Fund von drei alten Rebstöcken in historischer Weinlage am Oberen Kaulberg in Bamberg

Im Herbst/Winter 2014 wurde ich das erste mal auf drei Rebstöcke aufmerksam, die auf einem seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Obstwiese genutzten Hanggrundstück am Oberen Kaulberg wachsen. Im Rahmen eines Seminars an der Otto-Friedrich-Universität, Bamberg, das von dem Leiter des Bamberger Gärtner- und Häckermuseum Hubertus Habel abgehalten wurde, unternahmen wir eine Exkursion auf dieses in Richtung Südosten gelegene Hanggrundstück. Bei meinen Recherchen hatte sich herausgestellt, dass es sich hierbei um einen Teil der ehemaligen Weinlage Essigkrug handelte, die bereits auf dem Zweidler Plan des Bamberger Stadtgebietes aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts abgebildet wurde. Die heutige Lage dieser ehemaligen Weinbaufläche lässt sich östlich des Laurenziplatzes zum Oberen Stephansberg hin ausmachen. Im Sommer 2015 schickte ich dann von allen drei Rebstöcken Pflanzenproben an das Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof (Abb. 1), um diese genetisch bestimmen zu lassen. Zudem führte der Rebenforscher Andreas Jung anhand von Fotos eine ampelographische Bestimmung der Reben durch.

Abb 1
Abb. 1: Pflanzenproben des dritten Fundrebstocks vom Oberen Kaulberg, bei dem es sich um die historische europäische Rebsorte handelt, die zur genetischen Untersuchung abgezwickt wurden (Philipp Scheitenberger 2015).

Es stellte sich bei der genetischen Untersuchung heraus, dass es sich bei den Reben um zwei amerikanische Sorten (vitis labrusca) und eine europäische Weißweinrebe (vitis vinifera) handelte. Letztere wurde bereits seit dem Mittelalter vorallem im Mittelmeerraum im Weinbau genutzt. Somit gelang mit der Identifizierung dieser historischen Rebsorte auf der ehemaligen Weinlage Essigkrug der erste Nachweis einer lokalen Weinrebensorte, die von den Bamberger Häckern höchstwahrscheinlich einst zur Tafel- und Weintraubenproduktion kultiviert wurde. Bei den Bamberger Häckern handelt es sich ursprünglich um Weinbauern, deren Tätigkeit in Bamberg anhand der historischen Quellen bereits für das Mittelalter nachgewiesen werden kann.(1) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte sich in Bamberg ein wirtschaftlicher Wandel vom Wein- zum Hopfenbau ein.(1) Ab der Zeit um 1900 wurde der Hopfenanbau dort jedoch vom Obstbau verdrängt.(1) Das Hanggrundstück auf welchem die Reben gefunden wurden, durchlief in seiner Nutzung genau diesen Wandel vom Weinbau zum Obstbau. Es ist besonders erstaunlich, dass sich trotzdem die drei alten Rebstöcke am Oberen Kaulberg bis heute erhalten haben.

Die beiden amerikanischen Fundreben, die ca. ein Alter von 100 bis 120 Jahren aufweisen, sind sehr verwildert. Sie haben ihren Standort in der Nähe eines historischen Gartenpavillons, der aus der Zeit zwischen Ende 19. Jahrhundert und Beginn 20. jahrhundert stammt, und ranken entsprechend ihres natürlichen Wachstumsverhaltens im Wald in einen großen Walnussbaum und eine hohe Tanne hinein (Abb. 2, Abb. 3 und Abb. 4). Das Wachstum der amerikanischen Reben ist deutlich stärker als das der europäischen Fundrebe, deswegen hat die Rebe mit Standort Gartenpavillon in den vergangenen Jahrzehneten einen deutlichen dickeren Stock ausgebildet (Abb. 3).

Abb 2
Abb. 2: Die amerikanische Fundrebe, die ursprünglich direkt an einen Gartenpavillon gepflanzt worden war, und inzwischen in einen Walnussbaum wächst (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 3
Abb. 3: Der immense Stock der amerikanischen Rebe, die am Gartenpavillon ihren Standort hat, und in den Walnussbaum wächst (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 4
Abb. 4: Ranke einer amerikanischen Fundrebe, die in einen hohen Tannenbaum gewachsen ist (Philipp Scheitenberger 2015).

