Ein barocker/klassizistischer Kachelofen in der Stube des Haus Walser

Eines der bedeutendsten Ausstattungselemente des Haus Walser ist ein barocker / klassizistischer Kachelofen, der sich in der Stube im Erdgeschoss des Gebäudes befindet (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 2: Blick nach Westen auf die Ostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 3: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens, links im Bild der gusseiserne Ersatzofen (Philipp Scheitenberger 2018).

Der Kachelofen besitzt einen zweiteiligen Aufbau. Der Unterbau des Ofens weist von der Sandsteinplatte bis zum Kraggesims eine Höhe von 71,0 cm auf, die Höhe des Oberbaus beträgt vom Sockelgesims bis zum Kraggesims eine Höhe von 74,0 cm, die Höhe vom Fußboden bis zur Oberkante der Sandsteinplatte beträgt 52,0 cm. Somit ergibt sich bezüglich der Höhe des Unterbaus zum Oberbau ein Proportionsverhältnis von circa 1:1. Die Breite des Unterbaus beträgt, gemessen am Kraggesims, 91,0 cm, wohingegen die Breite des Oberbaus, ebenfalls am Kraggesims gemessen, 84,5 cm beträgt. Der gesamte Ofen wurde auf eine Sandsteinplatte gesetzt, die an ihrer Außenkante ringsum einen Scharrierhieb aufweist. Diese Sandsteinplatte liegt auf zwei in Pilaster Form gestemmten Holzbeinen auf, die als unterste Schicht eine rote und als oberste Schicht eine graue Farbfassung aufweisen. Die Ofen-Füße lagern wiederum auf einem mit türkisfarbig glasierten Fliesen ausgelegten eichenen Holzrahmen auf, der eine Art Sockel bildet auf den der Kachelofen gestellt ist. Das nördliche Ende der Sandsteinplatte ist in die nördliche Wand der Wohnstube eingelassen (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

Bei den am Ofen des Haus Walser verbauten Kacheln handelt es sich technisch um Blattkacheln, das heißt Kacheln deren Schauseite mittels einer Model plattenförmig geformt wurde, und auf deren Rückseite anschließend zur Erhöhung des Halts der Kacheln im Ofenlehm Tonzargen bzw. -leisten aufgebracht wurden, die teilweise Löcher aufweisen in denen zur Erhöhung der Stabilität des Ofens Drahtverspannungen angebracht wurden (Abb. 4 und Abb. 5).[1] Die Glasur der Kacheln ist türkis und hat eine opake Erscheinung. Manche Kacheln weisen jedoch einen dunkelgrünen Glasurfarbton auf (Abb. 3). Die mit einem Rosengitterdekor versehenen Blattkacheln des Kachelofens besitzen ein hochrechteckiges Format von 25,5 cm x 21,5 cm (Abb. 3 und Abb. 4).

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Abb. 4: Im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war (Philipp Scheitenberger 2016).
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Abb. 5: Rückseite der im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war, hier finden sich noch Reste des mit organischem Material versetzten Ofenlehms und Ziegelfüllstücke (Philipp Scheitenberger 2016).

Auf die Sandsteinplatte wurde der Unterbau des Kachelofens gesetzt, der bis an die nördliche Stubenwand anschließt. Die Vorderseite des Unterbaus des Ofens wird links und rechts umrahmt von zwei Blattkacheln, die Ecklisenen ausbilden, die einen Scheibendekor aufweisen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8). In der Mitte dieser Kacheln ist jeweils eine kreisförmige Kachel mit einem Akanthusblattrosettendekor eingelassen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8).

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Abb. 6: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 7: Blick nach Norden auf die Front des unteren Teils des Kachelofens, in den eine gusseiserne Platte mit dem Relif eines Bauern eingelassen ist (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 8: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des unteren Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine zweiteilige Eckkachel mit einem Scheibendekor (Philipp Scheitenberger 2018).

Im Mittelfeld der Vorderseite des Unterbaus ist eine eiserne Ofenplatte eingelassen auf der die Darstellung eines Bauern abgebildet ist, der im Begriff ist seine Sense anzuschleifen (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Ofenplatte stammte ursprünglich mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Eisenofen, die in der Regel aus mehreren solchen gusseisernen Ofenplatten aufgebaut sind.[2] Flankiert wird die Ofenplatte von zwei Eckkacheln die dreiviertel plastische figurale Darstellungen von Putten zeigen, die als Karyatiden fungieren (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Putten-Eckkacheln lassen sich als Allegorien des Frühlings deuten.[3] Denn an ihrem Haar prangen Blütenbouquets, und an den in Volutenform ausgearbeiteten Beinen, auf denen der Rumpf der Putten aufsitzt, sind weitere an Tüchern festgeknotete Blumenbouquets drapiert (Abb. 3 und Abb.7). Diese Formen von figürlich gestalteten Eckkacheln finden sich normalerweise in nach außen hin gerichteter Form an den Ecken von manieristisch gestalteten also frühbarocken Kachelöfen.[4] Aufgrund des falschen Einbaus der Putten-Eckkacheln als Rahmung der Ofenplatte am Kachelofen der Stube des Haus Walser, wird deutlich, dass die Vorderfront des Unterbaus des Ofens nicht ihrer ursprünglicher Gestaltung entspricht (Abb. 3 und Abb. 7). Es ist anzunehmen, dass diese heutige Gestaltung der Vorderfront des Unterbaus des Kachelofens im Zuge einer späteren Veränderung stattfand, und sich dort ursprünglich ein Feld mit Blattkacheln befand, die einen Tapetendekor in Form eines Rosengitters aufwiesen, wie es bei den Mittelfeldern aller anderen Seiten des Unter- und Oberbaus des Kachelofens der Fall ist. Im Haus Walser wurden mehrere Blattkacheln aufgefunden, die vermutlich im Rahmen von Umformungen am Kachelofen ausgebaut und anschließend trotzdem aufbewahrt wurden (Abb. 4 und Abb. 5). Der obere und untere Abschluss des Unterbaus wird von zwei unterschiedlich profilierten Gesims-Bändern gebildet. Das obere Gesims kragt dabei über das untere hinaus (Abb. 3 und Abb. 7). Ähnlichkeit hat der Aufbau des Kachelofen des Haus Walser mit dem Aufbau eines in die Zeit um 1700 datierenden Kachelofens.[5]

