Vortrag am 11.10.2019: „Die historische Weinlage am Bamberger Kaulberg und Hausreben im Regnitztal; Resultate einer Feldforschung“

Am 11.10.2019 halte ich im Rahmen Vortargsreihe 2019 des Colloquium Historicum Wirsbergense in Schloss Sassanfahrt den Vortrag „Die historische Weinlage am Bamberger Kaulberg und Hausreben im Regnitztal; Resultate einer Feldforschung.“ Hierbei werde ich zu meinen Rebenfunden auf einer ehemaligen Weinlage am Oberen Kaulberg in Bamberg und an historisch-ländlichen Häusern im Regnitztal referieren.

Text- und Bidrechte liegen beim Autor.

Publiziert: Philipp Scheitenberger am 21.09.2019.

Vortrag am 22.11.2019: „Civil cooperation and lordly regulation of the reconstruction of Kißlegg after the fire of 1704“

Am 22.11.2019 werde ich auf dem Workshop: „HISTORICAL FORMS OF SUSTAINABILITY – MODELS FOR THE FUTURE? Collective Forests and Pastures since 1700 in a European Persepctive“ an der Universität Bern, Schweiz“ den Vortrag „Civil cooperation and lordly regulation of the reconstruction of Kißlegg after the fire of 1704“ halten. Aus den Beiträgen zu dem Workshop sollen Forschungsprojekte entwickelt werden.

Text- und Bildrechte liegen beim Autor.

Publiziert: Philipp Scheitenberger am 21.09.2019.

Vortrag am 16.01.2020: „Haus und historischer Raum: Phänomene und Konstrukte in Allgäu-Oberschwaben“

Im Rahmen des Oberseminars der Professur für Historische Geographie der Otto-Friedrich-Universität, Bamberg werde ich am 16.01.2020 den Vortrag „Haus und historischer Raum: Phänomene und Konstrukte in Allgäu-Oberschwaben“ halten.

Bereits seit Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem historischen Haus als Forschungsgegenstand steht die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Gebäude und Raum im Fokus.

Hieraus resultierende fächerbezogene kulturmorphologische Theorien und Raumkonstrukte werden im Rahmen des Vortrags für den Forschungsraum Allgäu-Oberschwaben wissenschaftsgeschichtlich für den Zeitraum 19. bis 20. Jahrhundert im Kontext aktueller Befunde zum frühneuzeitlichen Hausbau im Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft betrachtet, bewertet und hieraus resultierend Schlussfolgerungen für eine Hausforschung unter historisch-geographischem Blickwinkel abgeleitet.

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Publiziert: Philipp Scheitenberger am 21.09.2019.

Beitragsbild: Ausschnitt aus der „Mapp der Herrschaft Kißlegg“ von 1720, Kunstsammlun der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee, Schloss Waldburg, Foto: Dr. Bernd Mayer.

 

Der Hausgarten Walser in Kißlegg: Bestand, Geschichte und mögliche Zukunft

Gartenkonjunktur auch auf dem Land

Der Garten und Gartenarbeit erfahren seit geraumer Zeit eine große Konjunktur. Deutlich wird dies beispielsweise anhand zahlreicher Beiträge im Fernsehen, unzähligen Illustrierten oder öffentlichkeitswirksam abgehaltenen Blumen- und Gartenschauen zu diesem weitreichenden Themen- und Betätigungsfeld, das neben Urban Gardening, Gemüsebau und historische Gemüsesorten, Nachhaltigkeit, Gartenkunst und -denkmalpflege und vielen mehr auch regional-ländliche Perspektiven auf den Garten beinhaltet.

So ist hierbei für den „provinziellen Raum“ der Bauerngarten vielbemühte Bezeichnung und Kategorie für ländliche Gärten. Der Bauerngarten gehört gemeinhin auch zum Inventar der meisten Freilicht- und Bauernhausmuseen. Unter anderem deshalb erfreut er sich seit längerem großer öffentlicher Bekanntheit und Beliebtheit.

Gründe hierfür sind vielfältig, doch wird dieser Trend hin zum Garten und der Gartenarbeit zumindest im Umfeld des Faches Volkskunde in Verbindung gebracht mit gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, die als „Flucht des Menschen ins Häusliche“ bezeichnet werden und auch als Folge einer zunehmenden Verunsicherung der Menschen in der Nutzung des öffentlichen Raums gedeutet werden. Diese Faktoren sind vielfältiger Natur und sollen an dieser Stelle nicht näher erläutert werden, jedoch führen sie verallgemeinert dazu, dass die Menschen sich wieder mehr dem häuslichen Leben zuwenden, und somit auch den zu den Häusern gehörenden Gärten, Terrassen, Balkonen, Lauben etc.

Im Hintergrund dieser Umstände bietet es sich daher an, beim Blick auf den Hausgarten Walser in Kißlegg, sich dem Thema Bauerngarten bei der Betrachtung des Bestandes, der Geschichte und der möglichen Zukunft des Hausgarten Walser in Kißlegg näher zuzuwenden.

Bauerngarten oder ländlicher Hausgarten

Der Begriff Bauerngarten für ländliche Hausgärten fand seine Verbreitung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Industrialisierung, Landflucht, Umweltverschmutzung, Entfremdung von der ländlichen Lebensumwelt der in die Städte gezogenen einst landsässigen Bevölkerung und einer hieraus resultierenden Überhöhung der zunehmend bedroht wahrgenommenen und auch als verloren erfahrenen ländlichen Heimaten mit ihren sich ebenfalls verändernden sozialen Strukturen wie etwa der Großfamilie und dem Ganzen Haus als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft hin zur bürgerlichen Kleinfamilie, wie es in weiten Bevölkerungsteilen deutschsprachiger Gegenden im Verlauf des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall war.

Eine Zuspitzung dieser bäuerlich-ländlich, überhöhenden teils auch sentimentalen Verwendung des Begriffs Bauerngarten im Verlauf einer Entfremdung der Menschen von ihren ländlichen Lebensumwelten vollzog sich im Rahmen des Erstarkens der zunächst ideologisch vergleichsweise vielschichtigen Heimatschutzbewegungen zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus entwickelte sich schließlich ein stark völkisch konnotiertes Verständnis sowie Rezeption des Bauerngartens, im Rahmen dessen der ländliche Hausgarten als völkisch-ideologiebildender Teil der seit Urzeiten gegebenen Lebensgrundlage der landständischen bäuerlichen Bevölkerung und Basis einer rassisch-räumlich ausgelegten Blut-und-Boden-Ideologie konstruiert und propagiert wurde.

Eine in diesem historischen Kontext und in der heutigen Zeit landauf und landab ob in Bauernhausmuseen, Gartensendungen oder Zeitschriften recht bedenkenlosen Verwendung des Begriffes Bauerngarten nötigt einem daher an dieser Stelle vor den anschließend folgenden Ausführungen zum historischen Hausgarten Walser die Klarstellung ab, dass wir den Begriff Bauerngarten im Kontext seiner historischen Entstehungsbedingungen und Verwendung bewusster verwenden sollten. Zumal es auf dem Land neben den von Bauern angelegten ländlichen Hausgärten mit den Gärten der Taglöhner, der Handwerker, der Wirtsleute und der Pfarrer etc. noch eine beträchtliche Anzahl weiterer Formen gab, die jedoch schwer mit dem Begriff Bauerngarten zu charakterisieren sind. In historischen Quellen werden zudem zumeist bei der Charakterisierung von ländlichen Gärten Begriffe verwendet, die sich auf die jeweilige Nutzung wie etwa Krautgarten, Gemüsegarten, Küchengarten oder ähnliches beziehen. Daher bietet es sich an statt der Bezeichnung Bauerngärten die Begriffe ländlicher Garten oder ländlicher Hausgarten zu benutzen.

Der historische Hausgarten Walser

Von den Einwohnern und Gästen Kißleggs viel bewundert und bestaunt liegt der Hausgarten Walser als Teil des „Gebäudekomplexes Haus Walser“ in der Kirchmoosstraße nördlich hinter der Pfarrkirche St. Gallus-Ulrich nahe am nordwestlichen Ufer des Zellersees.

Abb-1_Hausgarten-Walser
Abb. 1: Blick nach Nordosten auf den historischen Hausgarten Walser in der Kirchmoosstraße in Kißlegg im Allgäu (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Seit geraumer Zeit werden der Garten und das Haus Walser als Teil des Besitzes der Geschwister Walser-Stiftung von der Gemeinde Kißlegg verwaltet und bewirtschaftet.

Bei dem historischen Hausgarten Walser handelt es sich um einen ländlichen Hausgarten aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts. Als Buchsheckenanlage gestaltet wird und wurde der Garten als Nutz- und Ziergarten bewirtschaftet. Zur Gesamtanlage des Hausgartens gehören darüber hinaus noch ein Alpinum, ein Beerengarten sowie diverse Obstbäume und Ziersträucher (Abb. 1). Im Rahmen dieses Beitrages soll hauptsächlich der Buchsheckengarten ins Zentrum der Ausführungen gerückt werden.

Abb-2_Hausgarten-Walser
Abb. 2: Blick von oben in Richtung Westen auf den historischen Hausgarten Walser Anfang Juni (Foto: Philipp Scheitenberger 2015).

2014 wurde der Hausgarten Walser vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg aufgrund seines historischen Überlieferungszustandes und seiner mit dem Haus und der Familie Walser zusammenhängenden Geschichte zum Kulturdenkmal qualifiziert. Das Haus Walser war bereits in den 1990er Jahren zum Denkmal erklärt worden.

Die Satzung der Geschwister Walser-Stiftung sieht den Erhalt von Haus und Garten sowie die Umnutzung als Museum vor. Seit Frühjahr 2014 konnten hierfür von mir wichtige wissenschaftliche Grundlagen und eine umfassende Dokumentation erarbeitet werden. Zuletzt mit dem Abschluss und der Vorlage meiner Masterarbeit „Das Färber- und Fassmalerhaus Walser in Kißlegg; Bewohner, Ausstattung und museale Umnutzung“, die ich am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg 2018 eingereicht hatte.

