Das iranische Innenhof-Haus

Einleitung

Wie eine Reihe erhaltener historischer Innenhof-Häuser belegt, besteht in der Architektur des vorderen Orients die „Tradition“ bzw. Kontinuität der baulichen Symbiose von Haus und Innenhof.[1] Gerade im Iran trifft man auf eine große Formenvielfalt von Innenhof-Häusern welche bezogen auf ihre Binnenstruktur und andere Details der Konstruktion zur wohnlichen Nutzung an die klimatischen und kultur-religiösen Gegebenheiten der jeweiligen Gegend angepasst sind.

Neben dem überregional grundsätzlich ähnlichen Aufbau der Innenhof-Häuser existieren somit auch eine Reihe lokaler Varianten.

Hauptelemente

Bei den Innenhof-Häusern lassen sich folgende Hauptelemente ausmachen.

Das traditionelle iranische Innenhof-Haus wird typischerweise über einen, über dem Sichtniveau der angrenzenden Straße gelegenen, Eingangsbereich von außen nach innen erschlossen. Betritt man auf diese Weise das Gebäude gelangt man in einen Eingangsbereich des Hauses der vestibule bzw. hashti bezeichnet wird. Dieser Erschließungsbereich dient als Schnittstelle zwischen den zwei Hauptzonen des Hauses und hieran gliedern sich Empfangsräume. Die Binnenstruktur des Hauses ist in zwei voneinander getrennte Raumzonen den biroonie– und anderooni-Bereich aufgeteilt.[2]

Alan Cordova 2014_Courtyard of the Ehsan Guest House_Kashan_Iran
Abb. 1: Iranisches Innenhof-Haus in der Ortschaft Kashan in Iran, zu erkennen ist der eingefriedete Innehof mit Wasserbassin (Foto: Alan Cordova; freies nichtgewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/acordova/13355945364/in/photolist-mmdHf5-6qaPXV-8mtumT-8jUnBM-8mwAGj-mnAuSZ-ac6yEv-9thgjL-2XBGMw-augZMf-9YkAzX-YcK5gY-atZSQJ-atZV7Q-8jXu2E-8mwRaA-7QdckD-9tektK-6eAbGX-2UoTAB-8m6EnE-dWZQhL-7KUduy-GoBMh4-GopPX9-sfXbS-atXoLV-8mtTdr-au177b-6xTp4V-26R4Kk7-atXp88-uB7mV-au159y-dNkSk3-au16qQ-au15Xm-au16Lq-97G9oe-8mtzBR-atZTAm-mmdC9p-atXahD-8mtPiH-atXqqB-atXqMH-77wJCz-9thoaG-atXoGn-atXau4).

Der Zugang zu den verschiedenen Räumen im Bereich der Binnenstruktur des Hauses wird über den courtyard, den Innenhof erschlossen. Zum Innenhof hin öffnen sich in den verschiedenen Stockwerken Ivane also Veranden. Trotz der flexiblen Raumnutzung im Bauwerk haben manche Räume eine zum Beispiel jahreszeitlich bedingt festgeschriebene Nutzungsform. Der talar, Winterraum wird hauptsächlich in der kälteren Jahreszeit genutzt. Der zir zemin, Kellerraum, wird während der heißen Zeit des Tages aufgesucht. Als otagh orsi wird ein großfenstriger Raum bezeichnet. Der pastoo ist ein Eckraum.[3]

Diese als bauliche Hauptelemente genannten Charakteristika des iranischen Innenhof-Hauses treten, je nach Wohlstand der Bauherren, in unterschiedlicher Ausprägung und Gestaltung auf.

Gleich ist den Häusern jedoch eine ähnliche Form der baulich-technischen Ausführung.

Konstruktion

Baumaterialien und -technik

Im 19. Jahrhundert als Gebäude in Iran noch ausschließlich mit solidem Korpus aus getrockneten Ziegeln errichtet wurden (Abb. 3), konstatierte, der am persischen Hof beschäftigte österreichische Arzt und Ethnograph, Jacob Eduard Polak in seinen Notizen eine Verflachung der Baukultur und den Einsatz von minderwertigem Baumaterial bei der Errichtung von iranischen Wohnhäusern (Abb. 2).