Einen ähnlichen Aufbau wie der Unterbau weist auch der Oberbau des Kachelofens auf, wobei die seitliche Rahmung der südlich, westlich und östlich vorhandenen Blattkachelfelder mit Rosengitterdekor, mittels zweier Blattkacheln geschieht, die wie beim Unterbau Ecklisenen ausbilden, jedoch ein Kartuschen-Motiv aufweisen, deren Spiegel jeweils eine reliefartig ausgeformte Akanthusdarstellung ziert (Abb. 9 und Abb. 10). Diese Akanthus-Kacheln finden sich auch an den nördlichen beiden Ecken des Oberbaus des Kachelofens. In das östliche Mittelfeld des Oberbaus wurde nachträglich eine Ofennische mit Ofenröhre eingebaut (Abb. 6). Der untere und obere Abschluss des Oberbaus wird durch zwei Gesims-Bänder gebildet, von denen das Kraggesims im Vergleich zu dem des Unterbaus deutlich größer dimensioniert ist und weiter auskragt (Abb. 9).

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Abb. 9: Blick nach Norden auf die Front des oberen Teils des Kachelofens, der aus einem Rosengitterkachelfeld besteht das von zwei Eckkacheln mit Akanthusblattdekor eingerahmt wird (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 10: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des oberen Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine Eckkachel mit Akanthusblattdekor (Philipp Scheitenberger 2018).

An den Kachelofen schließen, westlich und östlich an die Nordwand der Stube angebaut, jeweils ein Kachelofensitz an (Abb. 3). Die Lehne des westlichen Kachelofensitzes besteht aus einer Reihe Blattkacheln, die Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3). Anschließend an die östliche Seite des Kachelofens, befindet sich ein Kachelofensitz, dessen Sockelbereich und Lehne jeweils mit einer Reihe Blattkacheln besetzt ist, die den Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3).

Insgesamt weist der Kachelofen bezogen auf seine Gestaltung ein sehr harmonisch abgestimmtes Entwurfskonzept auf, was beispielsweise anhand der Proportionen, der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Bänder und der durchdachten Kombination verschiedener Kachelgrößen und -schnitte deutlich wird. Daraus ergibt sich eine fassadenartig-architektonisch wirkende und stilistisch im Barock/ Klassizismus verhaftete Ofenarchitektur. Kulturhistorisch interessant sind die beiden Ofensitze, die als Sitzmöglichkeit in der Stube neben dem warmen Kachelofen dienten.

Ofenkacheln-Modeln wurden meist vom Hafner, der häufig gleichzeitig auch Bildhauer war,[6] in Anlehnung an Vorlagen aus Dekor-Musterbüchern angefertigt,[7] meist über einen längeren Zeitraum zur Herstellung von Ofenkacheln benutzt und auch über größere Distanzen gehandelt.[8] Was die Ofenarchitektur anbelangt lassen sich hingegen auch viele andere Ofenbeispiele finden, die einen quaderförmigen Oberbau aufweisen. Aus diesem Grund führt eine kunstgeschichtliche Datierung des Ofens über die Kubatur und Proportionen des Kachelofens nicht unbedingt zu einem richtigen Ergebnis. Zwar verweist die Gestaltung des Kachelofens des Haus Walser hinsichtlich der Größe sowie dem hochrechteckigen Format der Kacheln und der Art der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Kacheln in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, also in die Phase des Hochbarock, und regional nach Tirol,[9] gleichzeitig lässt sich der an der klassischen Antike orientierende Dekor der Kacheln des Ofens eher dem Klassizismus zuordnen, deswegen gestaltet es sich schwierig eine gültige Aussage zur Entstehungszeit und zur regionalen Zuordnung des Ofens treffen, da hierfür eine repräsentative Anzahl von Öfen mit den gleichen Merkmalen als Grundlage für eine gültige Aussage angeführt werden müsste.

Hilfreich für die Datierung und regionale Verortung der Herkunft des Ofens kann jedoch das Hinzuziehen archäologischer Befunde sein. Diese sind im Idealfall aufgrund von Begleitfunden stratigraphisch datiert worden. Eben dieser Umstand trifft auf die Blattkacheln mit Rosengitterdekor zu. Ähnliche Blattkacheln wurden von Beate Schmid in den Jahren 2003 und 2004 im Humpisquartier in Ravensburg ausgegraben.[10] Diese Kacheln mit Rosengitterdekor entsprechen in ihrer Größe von circa 21 cm x 23,5 cm, ihrem hochrechteckigen Format und der Gestaltung ihres Rosengitterdekors weitestgehend den Kacheln des Ofens des Haus Walser.[10] Unterschiede zeigen sich nur darin, dass die einzelnen Segmente des Rosengitterdekors der Ravensburger Kacheln anstatt der Rosenblüten und Rosenblattmotive der Kacheln des Haus Walser, vertikal Verlaufende parallele Rillen aufweisen. Zudem weisen die meisten Kacheln des Kachelofens aus dem Haus Walser ringförmige Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Elementen des Rosengitterdekors auf, was bei den Kacheln aus Ravensburg nicht der Fall ist. Bei einigen Kacheln des Ofens des Haus Walser fehlen diese ringförmigen Verbindungsglieder ebenfalls. Von Harald Rosmanitz werden diese Blattkacheln mit Rosengitterdekor als Tapetenkacheln bezeichnet, die nach seiner fachlichen Einschätzung im 16. Jahrhundert als Kachelart auftauchten und noch bis weit ins 18. Jahrhundert an Öfen verbaut wurden.[11]