Überlieferte Anlage, Pflanzenbestand und gartengeschichtliche Einordnung

Die Gartenanlage des Haus Walser befindet sich an einem Hang, der auf 15 m Länge ca. 1,40 m Höhendifferenz aufweist. Der Bodenaufbau dieses Hanges besteht ab 80-90 cm Tiefe unter dem Oberflächenbodenniveau aus lehmig-sandigen Sedimenten mit Holzkohleeinschlüssen, die mit großer Sicherheit als Seekreide zu deuten sind. Der Hang ist ehemaliger Uferbereich des Zellersees gewesen und gehört somit zu seiner Verlandungszone. Darüber befindet sich eine sandig-humose Bodenschicht die ca. 70 cm mächtig ist, und teils durchsetzt mit einer Kulturschicht, die spätmittelalterliche bis frühneuzeitlich datierende Keramik-, Ziegel- und Glasscherben enthält (Abb. 3).

Abb-3_Hausgarten-Walser
Abb. 3: Im Hausgarten Walser gefundene Scherben von Keramikgefäßen, die teilweise in das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit datieren (Foto: Philipp Scheitenberger 2014).

Die zentrale Gartenanlage südlich des Haus Walser besteht aus acht von Buchshecken eingefassten Pflanzfeldern, die jeweils spiegelsymmetrisch entlang eines zentralen von Ost nach West Hang abwärts verlaufenden Weges angelegt sind (Abb. 2). Bei der für die Anlage der Hecken verwendeten Buchsart handelt es sich hauptsächlich um die Varietät Buxus sempervirens `Suffruticosa´ (Abb. 4).

Abb-4_Hausgarten-Walser
Abb. 4: Blick nach Westen auf die geometrisch geschnittenen Kugelbuchse und die Buchshecken, die jeweils aus unterschiedlichen Buchsarten bestehen (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Zur Ausgleichung der Hangneigung zwecks einfacherer Bewirtschaftung und Schaffung von mehr Pflanzfläche wurden die mittleren vier Pflanzfelder der Gartenanlage als Terrassen angelegt (Abb. 5).

Abb-5_Hausgarten-Walser
Abb. 5: Blick nach Südwesten auf den Hausgarten Walser mit seiner Terrassierung im zeitigen Frühjahr (Foto: Philipp Scheitenberger 2014).

Zwischen den einzelnen von Buchshecken eingefassten Pflanzfeldern verlaufen Wege quer zur Hauptachse, die den zentralen Weg kreuzen (Abb. 2). Die acht Pflanzfelder haben eine rechteckige Form (Abb. 2). Die obersten beiden sind streifenförmig.

An der südöstlichen Ecke der ersten beiden oberen südlich gelegenen Pflanzfelder und des untersten südlich gelegenen Pflanzfeldes befinden sich in die Buchshecke integriert je ein kugelförmig geschnittener Buchsbaum (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 4). Bei der hierbei verwendeten Buchsart handelt es sich um Buxus sempervirens `Bullata´ (Abb. 4). Die Buchshecken weisen diverse, von den Wegen abgehende Durchlässe zu den Pflanzfeldern auf (Abb. 2). Die zwei Rondelle der unteren vier Pflanzfelder gehören vermutlich zur frühesten Entwicklungsphase des Gartens, als höchstwahrscheinlich, die beiden obersten streifenförmigen Pflanzfelder noch nicht angelegt waren. (Abb. 2).

Bereits auf einem zwischen 1892 und 1914 entstandenen Foto der Bebauung nördlich der Kißlegger Pfarrkirche ist die oben beschriebene Buchsheckenanlage abgebildet (Abb. 6), jedoch nur mit einem zentralen Rondell. Auf diesem Foto ist auch zu erkennen, dass an der südlichen Seite der Anlage ein Gartenpavillon stand (Abb. 6).

Abb-6_Hausgarten-Walser
Abb. 6: Ausschnitt aus einem zwischen 1892 und 1914 entstandenen Foto, dass den Hausgarten Walser mit bereits bestehender Buchsheckenanlage zeigt (Foto: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

Im Testament des Xaver Walser II. als letztem Färbermeister im Haus und seiner Ehefrau Maria Anna Sigg aus dem Jahr 1887 wird bereits ein Gemüsegarten in direkter Nähe des Haus Walser genannt, dessen Bewirtschaftung im Rahmen zukünftiger Erbfolge in dem Dokument geregelt wurde. Im Jahr 1845 wird die Parzelle auf der heute der Hausgarten Walser liegt in der Vermögensübergabe von Xaver Walser I. noch als Gras- und Baumgarten bezeichnet. Somit muss die heutige Anlage zwischen 1845 und 1887 entstanden sein.

Xaver Walser II. war bereits in den 1860er Jahren vermutlich aufgrund des Niedergangs der handwerklichen Textilproduktion und -veredelung in Allgäu-Oberschwaben im Verlauf der Industrialisierung dieses Gewerbes hoch verschuldet. Er verkaufte 1869 aus diesem Grund bis auf die Liegenschaft um das Haus Walser alles Land und Gärten die ihm gehörten. Einen Teil des Geldes investierte er im selben Jahr in den Umbau des westlichen, ursprünglich als Scheune genutzten, Teils des Haus Walser, wo er als Mitgift für seine Tochter Veronika Walser und ihren Verlobten Wilhelm Angele Nagelschmiede und Wohnung einrichtete. Aufgrund des Wegfalls eines Großteils des für die Eigenversorgung nutzbaren Landes und Gärten liegt es nahe, dass bereits in den 1870er Jahren für den Eigenbedarf an Gemüse und Obst ein Nutzgarten am Haus Walser angelegt wurde, und man somit in dieser Zeit die Entstehung der bis heute überlieferten Buchsheckenanlage vermuten kann.

 

Eine gartengeschichtliche Einordnung der Anlagenform des Buchsheckengartens weist auf die bereits in der Renaissance- und Barockzeit in Allgäu Oberschwaben vorhandenen geometrisch gestalteten Beetbegrenzungen aus Buchspflanzungen hin, wie sie in bürgerlichen Gärten der freien Reichsstädte in herrschaftlichen Gärten, jedoch auch in Pfarrgärten sowie den Gärten der ländlichen Bevölkerung, wie etwa bei Kißlegg der Fall anzutreffen waren. Für die Anlage des Hausgarten Walser ist anzunehmen, dass er aus der Gartenbautradition der Kunstgärtner im Umfeld der ehemals zum Schloss Wolfegg gehörenden Renaissancegärten hervorging. Jedoch auch der allgemeine Zeitgeschmack kannte geometrisch angelegte Buchsheckenanlagen, wie sie der Hausgarten Walser aufweist, was beispielsweise ein typisches Kennzeichen des Biedermeiergartens war.

Trotz diesem Umstand sind in Kißlegg seit dem 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein herrschaftliche Gärtner nachweisbar, die jeweils für die Gartenanlagen der Schlösser der beiden Kißlegger Grundherrschaften zuständig waren und Ihre Ausbildung zumindest nachweisbar für das 17. und 18. Jahrhundert bei den in Wolfegg ansässigen Kunstgärtnern erhielten, was beispielsweise Arbeitszeugnisse belegen. Auch Jungpflanzen wurden, was Quellen zum Kißlegger Pfarrgarten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahelegen, zu einem bestimmten Anteil von Gärtnern aus Wolfegg bezogen.

Das bereits erwähnte Foto des Haus- und Gartenbestandes nördlich der Pfarrkirche Kißlegg aus der Zeit zwischen 1892 und 1914 zeigt, dass damals beinahe jedes der hierauf abgebildeten Gebäude einen Hausgarten mit Buchsheckenanlagen besaß (Abb. 7).

Abb-7_Hausgarten-Walser
Abb. 7: Zwischen 1892 und 1914 entstandenes Foto; Blick nach Norden auf die Gebäude und Hausgärten nördlich der Pfarrkirche St. Gallus-Ulrich in Kißlegg (Foto: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

Fotos des Hausgarten Walser aus den 1930er Jahren verdeutlichen seinen Pflanzenbestand zu dieser Zeit, der sich zusammensetzte aus Zierpflanzen, wie etwa Pfingstrosen, Taglilien, Astern und Rosen sowie Nutzpflanzen wie beispielsweise Speisezwiebeln (Abb. 8).

Abb-8_Hausgarten-Walser
Abb. 8: Ein Foto aus der Mitte der 1930er Jahren bildet den damaligen Pflanzenbestand des Hausgarten Walser ab (Foto: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

Beim vergleich der auf den Fotos aus den 1930er Jahren abgebildeten Pflanzen und dem überlieferten Bestand, wird deutlich, dass sich wohl ein Großteil der bereits damals vorhandenen Gartengewächse auch was den damaligen Standort anbelangt bis heute überliefert hat (Abb. 9, Abb. 10 und Abb. 11).

So finden sich auch heute noch große Bestände von Pfingstrosen in den Blühfarben Weiß, Rosa und Pink im Hausgarten Walser wieder (Abb. 2 und Abb. 9).

Abb-9_Hausgarten-Walser
Abb. 9: Charakteristisch für den Garten sind die vermutlich bereits aus der Entstehungszeit der Anlage überlieferten Pfingstrosenpflanzungen (Foto: Philipp Scheitenberger 2017).

Auch Taglilien befinden sich heute noch im Pflanzenbestand des Gartens (Abb. 10).

Abb-10_Hausgarten-Walser
Abb. 10: Auch heute noch vorhandene Taglilien waren wohl bereits spätestens seit Mitte der 1930er Jahre im Hausgarten Walser gepflanzt (Foto: Philipp Scheitenberger 2017).

Vermutlich um eine historische Züchtung des 19. Jahrhunderts handelt es sich bei einer rosafarbenen Rose, die ebenfalls im Pflanzenbestand der Anlage überliefert ist und von einem Rosenzüchter als wurzelecht stehende Rosa gallica oder Rosa centifolia eingeordnet wurde (Abb. 11).

Abb-11_Hausgarten-Walser
Abb. 11: Eine rosafarbene historische Rosenzüchtung aus dem Hausgarten Walser wurde von einem Fach-mann als Rosa gallica oder Rosa centifolia eingeordnet (Foto: Philipp Scheitenberger 2017).