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Abb. 2: Der am persischen Hof angestellte österreichische Arzt und Ethnograph Jakob Eduard Polak schrieb unter anderem ethnographische Beobachtungen zur iranischen Kultur und Gesellschaft nieder (Foto: Fotograf und Jahr unbekannt; Fotorechte: gemeinfrei; Quelle: wikipedia.org).

Dabei kamen laut Polak im Gegensatz zu den älteren historischen Bauten bei Gebäuden des 19. Jahrhunderts nicht die qualitativ hochwertigen tieferen Tonschichten zur Ziegelproduktion zum Einsatz, sondern kies- und salzhaltige obere Tondeckschichten. Dies führte zur Zeit von Polaks Aufzeichnungen, wie er in Teheran beobachtete, augenscheinlich zur reduzierten Beständigkeit der Lehmziegel. Besonders in der Regenzeit lösten sich solche Lehmziegel förmlich auf und ganze Wände und Gebäudeteile stürzten ein.[4]

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Abb. 3: Ruine eines abgegangenen Innenhof-Hauses in Teheran, Iran mit aus Ziegeln erbauten Resten der Außenmauern, die Nischen enthalten (sharghzadeh 2017; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/slumtourist/26613591508/in/photolist-GxKBy1-boNDFR-4U3Yk5-oM6VAd-atZULy-atZSgd-boNmST-8mtUUM-6AypBM-4c2ipr-6bpcey-nZ37ot-boNPbg-Zoekdg-8mwv6j-U8CKJB-uxhgU-6AybVR-8m6CTA-26R4HAW-uty1r-ujejT-8mwPb9-3UrAtc-oETc6i-8mwc1L-boPaH4-6bLbrM-25zCoVo-HaCvgd-ak2QUo-26yYq5a-27S8xuQ-LcKfPy-ujHCH-8CyzME-Zkk9Sd-ZkkaoJ-27f6cG5-8mwps3-JFEu6R-RB3wBm-atVHNc-ub6mL-PAtYHD-8mtPx6-8jUsgB-8mtxK8-6bSaus-bX8V4D).

Die Wände der Häuser waren auf Flachfundamenten gegründet, die gerade einmal zwei bis vier Fuß in den Boden reichten. Polak bezeichnete diese Form der Fundamentierung als wenig ausreichend, da frei durch die Straßen fließendes Regenwasser die Fundamente leicht ausspülte, was zur statischen Destabilisierung und im schlimmsten Fall zum Einsturz des Gebäudes führte.[5]

Das Dachwerk der Wohnhäuser wurde nach Polak meist gebildet durch kurze Pappelhölzer, auf die verdichteter Lehm zum Bau eines Flachdaches als oberer Abschluss aufgebracht wurde. Dieses Pappelholz, welches sich aufgrund seiner Weichheit nicht als Bauholz eignet, verrottete schnell, oder wurde von Holzschädlingen befallen, was den Dächern eine sehr beschränkte Lebensdauer beschied. Wenn das seltenere, aber für Bauzwecke besser geeignete, da beständigere Platanenholz verfügbar war, wurde dieses zum Überspannen der Wände als Grundgerüst der Dachkonstruktion benutzt.[6]

Schmuckelemente

Typische Schmuckelemente der Innenhof-Häuser sind zum einen kunstvoll aneinandergefügte Ziegelverbände der Wände wie auch die mit Arabesken und anderen Ornamenten verzierten Nischen in den Wänden repräsentativer Innenräume. Solche Nischen dienten als Aufbewahrungsort von Haushaltsgegenständen, oder anderem Besitz der Bewohner (Abb. 3).[7] Zudem finden sich oft auch aufwändige Malereien in den Innenräumen wieder.