Eine weitere Parallele zwischen dem Kachelofen des Haus Walser und den archäologischen Kachelfunden aus dem Humpisquartier in Ravensburg ergibt sich hinsichtlich der mit Putten-Darstellungen versehenen Eckkacheln. Bei den im Humpisquartier in Ravensburg freigelegten Fragmenten dieser Eckkacheln mit Putten-Motiv handelt es sich um exakt die identische Darstellung wie bei denen die am Kachelofen des Haus Walser verbaut wurden. Zudem weisen die Putten-Eckkacheln aus Ravensburg ebenfalls eine dunkeltürkise Glasurfarbe auf. Harald Rosmanitz datierte diese Kacheln in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.[12] Bei der Ausgrabung im Humpisquartier in Ravensburg traten die Blattkacheln mit Rosengitterdekor mit den Fragmenten der genannten Putten-Kacheln im selben Grabungsschnitt zusammen auf.[13] Ebendiese Blattkacheln mit Tapetendekor wurden auch bei einer Grabung in der Hafnerwerkstatt, Marktstraße 36 in Ravensburg freigelegt, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bewirtschaftet wurde.[14] Anhand der genannten Aspekte zur Datierung des Kachelofens des Haus Walser scheint eine Datierung in das 18. Jahrhundert durchaus plausibel. Auch kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Kacheln des Ofens aus dem Umfeld der genannten ehemaligen Hafnerei stammen, die im Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg angesiedelt war.[15]

Endnoten

[1] Ähnliche Kacheln wurden auch in einem Gebäude in Ravensburg gefunden. Vgl.: Mück, Susanne, Schmidt, Erhard: Ofenkachelmodel aus dem Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 18. Stuttgart 1989, S. 133.

In Raum 2.05 des Haus Walser wurden Ofenkacheln gefunden, die ehemals am Kachelofen der Stube in Raum 1.03 verbaut waren, und an denen man deren technische Ausführung nachvollziehen kann.

[2] Vergleiche hierzu die Abbildunge eines Ofens mit Irdenaufsatz, der in das Jahr 1767 datiert und aus dem Pfarrhof in Paiting in Reichersdorf stammt. Der Unterbau des Kombinationsofens besteht aus vier quadratischen gusseisernen Ofenplatten. Vgl. Lehnemann, Wingolf (Hrsg.): Eisenöfen. Entwicklung, Form, Technik. München 1984, S. 94, Abb. 83.

[3] Kacheln mit ebensolchen Putten-Darstellungen wurden von Harald Rosmanitz als Allegorien des Frühlings gedeutet. Vgl. Schmid, Beate: Bauarchäologie im Ravensburger Humpisquartier, Stuttgart 2009, S. 89.

[4] Vgl.: Blümel, Fritz: Deutsche Öfen. Der Kunstofen von 1480 bis 1910. Kachel- und Eisenöfen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. München 1965, S. 249f.

[5] Vergleiche hierzu die Abbildung eines Kachelofens, der in die Zeit um 1700 datiert wird mit Putteneckkacheln, die am Unter- und Oberbau jeweils an den vorderen Ecken angebracht wurden, und mit ihrem Körper nach außen ausgerichtet sind. Vgl. Gebhard, Torsten (Hrsg.): Kachelöfen. Mittelpunkt häuslichen Lebens. Entwicklung Form Technik. München 1980, S. 107, Abb. 135.

[6] Vgl.: Franz, Rosemarie: Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. Graz 1981, S. 36f.

[7] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132 f.

[8] Vgl.: Ebd., S. 137.

[9] Vgl.: Blümel 1965, S. 90f; S. 251.

[8] Schmid 2009, S. 89.

[10] Vgl.: Rosmanitz, Harald: Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Bedal, Albrecht; Fehle, Isabella (Hrsg.): HausGeschichten. Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Sigmaringen 1994, S. 161-163.

[11] Vgl.: Schmid 2009, S. 89.; Tafel 22, Nr. 312.

[12] Vgl.: Ebd. Tafel 29, Nr. 310.

[13] Vgl.: Ebd. S. 89.

[14] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132-137.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 13.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Vollständiges Faerbe- und Blaichbuch mit handgeschriebenem Färberezept gefunden

In einer Kammer im Obergeschoss des Haus Walser wurde das Fachbuch „Vollständiges Färbe- und Bleichbuch; Band VI“ gefunden, das 1795 in Ulm publiziert wurde und für die Intention der Färberfamilie Walser steht, sich in ihrem Handwerk im Hinblick auf den Fortschritt der Färbetechniken zeitgemäß fortzubilden.

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Abb. 1: Titelblatt des im Haus Walser aufgefundenen Färbebuchs (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein in diesem Buch eingelegtes Buchzeichen, ist mit einer Notiz zur Herstellung von „roth farb eßig“ versehen, und markiert im Buch einen Abschnitt, der für die Ausübung der Färberei, und die hierfür angewandten Techniken wohl bedeutend war.

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Abb. 2: Marmorierter Einband des gefundenen Färbebuches (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Das auf dem Notizzettel angeführte Farbrezept dient zur Herstellung einer roten Farbbeize für die Zeugfärberei. Auf dem Buchzeichen finden sich zudem rote Farbflecken, bei denen es sich vermutlich um Reste dieser roten Farbbeize handeln könnte, die beim Anmischen des Rezepts auf den Zettel getropft sind.