Insgesamt weist die Kartierung und Untersuchung des überlieferten Pflanzenbestandes des Hausgarten Walser auf sich wiederholende Farbakkorde von weiß, rosa und pink bei den Rosen, Pfingstrosen und Phlox hin. Die Zusammenschau der Kartierung mit dem historischen Fotomaterial zum Hausgarten Walser legt nahe, dass die Standorte der Zierpflanzen einst größtenteils entlang der Buchshecken am äußeren Rand der Pflanzfelder lagen und somit die Nutzpflanzen in der Mitte der Beete einrahmten (Abb. 12).

Abb-12_Hausgarten-Walser
Abb. 12: Eine Kartierung der Blühpflanzenstandorte und -farben im Hausgarten Walser für die Monate Juni, Juli und August verdeutlicht die Farb- und Ordnungsstruktur der Zierpflanzen – Ausschnitt aus einem Bestandsplan des Hausgarten Walser (Plan: Philipp Scheitenberger 2017).

Dass die Familie Walser in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gartenpflanzen auch über den per Eisenbahntransport betriebenen Pflanzenversandhandel bezog, legen im Haus gefundene Versandkataloge aus den 1920er und 1930er Jahren nahe (Abb. 13).

Abb-13_Hausgarten-Walser
Abb. 13: Im Haus Walser aufgefundene Pflanzenversandkataloge belegen, wie der Eisenbahnanschluss Auswirkungen auf den Pflanzenbestand der Kißlegger Hausgärten hatte – Pflanzenversandkatalog „J. C. Schmidt Erfurt 1926 (Foto: Philipp Scheitenberger 2015).

Die gemischte Nutzung als Zier- und Nutzgarten und auch die Bedeutung der Farbigkeit und Vielfalt der Blühpflanzen sowie die Nutzung der Haugärten als Erholungsraum, wie es sich anhand des genannten Gartenpavillons des Haus Walser ableiten lässt, sind typische Kennzeichen des sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelnden Biedermeiergartens.

Dies legt den Schluss nahe, dass man den Hausgarten Walser ebenfalls als eine Anlage einordnen kann, die sich formell und was die Ausstattung und den Pflanzenbestand anbelangt auf den Garten des Biedermeier bezieht.

Schlaglichter auf die Nutzungsgeschichte

Das für den Biedermeiergarten bedeutsame Kennzeichen der Verbindung zwischen Garten und Haus lässt sich anhand des Hausgarten Walser ebenso ablesen. So liegt der Garten entlang der Trauflinie des Hauses in südexponierter Lage und bietet aus den Räumen der südlichen Haushälfte blickend ein schönes Bild für den Betrachter (Abb. 14).

Abb-14_Hausgarten-Walser
Abb. 14: Bei der Betrachtung des Hausgartens durch die Fenster der südlich gelegenen Räume des Haus Walser ergeben sich vielfältige und schöne Blicke auf die Anlage, wie beispielsweise aus der Stube (Foto: Philipp Scheitenberger 2018).

Auch vom inzwischen abgegangenen Gartenpavillon bot sich einst sicher ein ansehnlicher Blick auf den Buchsheckengarten und das Gebäude (Abb. 15).

Jedoch bestehen auch weitere Beziehungen zwischen Haus und Garten. Zum einen finden sich im Haus Räume, die einen Bezug zur Bewirtschaftung des Gartens aufweisen und zum anderen existierten in der Vergangenheit diverse Nutzungsregelungen für verschiedene Bereiche des Gartens durch die Bewohner des Haus Walser.

Abb-15_Hausgarten-Walser
Abb. 15: Auf einem Foto aus den 1960er Jahren ist der inzwischen abgegangene Pavillon des Hausgarten Walser abgebildet (Foto: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

So wurden in zumindest zwei Testamenten von Personen aus der Familie Walser aus den Jahren 1887 und 1936 dezidierte Gartennutzungsregeln für die verschiedenen im Haus Walser ansässigen Familienmitglieder und -zweige festgeschrieben.

Im Testament des Spenglermeisters Felix Walser aus dem Jahr 1936 wurde beispielsweise festgelegt, dass die Schwestern von Anton Walser die Nutzungsrechte an den oberen zwei Parzellen des Buchsheckengartens zu Lebzeiten zugeschrieben bekamen. Sie nutzten diesen Teil des Gartens hauptsächlich als Ziergarten und bauten hier unter anderem Blumen für die von ihnen gewerbsmäßig betriebene Blumenbinderei an. Anhand der Raumausstattung eines Blumenkellers zur Überwinterung von frostempfindlichen Pflanzen, Knollen und Blumenzwiebeln im Anbau 1925 des Haus Walser, in dem die Schwestern lebten, lässt sich diese Nutzung des Gartens anhand eines überlieferten Blumenbindetisches und diversen Werkzeugen und Materialien im Detail nachvollziehen. Dass diese Raumnutzung bereits bei der Planung des Anbaus vorgesehen war, verdeutlicht ein Entwurfsplan aus dem Jahr 1925 (Abb. 16).

Abb-16_Hausgarten-Walser
Abb. 16: Der Entwurfsplan zum 1925 ausgeführten östlichen Anbau an das Haus Walser sieht die Schaffung eines Blumenkellers im Erdgeschoss des Gebäudes vor (Plan: Bestand Haus Walser, Kißlegg; Foto: Philipp Scheitenberger 2015).

Doch gerade in Krisen-, Kriegs- und Notzeiten, wie etwa während der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er und im Verlauf der 1930er Jahre sowie in den 1940er Jahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg war der Garten des Haus Walser hauptsächlich als Nutzgarten bedeutsam, um hier Gemüse und Obst anzubauen. Die Konservierung und Lagerung des im Garten des Haus Walser kultivierten Obstes lässt sich anhand der Ausstattung bestimmter Räume und auch diverser Gerätschaften im Gebäude belegen. Klara Walser, die bis 2015 das Haus noch bewohnte berichtete von solchen Notzeiten in den 1940er Jahren und der existenziell notwendigen Versorgung der Familie Walser durch die Bewirtschaftung des Gartens (Abb. 17).

Abb-17_Hausgarten-Walser
Abb. 17: Ein Foto des Hausgarten Walser aus den 1950er Jahren zeigt die Standorte der Zierpflan-zen am Rand der Pflanzbeete als Rahmung der Anbauflächen für die Nutzpflanzen (Foto: Sammlung georg Maier, Kißlegg).

Das zur Bewirtschaftung des Gartens gebrauchte Werkzeug wurde voraussichtlich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von lokal ansässigen Schmieden bezogen, was sich auch am Inventarbestand des Gebäudes zeigt. Mit dem Anschluss Kißleggs an das Eisenbahnnetz 1870 erschloss sich für die Kißlegger Bürger über den Schienentransport schließlich die Warenproduktion der Industriezentren des Königreich Württembergs, Bayerns und weiterer Staaten, was sich im Allgemeinen anhand des Inventarbestandes des Haus Walser nachvollziehen lässt und im Speziellen anhand der bereits angesprochenen Pflanzenversandkataloge sowie der darin ebenfalls angebotenen Gartenwerkzeuge, die sich in vielen Fällen auch im Objektbestand des Haus Walser wiederfinden lassen (Abb. 18).

Abb-18_Hausgarten-Walser
Abb. 18: Mit dem Anschluss Kißleggs an das Eisenbahnnetz 1870 wurden auch Gartenwerkzeuge und -materialien zunehmend über den Versandhandel bezogen, der seine Angebote in Katalogen be-warb – J. C. Schmidt Erfurt Katalog 1926 (Foto: Philipp Scheitenberger, 2015).

Ihr Hausgarten war für die Familie Walser sicher bereits seit der Erstellung der Anlage ein wichtiger Aufenthaltsort in der wärmeren Jahreszeit. Hierauf deutet zumindest ein Foto aus der Mitte der 1930er Jahre hin, auf dem insgesamt drei Generationen der Familie zusammen auf einer Bank sitzend abgebildet sind (Abb. 19).

 

Abb-19_Hausgarten-Walser
Abb. 19: Ein Foto aus der Mitte der 1930er Jahren verdeutlicht die Funktion des Hausgarten Walser als Ort des familiären Beisammenseins; von links nach rechts auf der Bank sitzend: Klara Walser, Mutter Aloisia Gelle, Vater Anton Walser und Großvater Felix Walser (Foto: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

 

Bedeutung

Dass der Hausgarten Walser für die Familie eine sehr große Bedeutung hatte, belegt beispielsweise die zeichnerische Dokumentation des ehemals vorhandenen Gartenpavillons, die von Alois Walser dem Bruder Klara Walsers während seiner Schulzeit am Mittwoch den 28.03.1940 zu Übungszwecken angefertigt wurde (Abb. 20).

Abb-20_Hausgarten-Walser
Abb. 20: 1940 fertigte Klara Walsers Bruder Alois Walser eine Zeichnung des inzwischen abgegangenen Gartenpavillons an (Zeichnung: Sammlung Haus Walser, Kißlegg).

Doch auch in diversen Gesprächen mit Klara Walser wurde deutlich, dass der Familie der Garten stets am Herzen lag. Nach Klara Walser Aussage, waren Ihre Eltern auch immer darauf bedacht, dass die Kiner pfleglich mit den Blumen und Buchshecken des Gartens umgingen.

Auch Kißlegger Bürger und Gäste schätzen den Hausgarten Walser. Häufig bleiben Passanten auf der Kirchmoosstraße vor dem Garten stehen und betrachten ihn bewundernd. Vor allem in der Zeit der Pfingstrosenblüte bietet die Anlage einen prächtigen Anblick. Arbeitet man derweilen im Garten, entspinnen sich häufig Gespräche mit den Zaungästen über das Haus und seinen Garten mit den schönen Buchshecken und seinem vielfältigen Blumenbestand. Somit stellt der Hausgarten Walser eine signifikante Bereicherung für das Ortsbild Kißleggs dar.

Doch nicht nur auf dieser Ebene wohnt dem Hausgarten Walser Bedeutung inne. 2014 wurde die Gartenanlage des Haus Walser vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg als Kulturdenkmal nachgelistet. Für den Kenner der Geschichte und des überlieferten Bestandes des Gartens war das ein zu erwartender Vorgang. Handelt es sich doch hierbei um eines der wenigen sehr gut erhaltene Beispiele für historische Hausgärten des 19. Jahrhunderts in Allgäu-Oberschwaben, das zudem noch in einem sinnstiftenden Bedeutungszusammenhang zur Nutzungsgeschichte des Haus Walser und seinem überkommenen Inventarbestand steht.

