Abb. 15).

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Abb. 14: Der obere Teil des venezianischen Gatters mit eingespanntem Sägeblatt und dem automatisch mittels einer Zugkette geführten Transportschlitten (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 15: Das Sägeblatt des venezianischen Gatters wird seitlich mittels einer Vorrichtung geführt, damit das Blatt beim Sägen nicht flattert oder aus der Schnittrichtung abweicht (Philipp Scheitenberger 2018).

Die Rundhölzer werden über eine Rampe an der Ostseite des Gebäudes in die im Obergeschoss eingerichtete Sägerei verbacht (Abb. 16).

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Abb. 16: Rampe an der Ostseite der Sägemühle zum Verbringen der zu sägenden Ründhözer in die Sägerei im Obergeschoss der Mühle (Philipp Scheitenberger 2018).

Hierzu werden die Rundhölzer an eine Zugkette angehängt, die sich vermutlich über das in Gang setzen des Mühlengetriebes auf einer Welle aufwickeln lässt, und sich somit der Baumstamm durch die kinetische Energie des Mühlrades in die Sägereiverbringen lässt (Abb. 17).

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Abb. 17: Blick nach Osten aus der Sägerei hinaus auf die Rampe und die Zugkette zum Einbringen der Rundhölzer in die Sägerei (Philipp Scheitenberger 2018).

Bei der Bartensteinischen Sägemühle im Weiler Ließenbach handelt es sich um ein sehr gut erhaltenes Beispiel für eine historische Sägemühle mit vorindustrieller Mühlentechnik, die sich aufgrund der auch heute noch in Ließenbach angesiedelten Sägerei sich noch in ihrem ursprünglichen Nutzungskontext befindet. Bis vor kurzem wurde hier sogar noch Holz gesägt, jedoch funktioniert die Säge aufgrund eines Schaens am Mühlrad derzeit nicht mehr und müsste für eine weitere Nutzung repariert werden. Zudem zeigen sich anhand der Bauweise des Mühlengebäudes die landschaftlichen und bauhandwerklichen Besonderheiten der Region.

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Abb. 18: Eine weitere Sägemühle ähnlicher Bauart, jedoch ohen Mühlentechnik, die am Hang oberhalb der Bartensteinischen Sägemühle liegt, und nicht besichtigt werden kann (Philipp Scheitenberger 2018).

Mittels der Zahlung von Spenden kann vor Ort ein Beitrag zum Erhalt der Mühle geleistet werden.

Eine genauere Erforschung und Dokumentation des Mühlengebäudes und der dazugehörigen Technik könnte im Rahmen einer studentischen Forschungsarbeit erbracht werden.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 31.07.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

 

Ein barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger, Kißlegg

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Bäckerei Seeger. Rechts im Bild ehemaliges Bäckereigebäude mit südwestlich und westlich angrenzendem Hausgarten in der Zeit um 1900 (Repro Fotofund Philipp Scheitenberger 2016).

Die ehemalige Bäckerei Seeger ist vielen Kißlegger Bürgern heute noch ein Begriff. Hier kaufte so manch einer von ihnen in seiner Kindheit im dazugehörigen Bäckerladen noch Brötchen ein. Bereits seit dem Ende der 1870er Jahre war hier die Bäckerfamilie Seeger ansässig (Abb. 1), zuvor gehörte das Haus dem Bäckermeister Kohler (Abb. 2). Seit einigen Jahrzehnten wird das Haus nicht mehr als Bäckerei genutzt. Jedoch finden sich auf dem Dachboden des Gebäudes immer noch Zeugnisse seiner ehemaligen Nutzung als Bäckerei.

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Abb. 2: Blick nach Nordwesten auf die Südseite der Bäckerei Seeger zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Links im Bild Bäckermeister Seeger mit Familie, Angestellten und Lehrjungen  (Fotosammlung Georg Maier, Kißlegg 2016).

Bereits beim Kauf des Hauses durch eine Kißlegger Familie in den 2000er Jahren wurde auf dem Dachboden des Gebäudes ein alter Schrank gefunden, den ich 2014 im Rahmen eines Seminars von Prof. Günther Dippold zum Thema „Möblierung und Hausgrundriss“, das am Lehrstuhl der Universität, Bamberg abgehalten wurde,  genauer untersuchte. Außen als ein unauffällig braun gebeizter und ramponierter Schrank erscheinend (Abb. 3), fanden sich in seinem hellblau gestrichenen Inneren Graffiti, die auf eine ehemalige Nutzung des Möbels im Haus verweisen.

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Abb. 3: Barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger (Philipp Scheitenberger 2014).

Es handelt sich bei diesem Möbelstück um einen Barockschrank. Der architekturale Aufbau des Schranks weist abgeschrägte Ecken, einen profilierten Volutengiebel, Gurt- und Sockelgesims auf (Abb. 3). Die Türen sind als Rahmenfüllungstüren konstruiert, und mittels Fitschenbändern am Schrankkorpus angebracht (Abb. 3). Die Schlossbleche zeigen seitlich Voltenrankendekor. 

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Abb. 4: Barocker Schrank auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger. Rechte Türe mit Kastenschloss (Philipp Scheitenberger 2014).