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Abb. 3: Im Buch aufgefundener Notizzettel mit einem Rezept zur Herstellung eines roten Farb-Essig für die Zeugfärberei (Fotos: Philipp Scheitenberger 2016).

 

Transkription des Farbrezeptes

Roth Farb Eßig

Auf ein Maß Wasser

1 lot alaun ½ Loth Rothen [Chromalaun]

½ lot weißen [Kalialaun]

4 lot arsenik Rothen [Arsen(II)-Sulfid]

4 lot bleizuchten [Bleioxid]

4 lot Salmiak [Ammoniumchlorid]

2 lot Soda [Natriumcarbonat]

1 lot Scheidwasser [Salpetersäure] mit

Salmiack abgezogen

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 29.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Eine klassizistische Wandmalerei in einer Kammer des Haus Walser

Im Rahmen der Durchführung von Tapetenöffnungen wurden an den Wänden eines Raumes im Obergeschoss des Hauses Walser Befunde zu einer auf die Vertäfelung aufgemalten klassizistischen Raumfassung entdeckt (Abb. 1). In der Südwestecke dieser Kammer wurde im Rahmen der Kontrolle eines Feuchteschadens ein größeres Stück der Tapete abgerollt, und ein Teilbereich der klassizistischen Innenraumausmalung freigelegt (Abb. 2).

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Abb. 1: Tapetenöffnung an der Westwand einer Nebenkammer im Obergeschoss des Haus Walser (Foto: Scheitenberger 2015).

Hier konnte der gestalterische Aufbau der Malerei genauer nachvollzogen werden. Die Malerei wurde auf einem hellblauen Hintergrundanstrich aufgebracht und setzt sich zusammen aus einem rings um alle Wände laufende Rapport aus Buchsgirlanden, die an goldenen Ringen aufgehängt sind, an welche oberhalb Flatterbänder geknotet sind (Abb. 2). Zudem waren an den goldenen Ringen noch vertikal verlaufende an Buchszweigen fixierte Gehänge angebracht, die vermutlich auf Abdeckleisten aufgemalt waren, die über den Stoßfugen der Bretter der Wandvertäfelung angebracht waren (Abb. 2). Am tiefsten Punkt der Buchsgirlanden befindet sich jeweils ein hieran aufgehängtes Blumenbouquet bestehend aus zwei rosafarbenen Rosenblüten und einer dazwischen angebrachten Kornblumenblüte (Abb. 2).

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Abb. 2: Im Bereich eines Feuchteschadens wurde die Tapete an der Südwand abgerollt und darunter ein größeres Stück der klassizistischen Wandmalerei aufgedeckt (Foto: Philipp Scheitenberger 2015).

Kunsttechnologisch handelte es sich bei dieser Innenraumausmalung um eine als Kalkfarbenmalerei ausgeführte Wandmalerei (Abb. 2). Vermutlich wurde der Kalkfarbe als Bindemittel zur besseren Haftung auf dem Maluntergrund Holz Casein zugegeben, somit handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Kalk-Casein-Malerei. Als Pigmente wurden hier mit großer Sicherheit mineralische Pigmente verwendet, die kalkecht sind, das heißt in ihrem chemischen Aufbau vom basischen Kalk nicht angegriffen werden und somit nicht ihre Farbe verlieren oder verändern.

Die Malerei erhält ihre plastische Wirkung durch die Verwendung von Grundfarbtönen sowie eines dunkleren Farbtons als Schatten und eines helleren Farbtons als Lichter, was beispielsweise anhand der Ausführung der Buchsgirlanden nachvollzogen werden kann (Abb. 1). Insgesamt handelt es sich bei der Wandmalerei, um eine händisch aufgebrachte und durchaus handwerklich wertige Arbeit.

Eine klassizistische Datierung dieser Innenraumausmalung lässt sich anhand eines überlieferten Fotos begründen, das die Gestaltung eines Konzertsaals im zerstörten Berliner Stadtschloss zeigt, wo sich ebenfalls ringsum die Wände im Rapport verlaufende Girlanden als Raumdekor befanden, sowie Flatterbänder und Blumenbouquets als Gestaltungselemente verwendet wurden. Diese Innenraumgestaltung des Konzertsaals des Berliner Stadtschlosses geht auf einen Entwurf des Jahres 1790 zurück,[1] somit könnte für die klassizistische Innenraumausmalung in dem Raum im Obergeschoss des Hauses Walser ebenfalls eine Entstehungszeit um 1800 angenommen werden.            Diese klassizistische Datierung wird auch belegt durch die aus an Ringen aufgehängten Rosenbouquets zusammengesetzte Oberflächengestaltung eines Schranks, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Werkstatt des Kunsttischlers David Roentgen entstand.[2]

Bei dieser klassizistischen Raumausmalung in einem Raum im Obergeschoss des Hauses Walser handelt es sich um einen seltenen Befund ländlich-klassizistischer Gebäudeausstattung, der im Kontext mit weiteren Objekten und Ausstattungsteilen der Nutzungsphase des Gebäudes in der Zeit um 1800 betrachtet werden muss.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde diese Wandmalerei von Vertretern der Familie Walser ausgeführt, die in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben der Färberei im Haus auch der Fassmalerkunst nachgingen.

Endnoten

[1] Vgl.: Himmelheber, Georg (Hrsg.): Die Kunst des deutschen Möbels. Dritter Band. Klassizismus/Historismus/Jugendstil. München 1973, S. 49ff.