Die Gartenanlage mit seiner Beziehung zum Haus Walser ist ein wichtiger Wissensspeicher zum Garten und der Gartenarbeit der Bevölkerung Kißleggs im 19. und 20. Jahrhundert und darüber hinaus auch für die umgebende Region Allgäu-Oberschwaben. Hier lassen sich die zu früheren Zeiten verwendeten Gartenpflanzen  sowie die Nutzung und Bewirtschaftung eines ländlichen Hausgartens anhand des überkommenen Bestandes und reicher Quellenüberlieferungen detailliert nachvollziehen und belegen.

Auf einer übergeordneten Ebene lassen sich anhand der Geschichte des Hausgarten Walser und an seinem Bestand zudem auch zentrale zeitgeschichtliche Einschnitte, Entwicklungen und Veränderungen für die Bevölkerung Allgäu-Oberschwabens ergründen, wie etwa der Anschluss Kißleggs an das Eisenbahnnetz und der hierdurch aufkommende Pflanzen- und Warenversandhandel, was im Detail noch genauer erforscht werden sollte.

Bewahrung, Entwicklung und Vermittlung

Aus diesen Gründen besteht, gestützt durch die Qualifizierung des Gartens als Kulturdenkmal, kein Zweifel daran, dass seinem Erhalt und der Pflege zukünftig ein großer Stellenwert eingeräumt werden sollte.

Gerade was die Buchsheckenanlage des Gartens anbelangt weist eine auch Allgäu-Oberschwaben nicht verschonende Ausbreitung von Buchsbaumkrankheiten wie etwa Cylindrocladium buxicola sowie Schädlingen, wie beispielsweise dem Buchsbaumzünsler auf drohende Gefahren für den Erhalt der Gartenanlage hin, denen begegnet werden muss.

Auch Veränderungen am Blühstaudenbestand der Pflanzbeete der Buchsheckenanlage, könnten dazu führen, dass die ursprüngliche und schützenswerte Gestaltung sowie Struktur des Hausgartens nachhaltig geschädigt werden würde. Daher wäre es sinnvoll ein auf denkmalpflegerischen Grundsätzen erarbeitetes umfassendes Gartenpflegewerk zu erstellen, das als wichtiger Leitfaden für die Bewirtschaftung und Entwicklung des Gartens dienen könnte. Auch die historischen Pflanzen der Gartenanlage sollte man in diesem Zuge botanisch genau bestimmen und gegebenenfalls zur Sicherung und Aufstockung des Bestands diese vegetativ vermehren lassen.

Im Rahmen der Erstellung eines Gartenpflegewerkes könnten auch Wege ersonnen werden, wie der Hausgarten Walser als Wissensspeicher des regionalen historischen Hausgartens museal aufbereitet und als kulturgeschichtliches Vermittlungsmedium für die Öffentlichkeit erschlossen werden könnte. Als mögliche Form der Musealisierung des Hausgartens Walser ist zunächst an das Aufstellen einer Informationstafel zur Geschichte und dem überlieferten Bestand der Gartenanlage zu denken. Zusätzlich könnten auch detaillierte Führungen durch den Garten angeboten werden. Sinnvoll wäre es auch die Bewirtschaftung und Pflege der Anlage an einen in Kißlegg ansässigen Verein zu übertragen, um hiermit einer öffentlichen Erschließung der Gartenanlage entgegen zu kommen.

Im Rahmen einer ebenfalls anzustrebenden zukünftigen Musealisierung des Haus Walser könnten die Vermittlungsangebote zum Garten schließlich noch weiter ausgebaut werden und mittels der Schaffung von Erzählsträngen, die zwischen der Nutzungsgeschichte des Haus Walser und einzelnen Räumen mit funktionellem Bezug zum Garten aufgespannt eine für die Rezeption des Besuchers detailliertere Geschichte des Hausgarten Walser anbieten könnten.

Fazit

Der Blick auf die Geschichte, den Bestand und die mögliche Zukunft des Hausgarten Walser in Kißlegg verdeutlicht die Bedeutung von historischen Hausgärten als Teil unserer ländlichen Kulturgeschichte, die es zum einen gilt in unserer Umgebung zu erkennen und zu ergründen, sowie zum anderen als unser gemeinsames kulturelles Erbe zu begreifen, zu schützen sowie erfahrbar und zugänglich zu machen, um hiermit der gesellschaftlichen, kommunalen und individuellen Bedeutungen dieser Bestandteile unserer Lebensumwelten gerecht zu werden.

 

In diesem Sinne besteht der Wunsch nach einer guten Zukunft für den Hausgarten Walser.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 30.07.2019

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Sanierung und Umnutzung des Fernsemmer-Huses in Scheffau im Allgäu

Einleitendes

Am 18.02.2017 veranstaltete die informelle Denkmalschutz-Initiative-Westallgäu eine Exkursion nach Scheffau im bayrischen Landkreis Lindau, um dort vom Hausbesitzer dem Archäologen der klassischen Antike, Steinmetzmeister und Unternehmer Dr. Michael Pfanner eine Führung durch das von ihm als Bauherren von 2012 bis 2016 sanierte Fernsemmer-Hus zu erhalten.

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Abb. 1: Mitglieder der informellen Denkmalschutz-Initative-Westallgäu stehen mit Michael Pfanner (rechts im Bild) vor dem Eingang zum Dorfladen, der im Fernsemmer-Hus im Rahmen der Umnutzung integriert wurde, zweiter von rechts der Archäologe, Restaurator und Modelbauer Dr. Hermann Scharpf (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Kurze Geschichte des Fernsemmer-Hus

Bisher konnte die Baugeschichte des Fernsemmer-Huses anhand den Archivquellen nur bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Klar ist, dass das Gebäude im 19. und 20. Jahrhundert nachweislich als Gasthaus mit angeschlossenem landwirtschaftlichem Betrieb genutzt wurde. Es handelte sich hierbei um das Gasthaus zum Löwen. Aufgrund der Nutzungskontinuität von Gebäuden, die bis zum Ende des Lehenswesens im Jahr 1849 gegeben war, und die sich aus dem Lehensrecht und den an die zumeist gleichbleibenden, an die Lehenhäuser gebundenen Gerechtigkeiten ableitet, wozu auch das Schankrecht, Beherbergungsrecht etc. zählen, lässt sich mit großer Sicherheit annehmen, dass das Fernsemmer-Hus bereits im 18. Jahrhundert Gasthaus war.

 

Abb-Dendro
Abb. 2: Philipp Scheitenberger im Frühjahr 2017 bei der Entnahme von Dendroproben an einer Blockwand im Fernsemmer-Hus (Foto: Hermann Scharpf 2016).

Was die Datierung des überlieferten Baubestandes des Fernsemmer-Huses anbetrifft, so legen die Ergebnisse einer dendrochronologischen Datierung an den Hölzern der Blockbaukonstruktion des Gebäudes, die von Philipp Scheitenberger im Frühjahr 2017 durchgeführt wurde, nahe, dass das Haus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Eine mit einem Baudatum versehene Spolie, die vom Vorbesitzer beim Abriss eines landwirtschaftlich genutzten Gebäudeteils des Hauses zum Vorschein kam, legt eine Erbauung des Fernsemmerhuses in Verlauf des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahe.

Anhand vertiefender dendrochronologischer Untersuchungen sollen Ende 2018 genauere Daten zum Baualter des Hauses ermittelt werden.

Der erste Eindruck von außen

Steht man heute vor dem sanierten Fernsemmer-Hus erblickt man ein massiges, gedrungenes und trotzdem sehr klar in den Proportionen erscheinendes ehemaliges Gasthaus an zentralem Platz nahe der Kirche im Dorf Scheffau. Das Gebäude gliedert sich dabei harmonisch in den gut erhaltenen und unter Ensembleschutz stehenden Ortskern von Scheffau ein.

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Abb. 3: Das Fernsemmer-Hus in Scheffau (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Auf das an alten Stellen graue und an erneuerten Stellen hellbraune Schindelkleid des Gebäudes, das auch auf den von der Straße aus sichtbaren Klebdächern der Nord- und Westfassade anliegt, warf an diesem Tag die spätwinterliche Februarsonne ihr schrägeinfallendes Licht, und gab dem Haus bereits von außen eine Ausstrahlung von Wärme, Behaglichkeit und sonnenmalerischer Harmonie. Mit seinem silbrigen Blechdach und seinem hölzernen Schuppenkleid schmiegt sich das „Fernsemmer-Hus“ beinahe wie eine auf dem warmen Fels liegende Bergeidechse in den Ort Scheffau. Zumindest aus dem Blickwinkel dieses schönen sonnigen Tages scheint dieser Vergleich durchaus berechtigt.

Noch bevor der Hausherr kam zogen die Schindelfassade und die Hohlkehlen der Klebdächer die Aufmerksamkeit unserer Exkursionsgruppe auf sich.

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Abb. 4: Foto Klebdächer und Hohlkehlen, Walzblei etc. (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Der Hausherr kommt – Beschau und Erläuterungen von außen

Als Herr Pfanner beim Fernsemmer-Hus eintraf, begrüßte er uns sehr herzlich, und begann sogleich mit seiner Führung. Während des folgenden Ganges um das Haus erläuterte er uns einige Details zur Fassadensanierung.

So legte Herr Pfanner bei der in Stand Setzung der geschindelten Fassad Wert darauf nur die Flächen des Schindelschirms zu ersetzen, die hinsichtlich ihres Zustandes nicht mehr erhalten werden konnten. Dies betraf auch einen Bereich des Schindelschirms im Obergeschoss des Gebäudes. Hier wurde ein Teil der Schindeln aufgrund des Einbaus eines in die darunterliegende Blockwand eingelassenen Stahlträgers zur statischen Sicherung der Giebelwand entfernt und hiernach durch Anbringung neuer Schindeln renoviert. Diese Art der Sanierung ist der Grund für die zwischen grau und braun changierende Farbe der Fassade des Fernsemmer-Huses, die dem Betrachter ein solch lebendiges und malerisches Bild bietet.