Polak schreibt in seinen Notizen erheiternd über die Gemächer des Schahs von Persien, bei deren Bau mehr auf die Innengestaltung geachtet wurde, als auf eine solide dauerhafte Konstruktion. Eines der wichtigsten Schmuckelemente des Hauses stellt das urusi[8] im talar[9] dar (Abb. 4). Dieses Fenster ist aufwändig mit Schnitzereien und farbigen Glaseinsätzen gestaltet .[10]

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Abb. 4: Aufwändig gestaltetes Urusi-Fenster des Winterraums eines Hauses in der iranischen Stadt Gilan (Hamed Masoumi 2008; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/hamedmasoumi/4356116800/in/photolist-TU3Vcu-atZSZ3-SUidVr-7CJ5R7-a1Phpo-uWruY-92fpGp-92p9JD-7zhzYj-bo3A3r-bo3Au2-a1LpGV-92p8vB-7mVAJt-7CWeL5-5ebLTN-92fpJV-92iwb3-uB7mV-92iw8W-QtuuN-92fpWB-6hwE2e-92fpEx-6hAWE1-VKPRXc-uMepjy-Pjopm3-PaKQTq-PtTG2j-3ppMgB).

Binnenstruktur und Privatsphäre

Die Binnenstruktur sowie das damit zusammenhängende Funktionsprogramm des traditionellen Innenhof-Hauses der islamischen Zeit entstand aus den sozio-religiösen Anforderungen des räumlichen Zusammenlebens muslimischer Familien in Gebäuden und als Antwort auf klimatische Umweltbedingungen.

Wobei die Verwendung einiger baulicher Elemente des Innenhof-Hauses auch in die vorislamische Zeit zurückreicht.

(Visuelle) Privatsphäre in der islamischen Kultur

Soziale und emotionale Handlungen sollen im islamischen Kulturkreis im Kern der Familie stattfinden um das Familienleben zu festigen und sozialen Stress zu verring-ern.[11] Zudem sollen alle, als potentiell heiratsfähige Männer bzw. Fremde angesehene Besucher, nicht die Schönheit der weiblichen Familienmitglieder erblicken können. Dementsprechend werden die Innenhof-Häuser in einen für Männer bestimmten birooni-Bereich[12] und einen für Frauen und Familienmitglieder, denen es erlaubt war die Frauen zu sehen, bestimmten anderooni-Bereich[13] unterteilt.[14]

Eine klare Aufteilung des Hauses in birooni- und anderooni-Bereiche war jedoch meist nur in wohlhabenden Haushalten idealtypisch entwickelt.

Eingansgbereich

Der Eingangsbereich war am Gebäude meist so über der äußeren Sichtlinie gelegen, so dass Passanten beim Vorübergehen nicht in die Innenräume des Hauses blicken konnten. Zusätzlich wurde der Eingangsflur meist in geknickter Form gebaut, was wiederum den Blick von außen auf die Innenräume verhinderte.

Oft findet man an den Eingangsraum anschließend, als Schnittstelle zum anderooni-Bereich einen Empfangsraum welcher Gäste aus den Frauengemächern fernhält und den Männern dazu dient Besucher zu empfangen. Aufgrund dessen wird der Zugang zu den Frauengemächern meist über eine Doppeltürkonstruktion erschlossen. Zudem wurde der Eingangsbereich in vielen Fällen in einen Teil des Hauses verlegt welcher so weit als möglich vom Innenhof entfernt lag.[15]

Doppel-Innenhof-Häuser

Je nach Wohlstand des Bauherrn wurden auch Doppel-Innenhof-häuser gebaut. Damit schuf man im Hinblick auf die Geschlechtertrennung im Innenhof zwei räumliche Nutzungszonen für Männer und Frauen.

Innenhof-Funktionen bzw. -nutzung

Eine Charakteristika des Innenhofs, welches bei den meisten Innenhof-Häusern gleich ist, ist dessen Funktion als Erschließungszone zwischen verschiedenen Gebäudeteilen des Innenhof-Hauses (Abb. 1). Über den Innenhof gelangt man traditionell in die verschiedenen Wohn- bzw. allgemeiner gesagt Nutzungsbereiche des Hauses.