Das Vorhandensein dieser alten amerikanischen Reben spiegelt mit großer Sicherheit die Folgen der Reblauskatastrophe in Bamberg wieder. Aufgrund des massiven Auftretens der aus Amerika nach Europa eingeschleppten Reblaus wurde im 19. Jahrhundert ein Großteil der wurzelecht gepflanzten europäischen Rebenbestände zerstört. Ersatz fand man im Weinbau einerseits in den exportierten amerikanischen Reben oder durch das Aufpfropfen europäischer Rebsorten auf amerikanische Unterlagsreben. Die amerikanischen Rebsorten sind gegen den Reblausbefall weitestgehend resistent. Da die Reblaus im Bereich des Wurzelansatzes der Reben an den Stöcken Pflanzensaft saugt, konnte die Variante der Veredlung der amerikanischen Unterlagsreben mit europäischen Reben praktischerweise erfolgreich druchgeführt werden.  Somit lässt sich anhand des historischen Rebenbestandes am Oberen Kaulbergs diese durch die Reblauskatastrophe ausgelöste Umbruchsphase in der Rebenkultivierung in Bamberg veranschaulichen.

Die historische europäische Rebsorte, die am Oberen Kaulberg gefunden wurde, besitzt laut Schätzung von Andreas Jung ein ungefähres Alter von 150 bis 200 Jahren, und könnte somit höchstwahrscheinlich noch aus der Zeit der weinbaulichen Nutzung dieses Hanggrundstückes stammen. Diese Weißweinrebe wurde ebenfalls in stark verwildertem Zustand in der Nähe der Hangoberkante in Richtung Würzburgerstraße aufgefunden. Die Rebe war im Verlauf der Zeit in die Baumkrone eines ca. 80 Jahre alten Apfelbaums gewachsen, den sie inzwischen mit ihren Blättern vegetativ einhüllt (Abb. 5).

Abb 5
Abb. 5: Die historische europäische Weißweinrebe, die am Oberen Kaulberg in Bamberg gefunden wurde. Sie durchwuchert einen alten Apfelbaum. Die Laubfläche beträgt ca. 10 bis 12 qm (Philipp Scheitenberger 2015).

Der Stockdurchmesser der Rebe beträgt ca. 15 cm (Abb. 6). Aufgrund der wurzelechten Pflanzung der Rebe wächst diese insgesamt langsamer als beispielsweise auf amerikanische Unterlagsreben gepfropfte europäische Reben.

Abb 6
Abb. 6: Der Stock der europäischen Rebe im Übergang zu zum Wurzelbereich. Der Durchmesser beträgt ca. 15 cm (Philipp Scheitenberger 2015).

Der Rebstock ist sehr fruchtbar und bildet jedes Jahr unzählige Traubenstände aus (Abb. 7). Da es sich bei der Rebsorte um eine spät austreibende und früh reifende Varietät handelt, eignet sie sich für den Anbau in Weinlagen, die ein kühleres Klima aufweisen als die eigentlich für den fränkischen Weinbau typischen wärmeren Lagen entlang des Mains und im Steigerwald etc.. Im Herbst färbt sich das Laub des Rebstocks gelb. Im reifen Zustand schmecken die Weißweintrauben des Stockes süß-säuerlich und sehr erfrischend. Verwertet habe ich sie selbst schon als Tafelobst oder zum Einkochen von Traubengelee aus dem gepressten Saft der Trauben (Abb. 8). Wenn die Trauben nicht komplett ausgereift sind haben sie einen vergleichsweise eher sauren Geschmack. Da der Hang an dem der Rebstock wächst in Richtung Osten liegt, handelt es sich nicht um eine weinbauliche Gunstlage, was bedeutet, dass die Trauben eher später reifen als an einem Südhang. Eventuell heißt daher die Weinlage, die sich einst an diesem Osthang des Kaulbergs befand Essigkrug. Eine auf die Produktion von Essig ausgerichtete weinbauliche Bewirtschaftung dieses Hanges in historischer Zeit mit der Fundrebsorte kann somit prinzipiell auch in Betracht gezogen werden.

Abb 7
Abb. 7: Unreife Trauben des historischen Weißweinrebstocks vom Oberen Kaulberg (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 9
Abb. 8: Das im Herbst 2016 aus den Trauben des Weißweinrebstocks hergestellte Traubengelee, das erfrischend süß-säuerlich schmeckt (Philipp Scheitenberger 2015).