Im Bereich der Stoßkanten des Schindelschirms an Fassade und Klebdächern wurden zur Abhaltung von Schlagregen an den Gehrungsfugen aus Walzblei gefertigte Blechverwahrungen aufgenagelt. Walzblei wird häufig am Bau für steinerne Fensterbänke etc. als Wetterschutzabdeckung verwendet. Hier scheint wohl technisches Wissen aus dem Steinmetzberuf durch den erfahrenen Steinmetzmeister Pfanner Eingang in die Umsetzung der Fassadensanierung gefunden zu haben.

Auch am Haus Walser in Kißlegg konnte am Baubestand beobachtet werden, dass sich an historischen Gebäuden häufig in der technischen Umsetzung von Baudetails handwerklich-materielle Praktiken aus dem Handwerkszweig des Hausbesitzers wiederfinden lassen. So wurden am Haus Walser beispielsweise von den hier ansässigen Spenglern viele Bauteile, Baudetails und Reparaturteile aus Blech angefertigt.

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Abb. 5: Detail der Fassade des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Die gebogenen Bretter der Hohlkehlen unterhalb der Klebdächer des Fernsemmer-Huses waren vor der Sanierung weitestgehend verfault, so dass diese Hohlkehlen bis auf einen kleinen Teilbereich aus neuen Brettern gefügt und als Verwahrung angebracht werden mussten. Anschließend wurde darauf wieder das anhand eines Befundes rekonstruierte Dekorband aufgemalt.

Im Rahmen der Fassadensanierung wurden auch die Fenster des Obergeschosses durch handwerklich hergestellte Neuanfertigungen nach historischem Vorbild ersetzt.

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Abb. 6: Eingang des Dorfladens des „Fernsemmer-Hus“ (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Hinblick auf die einstige Nutzung eines Teils des Fernsemmer-Hus als Bäckerei, wurde im ehemaligen Verkaufsraum der Bäckerei ein Dorfladen eingerichtet, in dem man heute nicht nur Dinge für den alltäglichen Bedarf einkaufen kann, sondern auch die Dorfgemeinschaft Scheffaus einen Ort des alltäglichen, geselligen Beisammenseins wiedergefunden hat.

Insgesamt war es Michael Pfanner sehr wichtig im Fernsemmer-Hus aufgrund seiner öffentlichen Bedeutung für die Ortschaft nach der Sanierung auch eine Nutzung durch die Bewohner des Dorfes zu ermöglichen. So werden im Haus heute regelmäßig Veranstaltungen wie etwa Faschingsbälle und ähnliches abgehalten.

Gleichzeitig nutzt Herr Pfanner das Haus jedoch auch privat. Somit Verschränken sich im Haus private und öffentliche Nutzung, was für die Dorfgemeinschaft in Scheffau einen Mehrwert darstellt. Herr Pfanner war diese Öffnung des Hauses für die Bewohner von Scheffau bei seinen Überlegungen zur Umnutzung des Gebäudes ein sehr wichtiger Gesichtspunkt.

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Abb. 7: Der Brunnen des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Da auf dem alten Haus ein Brunnenrecht lag wurde von Michael Pfanner im westlichen Hofbereich des Fernsemmer-Hus ein Brunnen aufgestellt für den er als figürliches Element eine Büste anfertigte. Inspiriert wurde er dabei von den Scheffemer, den Stammahnen der Ortschaft Scheffau.

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Abb. 8: Nördliche Traufseite mit Eingang des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Auf der nördlichen Traufseite des Fernsemmer-Hus befindet sich der zur Straße hin gelegene Haupteingang des Gebäudes, der im Rahmen der Sanierung mit einem geschindelten Dächlein versehen wurde. Die Gehrungen des Dächleins wurden wie bei den Klebdächern mit Walzblei abgedeckt. Auf der geschindelten Fassade der Nordseite des Hauses wurde ein beschriftetes Schild angebracht, das Passanten oder Besucher des Gebäudes kurz über die einstige Nutzung des Bauwerks informiert.

Im Erdgeschoss

Über die Türe der nördlichen Traufseite betritt man nun den Quer zur Firstlinie verlaufenden Flur des Gebäudes, was deutlich macht, dass es sich hierbei um ein Querflurhaus handelt, wie sie beispielsweise auch in der Umgebung von Kißlegg anzutreffen sind.

Südlich an den Querflur schließt sich die Küche an,  wo sich an der Ostwand der aus Stein gehauene und in die Bruchsteinmauer eingelassene Waschstein befindet. Das Spülwasser wird hierbei über einen Mauerdurchbruch direkt nach draußen geleitet. Südlich neben dieses alte Spülbecken wurde im Rahmen der Sanierung ein neues Edelstahlbecken gesetzt, somit das neue Nutzungselement am Ort der alten Nutzung platziert und hierdurch die Wahrung des historischen Bau- und Ausstattungsbestandes des Gebäudes erreicht. Der Einbau des neuen großen Waschbeckens war nötig, da im Rahmen der Abhaltung von größeren Veranstaltungen im Haus in der Küche ausgeprägterer Betrieb herrscht, und somit auch die Anbringung eines hierfür adäquat nutzbaren Spülbeckens notwendig war.

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Abb. 9: Die Küche im Erdgeschoss des Fernsemmer-Huses mit neuem Waschbecken und altem Waschstein (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Der historische Zustand der ehemaligen Wirtsstube des Fernsemmer-Huses ist trotz einiger restauratorischer Maßnahmen nicht verändert worden. Die Authentizität der historischen Oberflächen der Möblierung und der Vertäfelung etc. wurden hierbei weitestgehend erhalten. Inzwischen wird der Raum seiner ehemaligen Nutzung entsprechend bei Festen und Veranstaltungen als Gast- und Schankraum genutzt.

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Abb. 10: Die Nordwestecke der Wirtsstube im Erdgeschoss des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Obergeschoss

Im ersten Obergeschoss des Hauses befindet sich ein Festsaal, der im Rahmen der Sanierung ebenfalls restauriert wurde und heute entsprechend seiner einstigen Zweckbestimmung weitergenutzt wird. Hier wurde die abgehängte Scheinkassettendecke erneuert.

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Abb. 11: Blick in den Festsaal im Obergeschoss des Fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Rahmen von Befunduntersuchungen an den Wänden des Festsaals freigelegte Schablonenmalereien, die voraussichtlich aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen, wurden im Verlauf der Sanierung des Gebäudes wieder rekonstruiert. Sie bieten für die Gäste des Fernsemmer-Huses eine reizvolle Umgebung um hier zu feiern und sind ein schöner Hintergrund für die vielfältigen Kunstgegenstände die Michale Pfanner im Festsaal und weiteren Gebäudeteilen als die Sinne anregende Zutaten platziert hat.

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Abb. 12: Im Festsaal des Fernsemmer-Huses ausgestellte Skulptur, im Hintergrund die im Text erwähnte Schablonenmalerei (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Zur Beheizung des Festsaales wurde an einer Innenwand ein Holzofen angebracht. Da aufgrund von Brandschutzbestimmungen am Bau Vorkehrungen zur Feuersicherheit getroffen werden mussten, brachte Michael Pfanner im Bereich der Holzvertäfelung hinter dem Ofen Sandsteinplatten an, die so angefertigt wurden, dass sie sich harmonisch in den Baubestand einfügen, also formell-gestalterisch an das Täfer angepasst wurden.

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Abb. 13: Michael Pfanner steht vor dem Holzofen im Festsaal und erläutert Details zur Sanierung des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

So wurde beispielsweise der horizontale Verlauf einer Holzleiste des Täfers im Sandstein weitergeführt. Diese partielle, gestalterische Anpassung der Sandsteinplatte an das Täfer wurde auch durch die Vergoldung einer Fase an der Sandsteinplatte deutlich gemacht, was hierdurch die Vergoldung am Täfer fortführt. Die aus denkmalpflegerischer Hinsicht notwendige Abhebung neuer baulicher Hinzufügung vom historischen Baubestand wird hier durch die materielle Grenze zwischen dem Holz des Täfers und dem Sandstein der Feuerverkleidung gelöst. Trotzdem werden an der steinernen Feuerverkleidung formell-gestalterische Elemente der Holzvertäfelung in Stein zitiert und somit der bauliche Gesamteindruck des Täfers visuell erhalten.

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Abb. 14: Detail der Steinverkleidung im Täfer im Festsaal des fernsemmer-Hus (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein ehemaliger Tanzsaal im zweiten Obergeschoss des Fernsemmerhuses wurde ebenfalls behutsam restauriert. Heute werden in diesem Raum unter anderem Konferenzen abgehalten. Wie in den übrigen Teilen des Gebäudes zeigt sich auch hier in der Ausstattung durch Kunstgegenstände Michael Pfanners ausgeprägter Kunstsinn. Im Tanzsaal befindet sich auch eine Bühne. Sie wurde im Rahmen der Sanierung anhand von befunden im Raum rekonstruiert, und ehemals beispielsweise zur Darbietung von Theaterstücken etc. genutzt. Heute findet der Neubau der Bühne wieder Verwendung im Rahmen von Veranstaltungen und Feierlichkeiten.

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Abb. 15: Der ehemalige Tanzsaal des Fernsemmer-Huses im zweiten Obergeschoss wird heute als Konferenz-Raum genutzt, hier wurde eine abgegangene Bühne rekonstruiert (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Aufgrund von Gebäudesetzungen entstandene Risse am Verputz der Wände des Tanzsaals, wurden restauriert, jedoch hierbei der durch die Gebäudesetzung entstandene Versatz an der Wandmalerei sichtbar gelassen. Hierdurch wird dieser Teil der baulichen Entwicklungsgeschichte des Gebäudes erhalten.

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Abb. 16: Detail an der Wandmalerei im ehemaligen Tanzsaal des zweiten Obergeschosses, an Versatz in der Wandmalerei lässt sich eine einstige Setzung des Gebäudes nachvollziehen (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Dachgeschoss

Das Dachgerüst des Fernsemmer-Huses wurde in seinem historischen Bestand erhalten und durch Hinzufügung von stützenden Holzkonstruktioen statisch ertüchtigt. Dies war unter anderem auch deswegen notwendig geworden, da auf der überlieferten alten Blechdeckung des Daches ein neues Blechdach angebracht wurde, und somit hierdurch mehr Auflast auf das Dachgerüst eingebracht wurde, was eine statische Ertüchtigung des Dachstuhles erforderlich machte.