Regionale Unterschiede finden sich dabei jedoch häufig auch. Es kann grundsätzlich zwischen den folgenden Funktionen des Innenhofs unterschieden werden: Abgrenzung des Anwesens, Platz für privates Familienleben, Schnittstelle zwischen Räumen und Elementen des Hauses, Unterstützung der Hausbelüftung, Platz für Gärten oder Ort zur Abkühlung oder Winterquartier für Nutztiere. Zudem bot der Innenhof auch einen geschützten Raum vor extremen Wetterlagen, wie etwa Sandstürmen.[16]

Raumnutzungsaspekte

Tag-Nacht Nutzungszyklus

Den Tag-Nacht Nutzungszyklus findet man vor allem in den heißen Trockengebieten Irans. Während des Tages findet in den Innenhof-Häusern eine Vertikal- und, oder Horizontalwanderung statt. Werden in Häusern mit Untergeschoss an heißen Nachmittagen, in einer Vertikal-Wanderung, der kühle zir zemin[17] aufgesucht, zieht man am späten Nachmittag in den Innenhof den Winterraum oder auf die ivane[18] des Hauses. Die letzte vertikal-Wanderung findet meist nachts vom Innenhof auf das Dach statt. Bei Häusern, mit nach Süden hin gelegenen Räumen, findet zum Abend hin eine horizontal-Wanderung von den nördlich zu den südlich gelegenen Räumen statt.

Sommer-Winter Nutzungszyklus

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert sich auch die Raumnutzung in den Innenhof-Häusern. Werden im Sommer Räume mit größeren Fenstern aufgesucht, nutzt man im Winter Räume mit kleineren Raumöffnungen. Der Zeitpunkt des Raumwechsels war meist der Monat Mai, also der Frühling. Dabei befinden sich die Winterräume meist auf der Nordwest- bzw. Nordostseite des Hauses. Die Sommerräume befinden sich dementsprechend auf der Südwest- bzw. Südostseite.

Gastbesuche

Der Umgang mit dem Gast im islamischen Haus ist widersprüchlich. Zum einen soll dem Gast, auf Aussagen des Koran bezogen, jegliche Gastfreundschaft zukommen – ihm soll das beste Zimmer angeboten werden, zum anderen soll der „fremde männliche Besucher“ die Frauen der Familie nicht zu Gesicht bekommen. Aus dieser Zwiespalt des Umgangs mit dem Gast entwickelt sich ein spezielle Innenraum-Gestaltung der Innenhof-Häuser, auf welche im Punkt Erschließung und Privatsphäre bereits eingegangen wurde. Männliche Gäste werden meist im Empfangsraum birooni-Bereich empfangen weibliche Besucher in einigen Fällen auch. Bei großen Häusern gibt es zum Teil auch im anderooni-Bereich spezielle Empfangsräume für weibliche Gäste.

Städtebauliche Integration in Siedlungsstruktur und Umwelt

Das iranische Innenhof-Haus wurde hauptsächlich in räumlicher nordost- zu südwest-Orientierung gebaut. Oft wird das Haus axial auf Mekka ausgerichtet.  Dabei wird das Gebäude nicht als freistehendes Bauwerk errichtet, sondern in den meisten Fällen in eine solide und geschlossene Mauerumfriedung eingestellt, welche den Blick von Passanten und Eindringlingen vom Familienleben fernhält (Abb. 5). Das Haus öffnet sich somit auch nicht nach außen zu den Nachbargebäuden, sondern nach innen zum Innenhof hin. Das spiegeln auch die Raumöffnungen und Veranden bzw. Balkone wieder welche meist zum Innenhof hin liegen. Umgeben ist das Haus von schmalen Gassen oder anderen Gebäuden (Abb. 5).