[2] Vgl.: Ebd., Abb. 16.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 22.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Fund einer frühen Ausgabe von Friedrich Schillers Drama „Don Karlos“ im Haus Walser

Ein Buch das im Kontext der klassizistischen Ausbauphase des Hauses Walser betrachtet werden könnte, wurde in einer Abstellkammer im Obergeschoss des Gebäudes gefund-en (Abb. 1 und Abb. 3).

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Abb. 1: Eine Ausgabe des von Friedrich Schiller verfassten Dramas „Don Karlos“, die im Haus Walser gefunden wurde, der Einband und die erste Seite des Buches fehlen (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Es handelt sich dabei um das Drama „Don Karlos; Infant von Spanien“, das von Friedrich Schiller im Zeitraum 1783 bis 1787 verfasst und 1787 in Hamburg uraufgeführt wurde. Das Drama behandelt familiär-soziale Intrigen am Hof von König Philipp II. in der Zeit des Spanisch-Niederländischen Krieges, der von 1568 bis 1648 dauerte.[1]

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Abb. 2: Das gefundene Buch-Exemplar von Schillers Drama „Don Karlos“ befindet sich in einem schlechten Erhaltungszustand (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Dem im Haus Walser aufgefundenen Exemplar dieses Werkes von Schiller fehlen jedoch der Einband und mindestens die erste Seite, somit konnten anhand des Buches keine Angaben zum Publikationsjahr der vorliegenden Ausgabe gewonnen werden, jedoch scheint eine Datierung in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, was die Art der Ausführung des verwendeten Papiers, die Art des Drucksatz und die verwendete Schriftart anbelangt, naheliegend zu sein.

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Abb. 3: Seite des Buch-Exemplars von Schillers Drama „Don Karlos“ auf der der Titel des Werkes abgedruckt ist (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Somit könnte es durchaus sein, dass der Färbergeselle Xaver Walser in der Zeit um 1800 auf seiner Wanderschaft durch Österreich, Ungarn, die Slowakei, Böhmen, Mähren und Bayern in den Kontakt mit der Literatur der Weimarer Klassik kam, und der Eingang dieser Schiller-Literatur in den Bestand des Haus Walser auf ihn zurückzuführen ist.

Endnoten

[1] Vgl. Reinhardt, Hartmut: Don Karlos. In: Koopmann, Helmut (Hrsg.): Schiller-Handbuch. Stuttgart 2011, S. 399–415.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 22.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Fund von zwei Ölbildern mit Darstellungen des Russlandfeldzugs Napoleons 1812 im Haus Walser

In einer alten Reisetasche wurden auf dem Dachboden des Haus Walser zwei auf Pappe gemalte Ölbilder mit Motiven des gescheiterten Russlandfeldzugs Napoleon Bonapartes im Jahr 1812 gefunden (Abb. 1).[1]

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Abb. 1: In dieser Reisetasche wurden die beiden Ölbilder mit Darstellungen des Napoleonischen Russlandfeldzuges gefunden (Scheitenberger 2016).

Das erste Bild zeigt im Hintergrund Soldaten der abgekämpften französischen Grande Armee, die in ihre dünnen Uniform-Mäntel gehüllt sind (Abb. 2). Dieses Bild stellt den Russlandfeldzug bereits in der fortgeschrittenen Phase des Scheiterns während des Rückzugs der Truppen im Winter dar. Napoleon Bonaparte ist im Bild mittig bei den Soldaten stehend, in Begleitung einer Gruppe von Offizieren dargestellt. Seine linke Hand steckt typischerweise in seinem Mantel. Vor ihm im Schnee liegen verwundete Soldaten, die symbolisch für die hohen Truppenverluste des Russlandfeldzuges auf seiten der Grande Armée und ihrer verbündeten stehen.

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Abb. 2: Ölbild mit Darstellung Napoelons mit seiner Grande Armée beim Rückzug aus Russland 1812 (Scheitenberger 2016).

Auf dem anderen Bild ist ein Musketier der Grande Armée dargestellt, der als vermutlich letzter Soldat eine Stellung auf einem Friedhof hält (Abb. 3). Wahrscheinlich handelt es sich bei den Grabstellen auf dem Friedhof auf dem er sich befindet, um die Gräber seiner bereits gefallenen Kameraden. Im Hintergrund links im Bild brennt eine vermutlich russische Stadt, was als Motiv eventuell auf die Kriegstaktik der verbrannten Erde hindeuten soll, die von der russischen Militärführung teilweise im Kampf gegen Napoleons Truppen angewendet wurde. Es könnte hierbei der von russischer Seite nach der Schlacht von Borodino absichtlich herbeigeführte Brand von Moskau dargestellt worden sein, jedoch ereignete sich dieser nicht im Winter, sondern im Herbst.[2] Rechts und links im Bild sind zu Pferd angreifende russische Kosaken abgebildet, welche die Stellung des Musketiers bedrängen. Voraussichtlich wird die Stellung des Soldaten in Kürze von Ihnen eingenommen werden wird.

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Abb. 3: Ölbild mit Darstellung eines Musketiers der Grande Armée, der eine Stellung gegen zu Pferd anrückende Kosaken hält (Scheitenberger 2016).

Es handelt sich bei dem Sujet der beiden Ölbilder um populäre naive Malerei. In freier erzählerischer Art werden die wichtigsten Ereignisse bzw. Umstände des gescheiterten Russlandfeldzugs Napoleons bildlich neben einander gestellt. Entstanden sind die Bilder vermutlich in den Jahren nach dem Russlandfeldzug als Form der Verarbeitung dieses einschneidenden gesellschaftlichen Ereignisses. Die Napoleonischen Kriege mit ihren negativen Folgen für die Bevölkerung prägten die Menschen des 19. Jahrhunderts tief. Ein malerischer Ausdruck hierfür und für die zeitgeschichtliche Tragweite des gescheiterten Russlandfeldzuges wird in diesen beiden Ölbildern deutlich.