Hiermit konnte jedoch die historische Blechdeckung des Fernsemmer-Huses mit ihren technisch-materiellen Eigenschaften und ihrer historischen-Authentizität erhalten werden.

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Abb. 17: Statisch ertüchtigtes Dachgerüst des Fernsemmer-Huses im Bereich des Hängewerks oberhalb des Tanzsaales (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Im Keller

Im Keller des Fernsemmer-Huses richtete Michael Pfanner eine Sauna mit Sanitärbereich ein, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden kann. Im kalten Allgäuer Winter findet sich hier ein warmes Plätzchen, an dem es sich gut aushalten lässt und man sich von den körperlichen Strapazen der kalten Jahreszeit erholen kann.

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Abb. 18: Ein Teilbereich der Sauna in einem Gewölbekeller des Fernsemmer-Huses (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Beurteilung der Sanierung und Umnutzung

Die Umnutzung und Sanierung des Fernsemmer-Huses ist ein Vorzeigebeispiel für die bauliche Inwertstellung und Nutzbarmachung leerstehender Denkmäler in Ortskernen im Allgemeinen und für das Westallgäu im Speziellen.

Das von Michael Pfanner und den beteiligten Handwerkern bei der Sanierung dieses alten Gasthauses an den Tag gelegte Einfühlungsvermögen in den historischen Baubestand und das große Interesse des Erhalts der historischen Bausubstanz des Fernsemmer-Huses ging hierbei einher mit sehr sensibel umgesetzten baulichen Hinzufügungen und Ertüchtigungen, die der adäquaten Wiedernutzbarmachung und statischen Sicherung des Gebäudes geschuldet waren.

Neben dieser denkmalpflegerischen Komponente lässts sich die Umnutzung und Sanierung des Fernsemmer-Huses jedoch auch auf der sozialen, die Dorfgemeinschaft Scheffaus betreffenden Ebene als sehr gelungenes Projekt ansehen, da das Haus einerseits in der privaten Nutzung von Michale Pfanner steht, jedoch andererseits auch für die Bewohner des Dorfes seiner ursprünglichen Funktion als Gasthaus und Einkaufsladen entsprechend wieder erschlossen und geöffnet wurde.

Durch die Ausstattung des Fernsemmer-Huses mit vielseitigen und reizvollen Kunstwerken bietet Michael Pfanner zudem den Bewohnern des Dorfs im Haus eine musisch-künstlerisch inspirierende Umgebung, was der Seele des ein oder anderen Gastes im Haus sicher auch sein Gutes tut, da hier das Auge des Betrachters für das Schöne in der Kunst geöffnet wird, das sich hierbei harmonisch mit dem historischen Baubestand des Gebäudes verbindet. So findet man als Besucher im Fernsemmer-Hus nicht nur sein zu Hause in einem vorbildlich sanierten denkmalgeschützten Gasthaus, sondern auch in einem Musentempel und dem Haus eines großen Allgäuer Archäologen und Handwerkers.

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Abb. 19: Das Fernsemmer-Hus in Scheffau (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Aus gutem Grund wurde die Sanierung des Fernsemmer-Huses vom Bezirk Schwaben, dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem Bayerischen Denkmalamt durch die Verleihung von Preisen als besondere Leistung gewürdigt.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 01.11.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Zwei Gemälde mit Darstellungen von Xaver Walser und Katharina Liebherr aus der Stube des Haus Walser

In der Südwestecke der Stube des Haus Walser befindet sich eine Zone familiären Andenkens, da hier zwei gerahmte Bilder aufgehängt waren, die Darstellungen des Färberehepaars Katharina Liebherr und Franz Xaver Walser zeigen, was aufgrund der auf der Leinwandrückseite vorhandenen Signierung „[…] pinx A. Walser […] und der dort angegeben Altersdaten der dargestellten Personen im Abgleich mit den Geburts- und Sterbedaten der Katharina Liebherr und des Franz Xaver Walser abgeleitet wurde (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).[1]

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Abb. 1: Gemälde des Färbermeisters Xaver Walser im Alter von 63 Jahren, das von seinem Sohn Alois Walser 1837 gefertigt wurde (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).
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Abb. 2: Rückseite des Gemäldes von Xaver Walser mit der Signatur seines Sohnes Alois Walser sowie Angaben zum Entstehungsjahr des Gemäldes und Alter von Xaver (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Katharina Liebherr ist auf dem Portraitbild mit einer goldenen Rad-Haube und einem bunten Seidenschal dargestellt, was vermutlich ihren Stand als Färbergattin vermitteln sollte (Abb. 3).

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Abb. 3: Gemälde der Katharina Liebherr im Alter von 63 Jahren kurz vor ihrem Tod; das Gemälde wurde von ihrem Sohn Alois Walser 1837 gemalt (Foto: Philipp Scheitenberger 2017).

Die Darstellung des Franz Xaver Walser auf dem Porträtbild zeigt einen Mann im fortgeschrittenen Alter angezogen mit einem Mantel mit hochaufschießendem Kragen, der in die Stirn gekämmte Augustuslocken als Haarfrisur trägt, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine verbreitete Haarmode war (Abb. 2).[2]

An diesen beiden gerahmten Bildern in der familiären Memorialecke der Stube verdeutlicht sich die bis heute überlieferte Beziehung der Mitglieder der Familie Walser zum Gebäude und ihr vergangenes Leben im Haus.

Endnoten

[1] Vgl. Einträge in den Kirchenbüchern der Pfarrgemeinde St. Gallus-Ulrich in Kißlegg.

[2] Vgl.: Loschek, Ingrid (Hrsg.): Reclams Mode- und Kostümlexikon. Stuttgart 2011, S. 231-239, S. 363-371.

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 19.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Objekte mit jagdlicher und militärischer Nutzung aus dem Haus Walser

Eine Reihe von Objekten aus dem Haus Walser lassen sich auch jagdlicher und militärischer Nutzung zuordnen und wurden eventuell bereits im Vermögensübergabeinventar der verwitweten Färbergattin Teresia Göser 1806 aufgeführt, die mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Färbermeister und Fassmaler Bernhard Walser verheiratet war.

Dass Mitglieder der Familie Walser auch dem Schützenwesen nachgingen, lässt sich in den Protokollen zu Schießwettbewerben nachvollziehen, die regelmäßig von der 1699 per herrschaftlichem Erlass in Kißlegg gegründeten, Schützengesellschaft abgehalten wurden.[1] In den hierzu angefertigten Schießwettbewerbs-Protokollen tauchen Mitglieder der Familie Walser bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf. Franz Antoni Walser nahm an solchen Wettbewerbsschießen bereits in den 1730 Jahren teil.[2] Eine Kugelbüchse mit Perkussionsverschluss, die auf dem Dachboden (Raum 4.01) des Haus-Walser gefunden wurde (Abb. 1), stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und wird inzwischen von der Gemeinde Kißlegg sicher verwahrt.

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Abb. 1: Vorderlader-Jagdbüchse mit Perkussionsverschluss (Philipp Scheitenberger 2015).

In einem Waffendepot auf dem Dachboden (Raum 3.07) wurde zudem eine Vorderlader-Reitpistole mit Steinschloss gefunden Abb.2 ), die voraussichtlich in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren ist.

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Abb. 2: Vorderlader-Reitpistole mit Steinschloss (Philipp Scheitenberger 2017).

In dem Vermögensübergabeinventar der Teresia Göser von 1806 wurden als Inventar der Laubenkammer (Raum 2.10) im Obergeschoss des Haus Walser bereits eine Kugelbüchse, ein Seitengewehr, das heißt eine Hieb- und Stichwaffe, sowie ein Mantel, ein Hut und ein Paar Stiefel aufgelistet.

Diese Gegenstände könnten in dieser Kammer aufbewahrt worden sein, da einer der Brüder von Färbermeister Xaver Walser, der zu dieser Zeit die Färberei bewirtschaftete, in Kriegsdiensten gestanden sein könnte. Eventuell handelte es sich dabei sogar um Nepomuk Walser. Der Kriegsdienst bot für die Nachkommen in einer Familie, die nicht als Haupterbe das Familienunternehmen weiterführten, häufig eine der wenigen Möglichkeiten zum Broterwerb.

Gerade im Napoleonischen Zeitalter war Europa und auch Deutschland in der Zeit um 1800 im Zuge von Kriegshandlungen häufig Schauplatz großer Schlachten. Im Rahmen des vierten Koalitionskrieges fand beispielsweise zwischen der preußischen Armee und den französischen Truppen Napoleon Bonapartes am 14. Oktober 1806 die Schlacht bei Jena und Auerstedt statt. Im Vorfeld des Russlandfeldzugs von 1812 wurden auch in der Herrschaft Kißlegg, die seit 1806 zum damals gegründeten Königreich Württemberg gehörte, Truppenerhebungen durchgeführt,[3] da Württemberg als Verbündeter Napoleons an diesem Feldzug teilnahm. In den erhaltenen Einschreiblisten für gemusterte Soldaten, die zum Dienst an der Waffe eingezogen wurden, finden sich auch einige Personen, die aus dem heutigen Gemeindegebiet von Kißlegg stammten.

Im Dachboden (Raum 3.07) wurde in einem Waffendepot auch eine Plaute gefunden (Abb. 3), was eine Art jagdlich und auch militärisch nutzbaren Hirschfänger darstellt.[4] Die Plaute weist Griffschalen aus Horn auf, und eine Parier-Stange aus Messing, die Rocaille-Dekor aufweist, was deutlich macht, dass dieses Jagdschwert in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren ist.[5] Eine vergleichbare, in die Mitte des 18. Jahrhunderts datierte Plaute lässt sich auf einer Homepage zu historischen Waffen online finden.[6]

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Abb. 3: Plaute aus einem Waffendepot im Dachboden des Haus Walser (Philipp Scheitenberger 2017).

Ein aus schwerem Wollstoff gewebter Mantel wurde im Dachboden des aus dem Jahr 1925 stammenden Anbaus (Raum 4.01) neben der Kugelbüchse in der Nähe des Schornsteins hängend gefunden (Abb. 4). Er stammt voraussichtlich aufgrund seines Schnitts und seiner schwarzen Farbe aus der Zeit um 1800.