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Abb. 5: Blick von der Festung auf die Innenhof-Häuser der Altstadt der Stadt Meybod in Iran (Teseum 2016; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/teseum/31557711342/in/photolist-cknmaG-8msnUz-ckncGQ-cknqTC-49bSqa-8msx26-cknmy5-8msnxF-ckneC1-8msDZ2-8msywZ-ckneM5-cknnDY-cknhtS-cknha1-8m3sTt-8kujBr-8m1SHu-ckncU5-cknjUU-cknic5-8kujRv-8kuiVc-ckniYd-49bTkZ-8mvvwN-8jND29-cknbXb-ecZVUU-utFza-cknejY-ckni1G-cknrpA-cknesN-cknoCf-cknn3W-cknj77-cknrgA-cknqJ3-ckngQU-8kxujm-cknk5U-cknkdG-cknkxG-8m1Cev-Q5Dw8q-cknqb5-8m4MPq-ecUcPp-8msoTa).

Regionale Unterschiede

Nordiranische Innenhof-Häuser

Der Innenhof ist in dieser Region ein Platz der sowohl Schnittstelle als auch Grenze zu den verschiedenen Nutzungsbereichen des Gebäudes darstellt. Die Funktionseinheiten werden dabei mit Zäunen voneinander abgegrenzt. An den Innenhof gliedern sich je nach Fall Scheunen, Läden, andere Häuser oder landwirtschaftliche Gebäude. Dicke, Klima regulierende Mauern sind in dieser Region aufgrund des gemäßigten Klimas weniger notwendig.

Südiranische Innenhof-Häuser

In den feucht-warmen Regionen Südirans übernimmt der Innenhof eine wichtige Funktion zur Klimaregulierung und Belüftung des Gebäudes. Mittels dem Leiten von kühler Luft durch das Haus in den Innenhof und wieder aus dem Haus heraus wird neben der Klimatisierung des Hauses durch massive Wände eine weitere Möglichkeit genutzt im Sommer ein erträgliches Wohnklima zu schaffen.

Weitere Formen der Klimatisierung

In den klimatisch extremen Bedingungen Ostirans wird vor allem in und um die Stadt Yazd eine besondere Form der Klimatisierung verwendet. Der badgir[19] fängt, als eine Art Kamin konstruiertes Gebäudeelement welches auf dem Dach des Hauses angebracht ist (Abb. 6), den vorherrschenden Wind ein und leitet ihn in das Hausinnere. Damit wird im Haus ein erträgliches Klima geschaffen und zudem noch die unteren Stockwerke belüftet.

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Abb. 6: Die als badgir bezeichneten Windfänger der Innenhof-Häuser Ostirans in der Stadt Yazd (Ninara 2008; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/ninara/3003033800/in/photolist-5znkjQ-Qs1ox-8yDvTB-5znjSw-QrDYy-oEmE8i-ndu9Pw-nbpeZG-ndrLXa-nbprKe-8nozKh-8nnXBd-8nkx8D-8nkt44-8nmZ8B-8nn2mM-8nkFQ2-8nmG4H-8nmY9v-8nkukg-8nmSGK-H7ph7m-8njymT-8nmDRp-H7eYg9-ndrhLF-QrEf9-ndrqW8-ndrW4z-ndrMfV-ndrw2P-nbpzrG-8yGzmW-ndtMuh-ndrVw4-8yGE2d-8yDkMv-5JdhcJ-nbpabJ-8yDhYB-ub5MZ-ndrGFz-nds1vF-nbp9FW-eizxmR-efiM6K-ndtQQq-nbpqhK-nbp7F7-nbpkXN).

In der Hochebene von Fars ist das Klima gemäßigt, daher ist die Raumanordnung weniger eingeschränkt und es treten unterschiedliche Formen der Raumanordnung bzw. -nutzung aufgrund der geringeren Notwendigkeit raumklimatischer Überleg-ungen auf.