Da der Kunstmaler Alois Walser der Bruder des Färbermeisters Xaver Walser, der 1806 die Färberei Walser übernahm, zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte, also Zeitgenosse des Russlandfeldzugs war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die beiden Ölbilder eventuell von ihm gemalt wurden.

Als zeitgeschichtliches Zeugnisse können uns die beiden Ölbildern von den Gefühlen und Gedanken der Menschen berichten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Allgäu-Oberschwaben lebten.

Endnoten

[1] Vgl.: Furrer, Daniel: Soldatenleben: Napoleons Russlandfeldzug 1812. Zürich 2012.

[2] Vgl.: Ebd., S. 197-210.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 16.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

 

Zerfallende niederländische Kolonialarchitektur in Cirebon, Java, Indonesien

Im Rahmen der Teilnahme an einer Exkursion der Professur für Islamwissenschaften an der Universität Bamberg wurde 2012 auch in der Stadt Cirebon haltgemacht.

Hier zeigen sich im Stadtbild noch die verfallenden Überbleibsel der holländischen Kolonialarchitektur. Die ruinösen Gebäude stammen vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um verputzte Backsteinbauten, die ein Satteldach mit Ziegeldeckung besitzen.

Seit 1600 war Indonesien unter dem Einfluss der niederländischen Ostindien-Kompanie. Im 19. Jahrhundert wurden Teile Indonesiens niederländische Kolonie. 1949 erlangte Indonesien seine staatliche Souveränität.

Die in sich zusammenfallenden niederländischen Kolonialgebäude können auch als plakatives Symbol für das bald 70jährige Ende der holländischen Kolonialherrschaft auf Java betrachtet werden.

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Zerfallende Überbleibsel niederländischer Kolonialarchitektur in der Stadt Cirebon auf der insel Java in Indonesien.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 17.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

 

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Denkmalfoto: Die verfallene Brunnenau-Alpe am Hochgrat

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Blick nach Osten auf den Pfad entlang des Rückens des Hochgrats in Richtung Rindalphorn beim Abstieg zur Brunnenscharte.

Wenn man entlang des Grats vom Gipfel des Hochgrats aus die Nagelfluhkette der Allgäuer Alpen entlang, in Richtung Osten zum Rindalphorn wandert, gelangt man in der Senke zwischen beiden Bergen zur Brunnenscharte, die über mit Stahlseilen gesicherten Steigen eine Möglichkeit zum Abstieg ins Tal bietet.

Auf dem Weg zur Talstation der Hochgratbergbahn stößt man hierbei auch auf die Relikte der verfallenen Brunnenau-Alpe, die vermutlich aufgrund der von Felsstürzen geprägten Lage aufgegeben wurde und mit der Zeit verfiel.

Es ist zwar nicht bekannt, ob es sich bei der Ruine, um ein eingetragenes Denkmal handelt, jedoch handelt es sich um ein historisches Artefakt der Almwirtschaft am Hochgrat.

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Blick nach Südwesten auf die Überreste der verfallenen Brunnenau-Alpe unterhalb der Brunnenscharte, nordöstlich am Fuß des Hochgrats in der Nagelfluhkette der Allgäuer Alpen.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 16.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

 

Fund von drei alten Rebstöcken in historischer Weinlage am Oberen Kaulberg in Bamberg

Im Herbst/Winter 2014 wurde ich das erste mal auf drei Rebstöcke aufmerksam, die auf einem seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Obstwiese genutzten Hanggrundstück am Oberen Kaulberg wachsen. Im Rahmen eines Seminars an der Otto-Friedrich-Universität, Bamberg, das von dem Leiter des Bamberger Gärtner- und Häckermuseum Hubertus Habel abgehalten wurde, unternahmen wir eine Exkursion auf dieses in Richtung Südosten gelegene Hanggrundstück. Bei meinen Recherchen hatte sich herausgestellt, dass es sich hierbei um einen Teil der ehemaligen Weinlage Essigkrug handelte, die bereits auf dem Zweidler Plan des Bamberger Stadtgebietes aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts abgebildet wurde. Die heutige Lage dieser ehemaligen Weinbaufläche lässt sich östlich des Laurenziplatzes zum Oberen Stephansberg hin ausmachen. Im Sommer 2015 schickte ich dann von allen drei Rebstöcken Pflanzenproben an das Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof (Abb. 1), um diese genetisch bestimmen zu lassen. Zudem führte der Rebenforscher Andreas Jung anhand von Fotos eine ampelographische Bestimmung der Reben durch.

Abb 1
Abb. 1: Pflanzenproben des dritten Fundrebstocks vom Oberen Kaulberg, bei dem es sich um die historische europäische Rebsorte handelt, die zur genetischen Untersuchung abgezwickt wurden (Philipp Scheitenberger 2015).