An der rechten Schranktüre ist innen ein schmiedeeisernes barockes Kastenschloss angebracht (Abb. 4). Die im Schrank eingebauten Ablagebretter und die eingedrehten Aufhängehaken machen deutlich (Abb. 4), dass der Schrank einst als Kleiderschrank genutzt worden war. Auf der Innenseite der linken Türe finden sich Hinweise darauf wer den Schrank einst genutzt hat.

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Abb. 5: Graffito auf der Innenseite der linken Türe des Schranks, der auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger steht (Philipp Scheitenberger 2014).

Die beiden Graffito (Abb. 5), die auf der Türe zu sehen sind, machen deutlich, dass der Schrank während der Nutzungsphase des Bäckermeisters Kohler und der Bäckerfamilie Seeger gleichermaßen genutzt wurde. Transkription des oberen Bleistiftgraffito: „Baeker Kohlerer“. Transkription des unteren mit blauer Kreide ausgeführten Graffito: “ Jos. Specken Lehrling bei Seeger Baeckermeister, Kißlegg.“ Anhand der Graffiti wird mit großer Sicherheit belegt, dass der Schrank sich ehemals im Besitz der beiden Bäckermeisters Kohler und Seeger befand. Da diese beiden Bäckermeister im Gebäude ansässig waren, liegt es nahe, dass der Schrank somit auch schon zu dieser Zeit zum Inventar des Hauses gehört haben könnte. Das deutet auch ein weiteres Graffito an, dass sich auch der Innenseite der linken Schranktür befindet (Abb. 6).

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Abb. 6: Graffito auf der Innenseite der linken Türe des Schranks, der auf dem Dachboden der ehemaligen Bäckerei Seeger steht (Philipp Scheitenberger 2014).

Das Bleistiftgraffito zeigt die Schrägansicht eines länglichen Gebäudes mit Satteldach (Abb. 6), das in verblüffender Art und Weise dem Bäckerhaus-Seeger gleicht (Abb. 1). Nicht nur die in der Skizze dargestellte Kubatur des Gebäudes deutet darauf hin, sondern auch der überdimensioniert gezeichnete Schornstein, der dem Bau beigefügt wurde scheint darauf hinzudeuten, dass es sich dabei um ein Haus handelt dessen große Feuerstelle und dazughöriger Schornstein charakteristisch für seine Nutzung zu sein scheinen (Abb. 6). Somit skizzierte hier wohl im 19. Jahrhundert wahrscheinlich einer der Lehrjungen oder Gesellen das Bäckerhaus in den Kleiderschrank. Doch wie kam dieser barocke Schrank eigentlich auf den Dachboden des Hauses? Sein heutiger Standort verrät  etwas über diese Frage, wenn man die räumliche Struktur des Dachbodens genauer betrachtet (Abb. 7).

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Abb. 7: Blick in den Dachraum der ehemaligen Bäckerei Seeger. Links im Bild Durchgang zu Schrankstandort. Rechts im Bild ehemalige Bedienstetenkammern (Philipp Scheitenberger 2014).

Die höchstwahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den südöstlichen Teil des Dachraumes eingebauten „Bedienstetenkammern“ weisen noch weiteres Inventar auf, das aus der Zeit stammt, in der diese Räume von Angestellten der Bäckerei bewohnt wurden. Eine Glocke, die mittels einer Kette vom Bäckerladen aus bedient werden konnte, weckte die hier hausenden Lehrlinge, Gesellen oder Dienstmädchen der Bäckerei. Der barocke Schrank scheint ehemals Teil der Möblierung dieser Kammern gewesen zu sein. Ein Hinweis darauf bietet einerseits der Standort des Schrankes in nächster Nähe zu den Bedienstetenkammern und andererseits das Graffito in dem sich Joseph Specker, der Lehrling des Bäckermeisters Seeger, verewigte. Er nutzte den Schrank wohl während seiner Lehrzeit zur Aufbewahrung seiner Habseligkeiten. Zuvor war der Schrank eventuell Teil der repräsentativen Ausstattung einer „Stuben Kammer“ oder der Wohnstube des Bäckerhauses gewesen. Nachdem der Schrank eventuell nicht mehr den wohnkulturellen Maßstäben der Besitzer entsprach, wurde er zur Ausstattung der Bedienstetenkammern auf den Dachboden verlagert.

Selten lassen sich in der heutigen Zeit noch solche sozialgeschichtlichen Befunde in Dachräumen historischer Handwerkerhäuser dokumentieren. Inzwischen sind unausgebaute Dachböden kaum mehr vorhanden. Ökonomisch begründete Entscheidungen zur Umnutzung von Dachböden für Wohnzwecke, führen bereits seit Jahrzehnten zu diesem Schwund, und dazu, dass wir uns in der heutigen Zeit kaum mehr vor Augen führen können unter welchen prekären Umständen die einfachen Menschen noch in der Zeit um 1900 lebten. Nur Freilicht- und Bauernhausmuseen bieten in ihren Exponatgebäuden noch den Blick in diese vergangenen Dachbodenwelten, jedoch stellt sich die Frage, in wie Weit man diesen Teil der Sozialgeschichte im Museum wirklichkeitsgetreu nachvollziehen kann, wenn das betreten eines Dachbodens und der dort eventuell vorhandenen Bedienstetenkammer nicht mehr zum alltäglichen Erfahrungshorizont der Menschen gehört, sondern nur noch in den künstlich geschaffenen Sonderräumen eines Museums nachvollziehbar bleibt.

Autor: Philipp Scheitenberger

Bamberg den 19.12.2016

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