Aufgrund des Umstandes, dass es wichtig ist das rebgenetische Erbe Bambergs zu erhalten und ich von Herbst 2015 bis Sommer 2016 ein Praktikum im Gärtner- und Häckermuseum absolvierte, beschloss ich im Winter 2016 Edelreis von dem Fundrebstock zu gewinnen, um eine Rebschule mit der Erzeugung von 40 Pfropfreben zu beauftragen. Im Juli 2016 konnten die Pfropfreben aus der Rebschule abgeholt werden, und zwei der Rebstöcke wurden dem Gärtner- und Häckermuseum in Bamberg zur Pflanzung im Museumsgarten übergeben (Abb. 9).

Abb 8
Abb. 9: Eine der im Jahr 2016 nachgezüchteten Pfropfreben des europäischen Weißweinrebstocks vom Oberen Kaulberg in einem Privatgarten in Bamberg im Juni 2017 (Philipp Scheitenberger 2017).

Im Rahmen mehrer Wanderungen im Regnitztal und auf der Friesener Warte bei Hirschaid im Jahr 2016 konnten im vergangenen Jahr zudem in Seigendorf und Hochstall verschiedene alte Hausrebenstöcke entdeckt werden, bei denen es sich ebenfalls um die gleiche europäische Weißweinrebsorte wie die am Oberen Kaulberg aufgefundene handelt (Abb. 10, Abb. 11 und Abb. 12).

Abb 10
Abb. 10: Fundrebe in der Ortschaft Hochstall in der Nähe der Friesener Warte bei Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).
Abb 11_2
Abb. 11: Detailansicht Fundrebe in der Ortschaft Hochstall in der Nähe der Friesener Warte bei Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).
Rebstock in Seigendorf Oberfranken 2
Abb. 12: Fundrebe an einem unbewohnten alten Haus in der Ortschaft Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).

Die beiden Fundrebstöcke in Hochstall und Seigendorf scheinen beide ein Alter von 150 bis 200 Jahren aufzweisen. Anhand dem Nachweis dieser historischen Weißweinrebsorte als Hausreben in Hochstall und Seigendorf stellt sich die Frage nach den kulturgeschichtlichen Zusammenhängen zwischen der wahrscheinlichen Nutzung der Rebe in Bamberg für den Weinbau und der Nutzung der Rebe als Hausrebe im Regnitztal sowie am Rand der fränkischen Schweiz. Alle drei Rebstöcke weisen ein ähnliches Alter von 150  bis 200 Jahren auf, somit könnte es durchaus sein, dass im 19. Jahrundert die Bauern, an deren nun leerstehenden Gehöften die Reben in Hochstall und Seigendorf gedeihen, die Rebstöcke  im nächtgelegenen Weinbauort erworben haben könnten. Und das wäre in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sicherlich noch die Stadt Bamberg gewesen. An diesen durch Feldforschung erbrachten Schlussfolgerungen und Denkanstöße zum historischen Weinbau in Bamberg und der Hausrebenkultivierung im „Bamberger Umland“ zeigt sich einerseits, dass die Kulturgeschichte Bambergs und sein kulturelles Erbe trotz seit Jahrzehnten aktiv forschender „Denkmalpfleger“, „Volkskundler“, Kunstgeschichtler und Bauforscher etc. noch nicht gänzlich entschlüsselt ist. Andererseits ergibt sich durch die hiermit aufgezeigten als sehr wahrscheinlich anzunehmenden kulturgeschichtlichen Bezüge zwischen Bamberg und seinem Umland ein Forschungsansatz, der wegrückt von einem wissenschaftlichen Fokus, der zu sehr auf die Stadt Bamberg ausgerichtet ist, und sich auch häufig vielleicht auch im Übermaß nutzbar macht für Bamberg als touristische Attraktion. In Zukunft sollten solche räumlich-historischen Wechselbezüge zwischen Bamberger Stadt und Land intensiver in den Blick genommen werden, um damit zum einen auch für das Bamberger Umland einen kulturhistorischen Mehrwert zu erschließen, der sich in der Auszeichnung Bambergs als Weltkulturerbe und seiner hohen touristischen Frequentierung zeigt sowie zum anderen um die sich daraus erweiternde Komplexität der historischen Hintergründe und Bedingungen des Bamberger Weltkulturerbes offenzulegen, und auch zunächst weniger prominent erscheinenden Forschungsthemen und Aspekte zu ergründen. Mit diesem Artikel soll hierzu ein Beitrag geleistet werden.

(1) Habel, Hubertus: Das Gärtner- und Häckermuseum in Bamberg, in: Frankenland, 66/2014/3, S. 33.

Autor: Philipp Scheitenberger

23.06.2017

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Falls Sie gerne nähere Informationen zu den Fundreben hätten, können Sie sich gerne mit dem Autor in Verbindung setzen.