Es stellte sich bei der genetischen Untersuchung heraus, dass es sich bei den Reben um zwei amerikanische Sorten (vitis labrusca) und eine europäische Weißweinrebe (vitis vinifera) handelte. Letztere wurde bereits seit dem Mittelalter vorallem im Mittelmeerraum im Weinbau genutzt. Somit gelang mit der Identifizierung dieser historischen Rebsorte auf der ehemaligen Weinlage Essigkrug der erste Nachweis einer lokalen Weinrebensorte, die von den Bamberger Häckern höchstwahrscheinlich einst zur Tafel- und Weintraubenproduktion kultiviert wurde. Bei den Bamberger Häckern handelt es sich ursprünglich um Weinbauern, deren Tätigkeit in Bamberg anhand der historischen Quellen bereits für das Mittelalter nachgewiesen werden kann.(1) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte sich in Bamberg ein wirtschaftlicher Wandel vom Wein- zum Hopfenbau ein.(1) Ab der Zeit um 1900 wurde der Hopfenanbau dort jedoch vom Obstbau verdrängt.(1) Das Hanggrundstück auf welchem die Reben gefunden wurden, durchlief in seiner Nutzung genau diesen Wandel vom Weinbau zum Obstbau. Es ist besonders erstaunlich, dass sich trotzdem die drei alten Rebstöcke am Oberen Kaulberg bis heute erhalten haben.

Die beiden amerikanischen Fundreben, die ca. ein Alter von 100 bis 120 Jahren aufweisen, sind sehr verwildert. Sie haben ihren Standort in der Nähe eines historischen Gartenpavillons, der aus der Zeit zwischen Ende 19. Jahrhundert und Beginn 20. jahrhundert stammt, und ranken entsprechend ihres natürlichen Wachstumsverhaltens im Wald in einen großen Walnussbaum und eine hohe Tanne hinein (Abb. 2, Abb. 3 und Abb. 4). Das Wachstum der amerikanischen Reben ist deutlich stärker als das der europäischen Fundrebe, deswegen hat die Rebe mit Standort Gartenpavillon in den vergangenen Jahrzehneten einen deutlichen dickeren Stock ausgebildet (Abb. 3).

Abb 2
Abb. 2: Die amerikanische Fundrebe, die ursprünglich direkt an einen Gartenpavillon gepflanzt worden war, und inzwischen in einen Walnussbaum wächst (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 3
Abb. 3: Der immense Stock der amerikanischen Rebe, die am Gartenpavillon ihren Standort hat, und in den Walnussbaum wächst (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 4
Abb. 4: Ranke einer amerikanischen Fundrebe, die in einen hohen Tannenbaum gewachsen ist (Philipp Scheitenberger 2015).

Das Vorhandensein dieser alten amerikanischen Reben spiegelt mit großer Sicherheit die Folgen der Reblauskatastrophe in Bamberg wieder. Aufgrund des massiven Auftretens der aus Amerika nach Europa eingeschleppten Reblaus wurde im 19. Jahrhundert ein Großteil der wurzelecht gepflanzten europäischen Rebenbestände zerstört. Ersatz fand man im Weinbau einerseits in den exportierten amerikanischen Reben oder durch das Aufpfropfen europäischer Rebsorten auf amerikanische Unterlagsreben. Die amerikanischen Rebsorten sind gegen den Reblausbefall weitestgehend resistent. Da die Reblaus im Bereich des Wurzelansatzes der Reben an den Stöcken Pflanzensaft saugt, konnte die Variante der Veredlung der amerikanischen Unterlagsreben mit europäischen Reben praktischerweise erfolgreich druchgeführt werden.  Somit lässt sich anhand des historischen Rebenbestandes am Oberen Kaulbergs diese durch die Reblauskatastrophe ausgelöste Umbruchsphase in der Rebenkultivierung in Bamberg veranschaulichen.

Die historische europäische Rebsorte, die am Oberen Kaulberg gefunden wurde, besitzt laut Schätzung von Andreas Jung ein ungefähres Alter von 150 bis 200 Jahren, und könnte somit höchstwahrscheinlich noch aus der Zeit der weinbaulichen Nutzung dieses Hanggrundstückes stammen. Diese Weißweinrebe wurde ebenfalls in stark verwildertem Zustand in der Nähe der Hangoberkante in Richtung Würzburgerstraße aufgefunden. Die Rebe war im Verlauf der Zeit in die Baumkrone eines ca. 80 Jahre alten Apfelbaums gewachsen, den sie inzwischen mit ihren Blättern vegetativ einhüllt (Abb. 5).

Abb 5
Abb. 5: Die historische europäische Weißweinrebe, die am Oberen Kaulberg in Bamberg gefunden wurde. Sie durchwuchert einen alten Apfelbaum. Die Laubfläche beträgt ca. 10 bis 12 qm (Philipp Scheitenberger 2015).

Der Stockdurchmesser der Rebe beträgt ca. 15 cm (Abb. 6). Aufgrund der wurzelechten Pflanzung der Rebe wächst diese insgesamt langsamer als beispielsweise auf amerikanische Unterlagsreben gepfropfte europäische Reben.

Abb 6
Abb. 6: Der Stock der europäischen Rebe im Übergang zu zum Wurzelbereich. Der Durchmesser beträgt ca. 15 cm (Philipp Scheitenberger 2015).

Der Rebstock ist sehr fruchtbar und bildet jedes Jahr unzählige Traubenstände aus (Abb. 7). Da es sich bei der Rebsorte um eine spät austreibende und früh reifende Varietät handelt, eignet sie sich für den Anbau in Weinlagen, die ein kühleres Klima aufweisen als die eigentlich für den fränkischen Weinbau typischen wärmeren Lagen entlang des Mains und im Steigerwald etc.. Im Herbst färbt sich das Laub des Rebstocks gelb. Im reifen Zustand schmecken die Weißweintrauben des Stockes süß-säuerlich und sehr erfrischend. Verwertet habe ich sie selbst schon als Tafelobst oder zum Einkochen von Traubengelee aus dem gepressten Saft der Trauben (Abb. 8). Wenn die Trauben nicht komplett ausgereift sind haben sie einen vergleichsweise eher sauren Geschmack. Da der Hang an dem der Rebstock wächst in Richtung Osten liegt, handelt es sich nicht um eine weinbauliche Gunstlage, was bedeutet, dass die Trauben eher später reifen als an einem Südhang. Eventuell heißt daher die Weinlage, die sich einst an diesem Osthang des Kaulbergs befand Essigkrug. Eine auf die Produktion von Essig ausgerichtete weinbauliche Bewirtschaftung dieses Hanges in historischer Zeit mit der Fundrebsorte kann somit prinzipiell auch in Betracht gezogen werden.