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Abb. 4: Wollmantel aus dem Dachboden des Anbaus 1925 des Haus Walser (Philipp Scheitenberger 2014).

Die Plaute, die Kugelbüchse und der Mantel können militärischer und jagdlicher Nutzung gleichermaßen zugeordnet werden.

Endnoten

[1] Vgl. Gesamtarchiv der Fürsten zu Waldburg-Zeil-Trauchburg. Bestand Herrschaft Kißlegg. ZAKi 298: Protokolle des gemeinschaftlichen Oridinari Schüßen der Kißlegger Schützengesellschaft 1725 bis 1796.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Militärische Personalunterlagen (1763-) 1806 – 1905. Signatur: E 297.

[4] Vgl. Seifert, Gebhard: Der Hirschfänger. Schwäbisch Hall 1973.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Vgl. Frey, B.: Die jagdliche Blankwaffe: Die Plaute, auf: waffensammler-kuratorium.de, < https://www.waffensammler-kuratorium.de/plaute/plauteti.html&gt;, abgerufen am 18.04.2018.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 18.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor.

Erforschung von Getreidespeichern in der Gegend um Kißlegg

Ende August untersuchte und dokumentierte ich an insgesamt fünft Getreidespeichern auf dem Gebiet der Gemeinde Kißlegg die Bohlentüren und historischen Schlösser und Schließmechanismen.

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Abb. 1: Bei der Dokumentation der Bohlentüre am Fruchtkasten von Willerazhofen (Nina Horlbeck 2018).
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Abb. 2: Aufstieg in den Dachraum eines Getreidespeichers in der Nähe von Freibolz (Nina Horlbeck 2018).

 

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Abb. 3: Dokumentation einer Bohlentüre an einem Getreidespeicher in der Nähe von Höllenbach bei Kißlegg (Nina Horlbeck 2018).

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 18.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, falls nicht anders angegeben.

Ein barocker/klassizistischer Kachelofen in der Stube des Haus Walser

Eines der bedeutendsten Ausstattungselemente des Haus Walser ist ein barocker / klassizistischer Kachelofen, der sich in der Stube im Erdgeschoss des Gebäudes befindet (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

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Abb. 1: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 2: Blick nach Westen auf die Ostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).

 

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Abb. 3: Blick nach Norden auf die Südseite des Kachelofens, links im Bild der gusseiserne Ersatzofen (Philipp Scheitenberger 2018).

Der Kachelofen besitzt einen zweiteiligen Aufbau. Der Unterbau des Ofens weist von der Sandsteinplatte bis zum Kraggesims eine Höhe von 71,0 cm auf, die Höhe des Oberbaus beträgt vom Sockelgesims bis zum Kraggesims eine Höhe von 74,0 cm, die Höhe vom Fußboden bis zur Oberkante der Sandsteinplatte beträgt 52,0 cm. Somit ergibt sich bezüglich der Höhe des Unterbaus zum Oberbau ein Proportionsverhältnis von circa 1:1. Die Breite des Unterbaus beträgt, gemessen am Kraggesims, 91,0 cm, wohingegen die Breite des Oberbaus, ebenfalls am Kraggesims gemessen, 84,5 cm beträgt. Der gesamte Ofen wurde auf eine Sandsteinplatte gesetzt, die an ihrer Außenkante ringsum einen Scharrierhieb aufweist. Diese Sandsteinplatte liegt auf zwei in Pilaster Form gestemmten Holzbeinen auf, die als unterste Schicht eine rote und als oberste Schicht eine graue Farbfassung aufweisen. Die Ofen-Füße lagern wiederum auf einem mit türkisfarbig glasierten Fliesen ausgelegten eichenen Holzrahmen auf, der eine Art Sockel bildet auf den der Kachelofen gestellt ist. Das nördliche Ende der Sandsteinplatte ist in die nördliche Wand der Wohnstube eingelassen (Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3).

Bei den am Ofen des Haus Walser verbauten Kacheln handelt es sich technisch um Blattkacheln, das heißt Kacheln deren Schauseite mittels einer Model plattenförmig geformt wurde, und auf deren Rückseite anschließend zur Erhöhung des Halts der Kacheln im Ofenlehm Tonzargen bzw. -leisten aufgebracht wurden, die teilweise Löcher aufweisen in denen zur Erhöhung der Stabilität des Ofens Drahtverspannungen angebracht wurden (Abb. 4 und Abb. 5).[1] Die Glasur der Kacheln ist türkis und hat eine opake Erscheinung. Manche Kacheln weisen jedoch einen dunkelgrünen Glasurfarbton auf (Abb. 3). Die mit einem Rosengitterdekor versehenen Blattkacheln des Kachelofens besitzen ein hochrechteckiges Format von 25,5 cm x 21,5 cm (Abb. 3 und Abb. 4).

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Abb. 4: Im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war (Philipp Scheitenberger 2016).
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Abb. 5: Rückseite der im Haus Walser aufgefundene Rosengitter-Blattkachel, die ehemals am Kachelofen in der Stube verbaut war, hier finden sich noch Reste des mit organischem Material versetzten Ofenlehms und Ziegelfüllstücke (Philipp Scheitenberger 2016).

Auf die Sandsteinplatte wurde der Unterbau des Kachelofens gesetzt, der bis an die nördliche Stubenwand anschließt. Die Vorderseite des Unterbaus des Ofens wird links und rechts umrahmt von zwei Blattkacheln, die Ecklisenen ausbilden, die einen Scheibendekor aufweisen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8). In der Mitte dieser Kacheln ist jeweils eine kreisförmige Kachel mit einem Akanthusblattrosettendekor eingelassen (Abb. 6, Abb. 7 und Abb. 8).

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Abb. 6: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite des Kachelofens (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 7: Blick nach Norden auf die Front des unteren Teils des Kachelofens, in den eine gusseiserne Platte mit dem Relif eines Bauern eingelassen ist (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 8: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des unteren Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine zweiteilige Eckkachel mit einem Scheibendekor (Philipp Scheitenberger 2018).

Im Mittelfeld der Vorderseite des Unterbaus ist eine eiserne Ofenplatte eingelassen auf der die Darstellung eines Bauern abgebildet ist, der im Begriff ist seine Sense anzuschleifen (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Ofenplatte stammte ursprünglich mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Eisenofen, die in der Regel aus mehreren solchen gusseisernen Ofenplatten aufgebaut sind.[2] Flankiert wird die Ofenplatte von zwei Eckkacheln die dreiviertel plastische figurale Darstellungen von Putten zeigen, die als Karyatiden fungieren (Abb. 3 und Abb. 7). Diese Putten-Eckkacheln lassen sich als Allegorien des Frühlings deuten.[3] Denn an ihrem Haar prangen Blütenbouquets, und an den in Volutenform ausgearbeiteten Beinen, auf denen der Rumpf der Putten aufsitzt, sind weitere an Tüchern festgeknotete Blumenbouquets drapiert (Abb. 3 und Abb.7). Diese Formen von figürlich gestalteten Eckkacheln finden sich normalerweise in nach außen hin gerichteter Form an den Ecken von manieristisch gestalteten also frühbarocken Kachelöfen.[4] Aufgrund des falschen Einbaus der Putten-Eckkacheln als Rahmung der Ofenplatte am Kachelofen der Stube des Haus Walser, wird deutlich, dass die Vorderfront des Unterbaus des Ofens nicht ihrer ursprünglicher Gestaltung entspricht (Abb. 3 und Abb. 7). Es ist anzunehmen, dass diese heutige Gestaltung der Vorderfront des Unterbaus des Kachelofens im Zuge einer späteren Veränderung stattfand, und sich dort ursprünglich ein Feld mit Blattkacheln befand, die einen Tapetendekor in Form eines Rosengitters aufwiesen, wie es bei den Mittelfeldern aller anderen Seiten des Unter- und Oberbaus des Kachelofens der Fall ist. Im Haus Walser wurden mehrere Blattkacheln aufgefunden, die vermutlich im Rahmen von Umformungen am Kachelofen ausgebaut und anschließend trotzdem aufbewahrt wurden (Abb. 4 und Abb. 5). Der obere und untere Abschluss des Unterbaus wird von zwei unterschiedlich profilierten Gesims-Bändern gebildet. Das obere Gesims kragt dabei über das untere hinaus (Abb. 3 und Abb. 7). Ähnlichkeit hat der Aufbau des Kachelofen des Haus Walser mit dem Aufbau eines in die Zeit um 1700 datierenden Kachelofens.[5]

Einen ähnlichen Aufbau wie der Unterbau weist auch der Oberbau des Kachelofens auf, wobei die seitliche Rahmung der südlich, westlich und östlich vorhandenen Blattkachelfelder mit Rosengitterdekor, mittels zweier Blattkacheln geschieht, die wie beim Unterbau Ecklisenen ausbilden, jedoch ein Kartuschen-Motiv aufweisen, deren Spiegel jeweils eine reliefartig ausgeformte Akanthusdarstellung ziert (Abb. 9 und Abb. 10). Diese Akanthus-Kacheln finden sich auch an den nördlichen beiden Ecken des Oberbaus des Kachelofens. In das östliche Mittelfeld des Oberbaus wurde nachträglich eine Ofennische mit Ofenröhre eingebaut (Abb. 6). Der untere und obere Abschluss des Oberbaus wird durch zwei Gesims-Bänder gebildet, von denen das Kraggesims im Vergleich zu dem des Unterbaus deutlich größer dimensioniert ist und weiter auskragt (Abb. 9).

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Abb. 9: Blick nach Norden auf die Front des oberen Teils des Kachelofens, der aus einem Rosengitterkachelfeld besteht das von zwei Eckkacheln mit Akanthusblattdekor eingerahmt wird (Philipp Scheitenberger 2018).
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Abb. 10: Blick nach Nordwesten auf die Südostseite Front des oberen Teils des Kachelofens, hier befindet sich eine Eckkachel mit Akanthusblattdekor (Philipp Scheitenberger 2018).

