Dr. Hermann Scharpf kritisiert den Abriss eines historischen Bauernhofes in Christazhofen

„Hofschlachtung“ in Christazhofen

Leserbrief

Als ich an Allerheiligen durch Christazhofen fuhr, fiel mir ein stattliches, weitgehend originales altes Bauernhaus auf. Die Fassade trug eine schöne alte Schuppenhaut aus Rundschindeln, die in gewissen Abständen durch Friese mit lorbeerblattförmigen Schindeln gegliedert war. Hübsche Dreiecksgiebel zierten einst die Sprossenfenster, zusammen mit den Läden, deren Abdrücke man noch an der Wand sah. Auf der Wetterseite schützte ein Fassadenvorsprung die Wand der unteren Geschosse.

In den Dachtrauf war ein großes Loch geschnitten worden, wohl um später mit der Baggerschaufel das Haus zu filetieren. Das sichtbare Zeichen der unmittelbar bevorstehenden Zerstörung löste in mir eine tiefe Betroffenheit aus! Wenn ein altes Haus beseitigt wird, ist es wie wenn ein Freund oder eine Mutter stirbt! Über Generationen hinweg bot es den Bewohnern Schutz, Geborgenheit und Existenzerwerb. Solche Häuser wurden von ihren Erbauern mit unendlich viel Fleiß, handwerklichem Können und Schönheitssinn geschaffen. Jedes dieser Gebäude aus der vorindustriellen Zeit besitzt, weil von Hand gemacht, einen individuellen Charakter, ist eine eigenständige und unverwechselbare Persönlichkeit!

In Proportion und verfügbaren Baustoffen waren die alten Gebäude meist perfekt an die Umgebung und die dort gewachsene Tradition angepasst. Ihr Ersatz durch gesichts- und geschichtslose, oft wie Fremdkörper wirkende nüchterne Zweckbauten vom Fließband entreißt den Landschaften ihre prägenden Elemente. Die Dörfer verlieren neben ihrem optischen Zusammenhalt auch die Wärme und Sinnlichkeit, die ihre alten handgefertigten Gebäude verströmten! Die bisher gewohnte „Heimat“ bekommt eine städtische, unpersönliche und künstliche Prägung.

Man sieht nur noch selten historische Häuser in ihrer originalen Schönheit. Unzählige wurden und werden gerade auch jetzt abgerissen oder durch unsensible Eingriffe, die der „Modernisierung“ dienen sollen, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt! Sie sind, oft aus Gewinnstreben, Opfer unserer Wegwerfmentalität und Überflußgesellschaft. Wenn diese besorgniserregende Entwicklung in solch rasantem Tempo weitergeht, werden wir die architektonischen Schmuckstücke früherer Zeit bald nur noch in Museumsdörfern bestaunen können!

Ich kenne die Beweggründe für den Abriß des Hauses in Christazhofen nicht. Vielleicht gab es ja triftige Gründe. Meistens hört man in solchen Fällen das Argument: „Ist baufällig, kann nicht mehr saniert werden, ist nicht zeitgemäß, muß weg, das alte Glump!“ Ich wohne selber seit Jahrzehnten in einem alten Bauernhaus, das man vielleicht mit den gleichen Argumenten beseitigt hätte, wenn es nicht in meine Obhut gekommen wäre. Mein Haus ist für mich ein beseeltes Lebewesen, das Freude und Leid der bisherigen Bewohner speichert und erzählt!

Es ist allerhöchste Zeit, daß sich, nicht nur in Christazhofen, die Bürgermeister, Gemeinderäte, Hausbesitzer und Architekten der hohen Verantwortung bewußt werden, die sie für den Erhalt der historischen Bauten und damit für unser kulturelles Erbe tragen!

Dr. Hermann Scharpf

Isny 4. Nov. 2016