Abb 7
Abb. 7: Unreife Trauben des historischen Weißweinrebstocks vom Oberen Kaulberg (Philipp Scheitenberger 2015).
Abb 9
Abb. 8: Das im Herbst 2016 aus den Trauben des Weißweinrebstocks hergestellte Traubengelee, das erfrischend süß-säuerlich schmeckt (Philipp Scheitenberger 2015).

Aufgrund des Umstandes, dass es wichtig ist das rebgenetische Erbe Bambergs zu erhalten und ich von Herbst 2015 bis Sommer 2016 ein Praktikum im Gärtner- und Häckermuseum absolvierte, beschloss ich im Winter 2016 Edelreis von dem Fundrebstock zu gewinnen, um eine Rebschule mit der Erzeugung von 40 Pfropfreben zu beauftragen. Im Juli 2016 konnten die Pfropfreben aus der Rebschule abgeholt werden, und zwei der Rebstöcke wurden dem Gärtner- und Häckermuseum in Bamberg zur Pflanzung im Museumsgarten übergeben (Abb. 9).

Abb 8
Abb. 9: Eine der im Jahr 2016 nachgezüchteten Pfropfreben des europäischen Weißweinrebstocks vom Oberen Kaulberg in einem Privatgarten in Bamberg im Juni 2017 (Philipp Scheitenberger 2017).

Im Rahmen mehrer Wanderungen im Regnitztal und auf der Friesener Warte bei Hirschaid im Jahr 2016 konnten im vergangenen Jahr zudem in Seigendorf und Hochstall verschiedene alte Hausrebenstöcke entdeckt werden, bei denen es sich ebenfalls um die gleiche europäische Weißweinrebsorte wie die am Oberen Kaulberg aufgefundene handelt (Abb. 10, Abb. 11 und Abb. 12).

Abb 10
Abb. 10: Fundrebe in der Ortschaft Hochstall in der Nähe der Friesener Warte bei Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).
Abb 11_2
Abb. 11: Detailansicht Fundrebe in der Ortschaft Hochstall in der Nähe der Friesener Warte bei Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).
Rebstock in Seigendorf Oberfranken 2
Abb. 12: Fundrebe an einem unbewohnten alten Haus in der Ortschaft Seigendorf (Philipp Scheitenberger 2016).

Die beiden Fundrebstöcke in Hochstall und Seigendorf scheinen beide ein Alter von 150 bis 200 Jahren aufzweisen. Anhand dem Nachweis dieser historischen Weißweinrebsorte als Hausreben in Hochstall und Seigendorf stellt sich die Frage nach den kulturgeschichtlichen Zusammenhängen zwischen der wahrscheinlichen Nutzung der Rebe in Bamberg für den Weinbau und der Nutzung der Rebe als Hausrebe im Regnitztal sowie am Rand der fränkischen Schweiz. Alle drei Rebstöcke weisen ein ähnliches Alter von 150  bis 200 Jahren auf, somit könnte es durchaus sein, dass im 19. Jahrundert die Bauern, an deren nun leerstehenden Gehöften die Reben in Hochstall und Seigendorf gedeihen, die Rebstöcke  im nächtgelegenen Weinbauort erworben haben könnten. Und das wäre in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sicherlich noch die Stadt Bamberg gewesen. An diesen durch Feldforschung erbrachten Schlussfolgerungen und Denkanstöße zum historischen Weinbau in Bamberg und der Hausrebenkultivierung im „Bamberger Umland“ zeigt sich einerseits, dass die Kulturgeschichte Bambergs und sein kulturelles Erbe trotz seit Jahrzehnten aktiv forschender „Denkmalpfleger“, „Volkskundler“, Kunstgeschichtler und Bauforscher etc. noch nicht gänzlich entschlüsselt ist. Andererseits ergibt sich durch die hiermit aufgezeigten als sehr wahrscheinlich anzunehmenden kulturgeschichtlichen Bezüge zwischen Bamberg und seinem Umland ein Forschungsansatz, der wegrückt von einem wissenschaftlichen Fokus, der zu sehr auf die Stadt Bamberg ausgerichtet ist, und sich auch häufig vielleicht auch im Übermaß nutzbar macht für Bamberg als touristische Attraktion. In Zukunft sollten solche räumlich-historischen Wechselbezüge zwischen Bamberger Stadt und Land intensiver in den Blick genommen werden, um damit zum einen auch für das Bamberger Umland einen kulturhistorischen Mehrwert zu erschließen, der sich in der Auszeichnung Bambergs als Weltkulturerbe und seiner hohen touristischen Frequentierung zeigt sowie zum anderen um die sich daraus erweiternde Komplexität der historischen Hintergründe und Bedingungen des Bamberger Weltkulturerbes offenzulegen, und auch zunächst weniger prominent erscheinenden Forschungsthemen und Aspekte zu ergründen. Mit diesem Artikel soll hierzu ein Beitrag geleistet werden.

(1) Habel, Hubertus: Das Gärtner- und Häckermuseum in Bamberg, in: Frankenland, 66/2014/3, S. 33.

Autor: Philipp Scheitenberger

23.06.2017

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Falls Sie gerne nähere Informationen zu den Fundreben hätten, können Sie sich gerne mit dem Autor in Verbindung setzen.