An den Kachelofen schließen, westlich und östlich an die Nordwand der Stube angebaut, jeweils ein Kachelofensitz an (Abb. 3). Die Lehne des westlichen Kachelofensitzes besteht aus einer Reihe Blattkacheln, die Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3). Anschließend an die östliche Seite des Kachelofens, befindet sich ein Kachelofensitz, dessen Sockelbereich und Lehne jeweils mit einer Reihe Blattkacheln besetzt ist, die den Rosengitterdekor aufweisen (Abb. 3).

Insgesamt weist der Kachelofen bezogen auf seine Gestaltung ein sehr harmonisch abgestimmtes Entwurfskonzept auf, was beispielsweise anhand der Proportionen, der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Bänder und der durchdachten Kombination verschiedener Kachelgrößen und -schnitte deutlich wird. Daraus ergibt sich eine fassadenartig-architektonisch wirkende und stilistisch im Barock/ Klassizismus verhaftete Ofenarchitektur. Kulturhistorisch interessant sind die beiden Ofensitze, die als Sitzmöglichkeit in der Stube neben dem warmen Kachelofen dienten.

Ofenkacheln-Modeln wurden meist vom Hafner, der häufig gleichzeitig auch Bildhauer war,[6] in Anlehnung an Vorlagen aus Dekor-Musterbüchern angefertigt,[7] meist über einen längeren Zeitraum zur Herstellung von Ofenkacheln benutzt und auch über größere Distanzen gehandelt.[8] Was die Ofenarchitektur anbelangt lassen sich hingegen auch viele andere Ofenbeispiele finden, die einen quaderförmigen Oberbau aufweisen. Aus diesem Grund führt eine kunstgeschichtliche Datierung des Ofens über die Kubatur und Proportionen des Kachelofens nicht unbedingt zu einem richtigen Ergebnis. Zwar verweist die Gestaltung des Kachelofens des Haus Walser hinsichtlich der Größe sowie dem hochrechteckigen Format der Kacheln und der Art der horizontalen Gliederung des Ofens durch Gesims-Kacheln in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, also in die Phase des Hochbarock, und regional nach Tirol,[9] gleichzeitig lässt sich der an der klassischen Antike orientierende Dekor der Kacheln des Ofens eher dem Klassizismus zuordnen, deswegen gestaltet es sich schwierig eine gültige Aussage zur Entstehungszeit und zur regionalen Zuordnung des Ofens treffen, da hierfür eine repräsentative Anzahl von Öfen mit den gleichen Merkmalen als Grundlage für eine gültige Aussage angeführt werden müsste.

Hilfreich für die Datierung und regionale Verortung der Herkunft des Ofens kann jedoch das Hinzuziehen archäologischer Befunde sein. Diese sind im Idealfall aufgrund von Begleitfunden stratigraphisch datiert worden. Eben dieser Umstand trifft auf die Blattkacheln mit Rosengitterdekor zu. Ähnliche Blattkacheln wurden von Beate Schmid in den Jahren 2003 und 2004 im Humpisquartier in Ravensburg ausgegraben.[10] Diese Kacheln mit Rosengitterdekor entsprechen in ihrer Größe von circa 21 cm x 23,5 cm, ihrem hochrechteckigen Format und der Gestaltung ihres Rosengitterdekors weitestgehend den Kacheln des Ofens des Haus Walser.[10] Unterschiede zeigen sich nur darin, dass die einzelnen Segmente des Rosengitterdekors der Ravensburger Kacheln anstatt der Rosenblüten und Rosenblattmotive der Kacheln des Haus Walser, vertikal Verlaufende parallele Rillen aufweisen. Zudem weisen die meisten Kacheln des Kachelofens aus dem Haus Walser ringförmige Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Elementen des Rosengitterdekors auf, was bei den Kacheln aus Ravensburg nicht der Fall ist. Bei einigen Kacheln des Ofens des Haus Walser fehlen diese ringförmigen Verbindungsglieder ebenfalls. Von Harald Rosmanitz werden diese Blattkacheln mit Rosengitterdekor als Tapetenkacheln bezeichnet, die nach seiner fachlichen Einschätzung im 16. Jahrhundert als Kachelart auftauchten und noch bis weit ins 18. Jahrhundert an Öfen verbaut wurden.[11]

Eine weitere Parallele zwischen dem Kachelofen des Haus Walser und den archäologischen Kachelfunden aus dem Humpisquartier in Ravensburg ergibt sich hinsichtlich der mit Putten-Darstellungen versehenen Eckkacheln. Bei den im Humpisquartier in Ravensburg freigelegten Fragmenten dieser Eckkacheln mit Putten-Motiv handelt es sich um exakt die identische Darstellung wie bei denen die am Kachelofen des Haus Walser verbaut wurden. Zudem weisen die Putten-Eckkacheln aus Ravensburg ebenfalls eine dunkeltürkise Glasurfarbe auf. Harald Rosmanitz datierte diese Kacheln in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.[12] Bei der Ausgrabung im Humpisquartier in Ravensburg traten die Blattkacheln mit Rosengitterdekor mit den Fragmenten der genannten Putten-Kacheln im selben Grabungsschnitt zusammen auf.[13] Ebendiese Blattkacheln mit Tapetendekor wurden auch bei einer Grabung in der Hafnerwerkstatt, Marktstraße 36 in Ravensburg freigelegt, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bewirtschaftet wurde.[14] Anhand der genannten Aspekte zur Datierung des Kachelofens des Haus Walser scheint eine Datierung in das 18. Jahrhundert durchaus plausibel. Auch kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Kacheln des Ofens aus dem Umfeld der genannten ehemaligen Hafnerei stammen, die im Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg angesiedelt war.[15]

Endnoten

[1] Ähnliche Kacheln wurden auch in einem Gebäude in Ravensburg gefunden. Vgl.: Mück, Susanne, Schmidt, Erhard: Ofenkachelmodel aus dem Gebäude Marktstraße 36 in Ravensburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 18. Stuttgart 1989, S. 133.

In Raum 2.05 des Haus Walser wurden Ofenkacheln gefunden, die ehemals am Kachelofen der Stube in Raum 1.03 verbaut waren, und an denen man deren technische Ausführung nachvollziehen kann.

[2] Vergleiche hierzu die Abbildunge eines Ofens mit Irdenaufsatz, der in das Jahr 1767 datiert und aus dem Pfarrhof in Paiting in Reichersdorf stammt. Der Unterbau des Kombinationsofens besteht aus vier quadratischen gusseisernen Ofenplatten. Vgl. Lehnemann, Wingolf (Hrsg.): Eisenöfen. Entwicklung, Form, Technik. München 1984, S. 94, Abb. 83.

[3] Kacheln mit ebensolchen Putten-Darstellungen wurden von Harald Rosmanitz als Allegorien des Frühlings gedeutet. Vgl. Schmid, Beate: Bauarchäologie im Ravensburger Humpisquartier, Stuttgart 2009, S. 89.

[4] Vgl.: Blümel, Fritz: Deutsche Öfen. Der Kunstofen von 1480 bis 1910. Kachel- und Eisenöfen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. München 1965, S. 249f.

[5] Vergleiche hierzu die Abbildung eines Kachelofens, der in die Zeit um 1700 datiert wird mit Putteneckkacheln, die am Unter- und Oberbau jeweils an den vorderen Ecken angebracht wurden, und mit ihrem Körper nach außen ausgerichtet sind. Vgl. Gebhard, Torsten (Hrsg.): Kachelöfen. Mittelpunkt häuslichen Lebens. Entwicklung Form Technik. München 1980, S. 107, Abb. 135.

[6] Vgl.: Franz, Rosemarie: Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. Graz 1981, S. 36f.

[7] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132 f.

[8] Vgl.: Ebd., S. 137.

[9] Vgl.: Blümel 1965, S. 90f; S. 251.

[8] Schmid 2009, S. 89.

[10] Vgl.: Rosmanitz, Harald: Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Bedal, Albrecht; Fehle, Isabella (Hrsg.): HausGeschichten. Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Sigmaringen 1994, S. 161-163.

[11] Vgl.: Schmid 2009, S. 89.; Tafel 22, Nr. 312.

[12] Vgl.: Ebd. Tafel 29, Nr. 310.

[13] Vgl.: Ebd. S. 89.

[14] Vgl.: Mück; Schmidt 1989, S. 132-137.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 13.09.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.

Vollständiges Faerbe- und Blaichbuch mit handgeschriebenem Färberezept gefunden

In einer Kammer im Obergeschoss des Haus Walser wurde das Fachbuch „Vollständiges Färbe- und Bleichbuch; Band VI“ gefunden, das 1795 in Ulm publiziert wurde und für die Intention der Färberfamilie Walser steht, sich in ihrem Handwerk im Hinblick auf den Fortschritt der Färbetechniken zeitgemäß fortzubilden.

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Abb. 1: Titelblatt des im Haus Walser aufgefundenen Färbebuchs (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Ein in diesem Buch eingelegtes Buchzeichen, ist mit einer Notiz zur Herstellung von „roth farb eßig“ versehen, und markiert im Buch einen Abschnitt, der für die Ausübung der Färberei, und die hierfür angewandten Techniken wohl bedeutend war.

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Abb. 2: Marmorierter Einband des gefundenen Färbebuches (Foto: Philipp Scheitenberger 2016).

Das auf dem Notizzettel angeführte Farbrezept dient zur Herstellung einer roten Farbbeize für die Zeugfärberei. Auf dem Buchzeichen finden sich zudem rote Farbflecken, bei denen es sich vermutlich um Reste dieser roten Farbbeize handeln könnte, die beim Anmischen des Rezepts auf den Zettel getropft sind.

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Abb. 3: Im Buch aufgefundener Notizzettel mit einem Rezept zur Herstellung eines roten Farb-Essig für die Zeugfärberei (Fotos: Philipp Scheitenberger 2016).

 

Transkription des Farbrezeptes

Roth Farb Eßig

Auf ein Maß Wasser

1 lot alaun ½ Loth Rothen [Chromalaun]

½ lot weißen [Kalialaun]

4 lot arsenik Rothen [Arsen(II)-Sulfid]

4 lot bleizuchten [Bleioxid]

4 lot Salmiak [Ammoniumchlorid]

2 lot Soda [Natriumcarbonat]

1 lot Scheidwasser [Salpetersäure] mit

Salmiack abgezogen

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 29.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn nicht anders angegeben.