Das Innenhof-Haus im Iran des 20. Jahrhunderts

Das traditionelle iranische Innenhof-Haus welches sich in seiner Bauweise aus natürlichen, geographischen und kulturellen Gegebenheiten entwickelte, wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts abgelöst von neuen Hausformen, welche sich aufgrund technologischer Innovationen, gesellschaftlichem und kulturellem Wandel und veränderten Lebensformen sukzessive im Iran verbreiteten. Diese neuen Hausformen wurden erstmals um 1961 im größeren Umfang im Iran gebaut.[20]

Veränderte materielle Wohnumwelt und Raumnutzung

Dabei handelt es sich um Wohnblöcke mit Apartment-Wohnungen (Abb. 7). Neu ist dabei vor allem die veränderte Funktion und Nutzung des Innenhofs dieser neuen Hausformen. Der Innenhof wird zu einem gemeinsam von allen Wohnparteien des Hauses genutzten Platz, welcher sich an der Vorderseite des Hauses befindet. Er dient nun oftmals nur noch als Parkplatz oder Verbindungsweg zwischen Parkplatz und Straße. Seine frühere Funktion im Innenhof-Haus als Schnittstelle und Erschließungszone zwischen den verschiedenen Nutzungseinheiten des Hauses übernehmen nun im Gebäude selbst liegende Hausgänge. Die Funktion eines im freien gelegenen privaten Platzes für die Mitglieder des Haushalts, welche zuvor der Innenhof innehatte, übernimmt nun der Balkon. Das nach Innen gerichtete Innenhof-Haus wird von einem nach außen hin geöffneten Wohnbau abgelöst. Die Wandöffnungen, also Fenster dieser neuen Wohnbauten sind nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet.

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Abb. 7: Appartement-Blocks in der iranischen Hauptstadt Teheran (Loizeau 2012; freies nicht gewerbliches Recht zur Bildnutzung, flickr: https://www.flickr.com/photos/the_z_word/15607970846/in/photolist-pMdVXC-6SpH3v-gLewxQ-6xqhfh-2dTNPN-Kyc1sd-MitAd-nQXyED-au19UY-TyikMd-nbeQoW-nNUFUs-bxRcMz-6xm6vF-czQvjo-4hcsuh-548eZj-8kTgDw-BNwkAq-8kR7hh-8kQZnb-8kNXxt-pFs39B-bxRdnM-8kT2P1-bjWgQ7-26R4Kk7-8kQ91B-8kTaZf-bxRdRe-8kP36a-bxRbX8-4h8sha-8kRz21-8kP72H-bjWfMC-8kPNxk-8kP8wg-8kRuU1-8kSYJU-8kQ2Pa-8kS8s3-bxRdDg-mmc4p6-bxR8WF-8kPtYK-8kN51n-8kSnEE-26yYt2n-8kN8VZ).

Trotz der Öffnung der Wohnbauten nach außen bleibt die visuelle Privatsphäre der Bewohner wichtig. Sie wird nun dadurch hergestellt, dass dicke Vorhänge den Blick durch die Fenster ins Innere der Appartements verhindern. Die Räume der Appartements sind nicht wie vormals im Innenhof-Haus Multifunktionsräume, sondern haben eine festgelegte, auf den einen Raum bezogene, Nutzung. Neu ist auch eine Aufweichung der strikten Trennung der Binnenstruktur der Apartment-Wohnungen in birooni- und anderooni-Bereiche. Gästeräume bleiben jedoch zum Empfangen von Freunden und Verwandten, als vom Familienwohnbereich getrennte Bereiche durchaus erhalten.[21] Die Klimatisierung erfolgt bei den neuen Wohnblöcken nicht mehr durch den badgir, oder ein kühlendes Wasserbecken im Innenhof, sondern mittels Klimaanlagen. In den neuen Hausformen finden sich auch keine Kellerräume, oder begehbare Dächer mehr welche man im Sommer in einem Tag-Nacht-Nutzungszyklus aufsuchen könnte.[22]

Veränderung der Wohnform und des Lebensstils

Neben materiellen Veränderungen in der Wohnkultur stellte sich gleichzeitig dazu auch eine Veränderung im Sozialen ein. Das traditionell patriarchale Großfamilienmodel wurde abgelöst von der unabhängigen Kernfamilie deren Haushaltsgröße sich zunehmend verringerte. Aufgrund des Baus von Appartement-Blöcken durch den Wohnungsbau, welche nicht die traditionellen Wohnformen Irans aufgriffen, vollzog sich eine Anpassung der Wohnform der Bewohner an die neuen Wohnbedingungen. Wodurch die traditionellen Wohnformen bzw. Lebensstile der Bewohner von Appartement-Wohnungen sukzessive verschwanden und im Verschwinden begriffen sind.[23]

Fazit

Der Verlust von historischen Innenhof-Häusern und traditionellen Wohnformen bzw. Lebensstilen stellt eine gravierende gesellschaftliche Veränderung im Iran dar. Historisch gewachsene Stadteile mit Altbaubestand werden aufgrund stadtplanerischer Entscheidungen abgerissen, und weichen neuen Appartement- Wohnblöcken. Mit dem Verlust dieser historischen Gebäude geht ein Quellenverlust einher, welcher die Arbeits- und Ergebnisfähigkeit der historischen Bau-, Haus- und Städteforschung hemmt und damit neben materiellem – also den Bauwerken -, auch immaterielles Kulturgut – historische Wohntraditionen und Lebensstile – des iranischen Siedlungsraums im Verschwinden begriffen ist. Zudem erschwert das Verschwinden von traditionellen Wohnformen und Lebensstilen kulturanthropologische Schlussfolgerungen vom Gebäude auf die Gebäudenutzung und umgekehrt.

Endnoten

[1] Vgl. Memarian, Gholamhossein; Frank Brown: „The Shared Charakteristics of Iranian and Arab Courtyard Houses“, in: Brian Edwards, Magda Sibley, Mohamad Hakmi and Peter Land (Eds.): Courtyard Housing: Past, Present and Future, Abingdon 2006, S. 27-40, hier S. 28.

[2] Vgl. Ebd., S. 35.

[3] Vgl. Ebd., S. 27.

[4] Vgl.: Polak, Jacob Eduard: Persien, das Land und seine Bewohner. Hildesheim / New York 1976 [Nachdruck der Ausg. Leipzig 1965], S. 53.

[5] Vgl., Ebd., S.54.

[6] Vgl.: Ebd.

[7] Vgl. Ebd., S. 58.

[8] urusi: persische Bezeichnung für ein großes Prunkfenster.

[9] talar: persische Bezeichnung für den Winterraum.

[10] Vgl. Polak 1976, S. 58f.

[11] Vgl. Gholamhossein 2006, S. 34.

[12] birooni: persische Bezeichnung für den Innenraumbereich des Gebäudes, der vorzüglich für Männer bestimmt ist.

[13] anderooni: persische Bezeichnung für den Innenraumbereich des Gebäudes, der für die Frauen bestimmt ist.

[14] Vgl. Gholamhossein 2006, S. 35.

[15] Vgl. Ebd., S. 38f.

[16] Vgl. Ebd., 28f.

[17] zir zemin: persische Bezeichnung für Kellerraum.

[18] ivan: persische Bezeichnung für eine Form von Veranda.

[19] badgir:persische Bezeichnung für einen gemauerten Kamin/Schornstein, der auf dem Dach des Gebäudes montiert, vorbeiströmenden Wind ins Innere des Hauses leitet.

[20] Vgl. Mirmoghtadaee, Mahta: Process of Housing Transformation in Iran, in: Journal of Construction in Developing Countries, Vol. 14, No. 1, 2009, S 69 – 80, hier S. 74.

[21] Vgl. Ebd., S. 75.

[22] Vgl. Ebd., S. 79.

[23] Vgl.: Ebd.

 

Autor: Philipp Scheitenberger

Veröffentlicht am 24.08.2018

Bild- und Textrechte liegen beim Autor, wenn im Abbildungstext nicht anders angegeben.

 

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